07.03.2005 · Die aus der Geiselhaft befreite Journalistin Sgrena erhebt nach den Schüssen auf sie heftige Vorwürfe gegen Amerika. Der Tod des Geheimdienstmanns Nicola Calipari läßt Italien trauern und bringt Berlusconi in Bedrängnis.
Von Tobias Piller, RomDem italienischen Geheimdienstagenten Nicola Calipari ist eine Rolle als tragischer Held sicher, mit Verehrung und Respekt aus allen Richtungen der Politik, von rechts bis extrem links.
Auch diejenigen, die bei Demonstrationen und Straßenschlachten wie in den vergangenen Jahren in Genua und Neapel Polizisten und Carabinieri feindselig gegenüberstanden und die Geheimdienste am liebsten als Unterdrückungsorgan eines unliebsamen Staates beschreiben, haben sich nun den 51 Jahren ehemaligen Polizisten zum Idol erkoren. Nicht nur im Fall der vor einem Monat in Bagdad gekidnappten Journalistin Giuliana Sgrena, sondern auch in allen anderen Entführungsfällen hatte Calipari eine Schlüsselrolle bei den Bemühungen um eine Freilassung der Geiseln. Auch als es um zwei wochenlang gefangene Mitarbeiterinnen einer italienischen Hilfsorganisation ging, hatte Calipari die Fäden in der Hand.
Kein anonymer Beamter
Für Italiens Politiker und auch für viele Journalisten war der Geheimdienstagent nicht ein anonymer Beamter, sondern jemand, der aus dem täglichen Umgang bekannt war. Dem Staatssekretär Gianni Letta, Berlusconis Mann für alle Problemfälle, galt Calipari als die Kontaktperson für die Auslandsmissionen im Irak. In der Presse hatte Calipari den Ruf einer kompetenten und dennoch bescheidenen Persönlichkeit.
Viele Journalisten hatten ihn als Leiter von Einsatzkommandos in Rom und Genua sowie als Organisator von Aktionen gegen die organisierte Kriminalität in Kalabrien kennengelernt. An dieser positiven Einschätzung änderte auch sein Wechsel zum militärischen Geheimdienst Sismi und später die Ernennung zum Chef für Auslandsoperationen nichts, durch die Calipari vor wenigen Jahren den Kontakt zur Öffentlichkeit verloren hatte.
Vorm „Altar des Vaterlands“
Schon am frühen Morgen warteten Hunderte von Italienern geduldig vor dem Mausoleum des Königs Vittorio Emanuele, in der italienischen Republik umfunktioniert zum „Altar des Vaterlandes“, um dem Beamten die letzte Ehre zu erweisen, der mit seinem Körper die befreite Journalistin Giuliana Sgrena gedeckt hatte und dabei selbst tödlich verletzt wurde. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi hatte sich bei der Ankunft der Leiche am Samstag gegen Mitternacht stumm versammelt mit beiden Händen gegen den Sarg gestützt.
Mit dem Ausdruck vom „Schicksalsschlag, vom Zufall verursacht“, hatte Italiens Außenminister Gianfranco Fini schon kurz nach der Nachricht von der Befreiung der Journalistin Sgrena und vom Tod ihres Befreiers Calipari in einem nächtlichen Interview am Freitag abend die Widersprüchlichkeiten des Falles in Worte zu fassen gesucht. Doch mit dieser eher fatalistischen Interpretation wollte sich in der italienischen Politik schon wenige Stunden später niemand mehr zufriedengeben.
Zurück zu bekannten Denkschemata
Die Ereignisse machten es der weit links stehenden Journalistin Sgrena und ihrem Lebensgefährten Pier Scolari leicht, wieder zu den bekannten Denkschemata zurückzukehren. „Für jemanden, der gerade 300 Schüsse abbekommen hat, ist ihr Zustand ganz gut“, hatte Scolari schon am Freitag nachmittag, kurz nach der Rückkehr nach Rom, den Gesundheitszustand der Journalistin beschrieben. Er war dann derjenige, der ganz offen vor laufenden Fernsehkameras Amerika beschuldigte, einen Mordanschlag geplant und ausgeführt zu haben, um die unliebsame Journalistin zu töten.
