18.08.2005 · Der Londoner Polizeichef, Sir Ian Blair, sieht sich Forderungen nach seinem Rücktritt ausgesetzt: Er habe mögliche Fehler der Polizei vertuschen wollen, die zu den tödlichen Schüssen auf einen unschuldigen Brasilianer führten.
Von Bettina Schulz, LondonSechs Wochen nach den Londoner Bombenattentaten mehren sich die Forderungen, der Londoner Polizeichef, Sir Ian Blair, solle zurücktreten. Kritik am „Metropolitan Police Commissioner“ war auch laut geworden, weil Scotland Yard von den Attentaten überrascht worden war, und heimlich die Kopschußstrategie eingeführt hatte - mit schlimmen Folgen.
Denn am 22. Juli erschossen Beamte den unschuldigen Brasilianer Jean Charles de Menezes, den sie für einen Terroristen gehalten hatten. Schwerwiegender für Blair sind aber die Vorwürfe, er habe eine unabhängige Untersuchung der „Independent Police Complaints Commission“ im Fall Menezes aufhalten wollen.
Kompromittierende Ergebnisse
Anwälte der Familie von Menezes werfen ihm vor, die Polizei habe Lügen verbreitet. Medien halten ihm vor, er habe Falschinformationen der Polizei nach nicht früh genug Einhalt geboten.
Blair kann sich jedoch nur schwer verteidigen: Die am Anfang der Woche an die Öffentlichkeit gelangten ersten Ergebnisse der Untersuchungskommission sind für ihn und Scotland Yard kompromittierend. Blair darf aber öffentlich noch nicht dazu Stellung nehmen, weil die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist.
Wollte Blair Fehler vertuschen?
Eine Verkettung von Kommunikationsfehlern in der Polizei hatte dazu geführt, daß Menezes am Tag nach der zweiten Attentatsserie in London fälschlicherweise für einen der Attentäter gehalten worden war und erschossen wurde.
Blair bat das Innenministerium sogleich, die gesetzlich vorgeschriebene unabhängige Untersuchung zunächst aufzuhalten. Scotland Yard solle den Fall selbst prüfen; die Polizei solle sich besser auf die wichtigere Terroristenverfolgung konzentrieren. Das Ministerium lehnte ab und die Kommission begann ihre Arbeit.
Wegen seiner Intervention halten Blair jetzt Kritiker vor, er habe mögliche Fehler der Polizei vertuschen wollen.
Pannen der Fahnder
Eine Reihe von Fehleinschätzungen führten offenbar zur Erschießung von Menezes. Er verließ am 22. Juli das Londoner Mehrfamilienhaus, in dem die Polizei eine Wohnung zweier Terroristen vermutete.
Die Untersuchungskommission fand nun heraus, daß ein Soldat, der an der Überwachung des Hauses beteiligte Soldat, in diesem Moment auf die Toilette gegangen war. „Ich konnte den Mann daher nicht filmen, was zu seiner Identifizierung im Polizeihauptquartier geführt hätte,“ sagte der Soldat später. Er habe dem Hauptquartier aber noch mitgeteilt, „daß sich das noch mal jemand anderes ansehen muß“.
Andere Beamte folgten Menezes in den Bus, mit dem er zur U-Bahn Station Stockwell fuhr. Über das, was folgte, gibt es unterschiedliche Darstellungen von Polizei und Untersuchungskommission. Nach Angaben von Polizisten trug Menezes eine ungewöhnlich dicke Jacke, die einen Sprengsatz hätte verstecken können.
Befehl mit tödlichen Folgen
Nun stellte sich aber heraus, daß er nur mit einer leichten Sportjacke bekleidet war. Zudem sagte Blair auf einer Pressekonferenz: „So wie ich es verstanden habe, wollten die Beamten Menezes anhalten, doch das ist nicht gelungen.“ Jetzt zeigte sich, daß Menezes von den Sicherheitsbeamten selbst dann nicht angesprochen wurde, als er in die U-Bahn-Station ging.
Die Polizei behauptete zunächst auch, Menezes sei gerannt, über die Barriere am Zugang zu den Gleisen gesprungen und in den Zug gerannt. Die Untersuchungen der Kommission ergaben aber, daß Menezes langsam den Bahnhof betrat, sich eine kostenlos verteilte Zeitung nahm, ordentlich mit seiner Fahrkarte durch die Schranke ging und erst rannte, als er seinen Zug einfahren sah. Zu keiner Zeit wurde Menezes von den Sicherheitsbeamten aufgehalten.
Wie jetzt bekannt wurde, erteilte im Polizeihauptquartier die dort verantwortliche Beamtin Cressida Dick den Befehl, daß der Verdächtige auf keinen Fall den Zug betreten solle. Ihr Nachsatz jedoch, der Mann solle „lebend“ festgenommen werden, schien von den Beamten im Bahnhof Stockwell nicht verstanden worden zu sein.
Fataler Irrtum
Stattdessen wurde eine Spezialeinheit von Scharfschützen angefordert, die den Brasilianer sofort töten sollte, weil man fürchtete, er könne ein Attentat verüben. Der Einsatz wurde „Operation Kratos“ genannt. Da die Schützen jedoch noch nicht am Bahnhof waren, folgten unbewaffnete Sicherheitsbeamte Menezes in den Zug, ebenfalls ohne mit ihm zu reden. Sie hielten die Zugtür auf und warteten, bis die Scharfschützen im Waggon waren.
Daß Menezes kein Terrorist war und niemand ihn als solchen identifiziert hatte, war weder den Scharfschützen noch den Sicherheitsbeamten gesagt worden. Sie aber waren offenbar der Ansicht, Menezes sei ein Selbstmordattentäter. Zeugen berichteten, einer der Sicherheitsleute habe auf Menezes gezeigt und gerufen: „Das ist er.“ Menezes stand in diesem Moment auf und ging ihnen entgegen. Daraufhin wurde er von dem Sicherheitsbeamten in den Sitz zurückgezogen festgehalten, während einer der Schützen ihn sofort mit mehreren Schüssen tötete.