Home
http://www.faz.net/-gq5-714d8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tod durch Polonium? Jassir Arafat könnte vergiftet worden sein

 ·  Fast acht Jahre nach seinem Tod haben der Sender „Al Dschazira“ und Arafats Witwe Suha neue Untersuchungsergebnisse vorgelegt. Kleidungsstücke des verstorbenen Palästinenserführers weisen erhöhte radioaktive Werte auf. Nun soll seine Leiche exhumiert werden.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

In Ramallah sind Mausoleum und Gedenkmuseum fast fertig gebaut. Aber Jassir Arafat findet in seinem Marmorsarkophag selbst fast acht Jahre nach seinem Tod immer noch keine Ruhe. Der arabische Sender „Al Dschazira“ will nun mit der Hilfe Schweizer Fachleute herausgefunden haben, dass der PLO-Chef mit Polonium-210 vergiftet worden ist. Mit der radioaktiven Substanz wurde nach Ansicht der britischen Polizei in London im Jahr 2006 auch der ehemalige russische Agent Aleksandr Litwinenko getötet.

Arafats Witwe Suha verlangt, die sterblichen Überreste ihres Mannes zu exhumieren, um den endgültigen Nachweis zu erbringen, dass es sich wirklich um Polonium handelt. Laut den Fachleuten des „Institut de radiophysique“ in Lausanne handelt es sich dabei um Polonium, das nur in einem Reaktor bei einer Kernreaktion hergestellt werden kann. Damit würde sich der Kreis möglicher Beteiligter auf Staaten mit Atomkraft verkleinern – auch Israel verfügt über diese Technologie. Fast ein Jahr lang hat Al Dschazira recherchiert. Eine Hauptfigur in dem Film ist Arafats Witwe Suha, die nach dem Tod ihres Mannes nicht Israel, sondern der PLO-Führung vorgehalten hatte, an dessen Tod Schuld zu sein. Nach Arafats Tod in einem Pariser Militärkrankenhaus am 11. November 2004 hatte sie zunächst keine Obduktion der Leiche verlangt, obwohl die Ärzte damals keine eindeutige Todesursache finden konnten; der medizinische Abschlussbericht ist bis heute nicht veröffentlicht worden.

Sieben Jahre nach Arafats Tod erhielten die Schweizer Fachleute von seiner Witwe eine Reisetasche mit persönlichen Gegenständen. Darunter seine Kefije, das Kopftuch, das sein Markenzeichen wurde, eine Pelzmütze, Unterwäsche und Zahnbürsten. Durch DNA-Vergleiche stellten die Forscher nach eigenen Angaben sicher, dass Haare und Reste anderer Körperflüssigkeiten mit auffällig erhöhte Werte von Polonium wirklich vom PLO-Chef stammten. Wo und wie der Inhalt der Tasche zwischen 2004 und 2011 aufbewahrt wurde, ist unklar. Blut- und Urinproben konnten die Experten ebenfalls nicht für vergleichende Untersuchungen heranziehen. Während der Recherchen stellte sich heraus, dass sie in Paris schon vor mehreren Jahren vernichtet worden waren.

Abgesehen vom Polonium-Verdacht kam „Al Dschazira“ nicht weit. Bei allen beteiligten Ärzten stieß der Sender auf eine Mauer des Schweigens. Nur ein tunesischer Arzt, der Arafat noch in Ramallah untersuchte, sagte, er sei sich sicher, dass der Palästinenserführer nicht an einer HIV-Infektion gestorben sei, wie auch gemutmaßt worden war. Auch die Fachleute in Lausanne fanden darauf keine Hinweise. Arafats Witwe, die im Exil auf Malta lebt und mit der palästinensischen Führung zerstritten ist, reichen die bisherigen Erkenntnisse aus. Sie fühle sich erleichtert, dass sie dazu beigetragen habe, „dem palästinensischen Volk sowie den Arabern und Muslimen auf der ganzen Welt“ zu zeigen, „dass es kein natürlicher Tod war, sondern ein Verbrechen“.

Arafats Fatah-Organisation wie die Hamas wollen den neuen Hinweisen nachgehen. Ein Sprecher des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, kündigte am Mittwoch an, man wolle die sterblichen Überreste seines Vorgängers Jassir Arafat exhumieren. Einen konkreten Termin nannte er indes nicht. Die Exhumierung ist für viele Muslime aus religiösen Gründen problematisch. Zudem müssten die Proben über einen israelischen Grenzübergang in ein ausländisches Labor gebracht werden. Mindestens drei Untersuchungskommissionen hatten ihre Arbeit in der Vergangenheit schon ergebnislos abgebrochen; das lag auch daran, dass Arafats Witwe ihnen nicht einmal den Abschlussbericht der französischen Ärzte überließ. Für die Hamas steht der Schuldige ohnehin fest: Die israelische Besatzungsmacht sei verantwortlich, sagte Hamas-Führer Ismail Radwan am Mittwoch.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge

Antiterrorkampf 2.0

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Obama möchte das Kapitel, das am 11. September 2001 begann, schließen. Mit dieser Absicht aber steht seine Verantwortung als Präsident und Oberbefehlshaber in einem Spannungsverhältnis, das schwer aufzulösen ist. Mehr 16 3