Die wiederum erinnert sich nun daran, daß ihre Entführer und Bewacher sie im Moment der Freilassung vor den Amerikanern gewarnt hätten. „Die Amerikaner wollen keine Zeugen für ihren Krieg im Irak. Sie behandeln uns alle wie Spione“, lautet die Interpretation. Auch der Umstand, daß womöglich ein Lösegeld für die Freilassung bezahlt worden sei, werde von den amerikanischen Besatzern im Irak als unerwünschte Vorgehensweise bezeichnet, die nur weitere Entführungen hervorbringe. Was liege also näher, als die Journalistin noch kurz vor dem Erreichen der Freiheit umzubringen, fragen nun die beiden, und mit ihnen Sgrenas kommunistisches Blatt „Il Manifesto“ und einige Politiker.
Willkommener Stoff für die Kommunisten
Italiens Führer der „Wiedergegründeten Kommunisten“, Fausto Bertinotti, fand so am Sonntag willkommenen Stoff für die Abschlußrede auf seinem Parteitag, indem er den Amerikanern die Arroganz von Sklavenhaltern vorhielt und der Regierung Berlusconi sagte, sie lasse zu, daß Italien sich sklavisch den Amerikanern unterwerfe.
Den Politikern im Regierungslager blieb nichts anderes übrig, als einander in Forderungen nach einer lückenlosen Aufklärung des Falles zu übertreffen und in populistischer Manier Stärke gegenüber Amerika zu zeigen. Schließlich scheint für die Italiener klar, daß ihr Held wie auch der Fahrer des wenige hundert Meter vor dem Flughafen von amerikanischen Kugeln durchsiebten Autos darauf vertrauten, daß die Amerikaner über die Ankunft des italienischen Autos informiert waren und angeblich sogar am Flughafen warteten.
Mit versteinerter Miene
Sogar Ministerpräsident Berlusconi, der sich gern als großer persönlicher Freund von Präsident Bush darstellt, zeigt sich fordernd. Mit versteinerter Miene sagte er am Freitag abend schroff: „Irgend jemand wird für das Vorgefallene die Verantwortung übernehmen müssen.“ Daraus spricht nicht nur die Sorge, sondern auch persönliche Enttäuschung darüber, daß ausgerechnet die so sehr gepflegten amerikanischen Verbündeten alle politischen Kalküle des Ministerpräsidenten zunichte machen.
Der muß sich in weniger als vier Wochen bei den Regionalwahlen einem wichtigen Popularitätstest stellen. Dafür ist schon vieles schiefgelaufen, von der Kandidatenauswahl bis zur Sitzverteilung. Zudem sehen die Feinde Berlusconis im eigenen Lager eine günstige Gelegenheit, sich abzusetzen und die Regionalwahlen als Test für die Kräfteverhältnisse innerhalb des Bündnisses zu benutzen, der dann bei der Kandidatenaufstellung für die Parlamentswahlen 2006 wieder hervorgeholt wird.
Eine glänzende und schnelle Befreiungsaktion, die - etwa im Vergleich zu Frankreich - auf die Vorzüge eigener Soldaten und Geheimdienstoffiziere im Irak verwiesen hätte, kann der Regierungschef jetzt nicht mehr lobpreisen. Und auch ein anderer Preis entgeht ihm: Die Redaktion des Erzfeindes „Il Manifesto“ hätte ihm Tribut dafür zollen müssen, daß der Chefredakteur und Sgrenas Lebensgefährte Scolari über alle Schritte in Richtung der Befreiung vertrauensvoll informiert wurden. Verglichen damit klingt die Forderung nach Aufklärung nach enttäuschend wenig.