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Tiananmen-Massaker „Wovor soll ich jetzt noch Angst haben?“

03.06.2009 ·  Ding Zilin ist eine der „Mütter vom Tiananmen“. Ihr Sohn war eines der ersten Opfer der blutigen Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989. Eine Kugel traf ihn in den Rücken. Am Tag zuvor war er 17 Jahre alt geworden.

Von Till Fähnders, Peking
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Im Rückblick scheint manchmal ein kurzer Moment einem ganzen Leben seine Bestimmung zu geben. Für die 73 Jahre alte frühere Philosophieprofessorin Ding Zilin war dies der Moment, als eine Kugel in den Rücken ihres 17 Jahre alten Sohnes eindrang und schräg durch sein Herz schlug. 20 Jahre sind seitdem vergangen. Die Zeit hat Ding Zilin damit verbracht, nach Gerechtigkeit für ihren Sohn zu suchen. So stark ist dieser Moment in ihrer Biographie, dass fast nie jemand fragt, wie eigentlich ihr Leben davor ausgesehen hat, weil es im Vergleich so unwichtig erscheint.

Ding Zilin ist eine der Mütter vom Tiananmen. Unter diesem Namen kämpft eine lose verbundene Gruppe von mehr als 120 Eltern und Angehörigen darum, dass in China endlich die Wahrheit über den Tod ihrer Kinder, Geschwister oder Ehepartner ausgesprochen werden kann. Diese kamen in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 ums Leben, wurden von Soldaten niedergeschossen oder von Panzerketten zermalmt. 195 Namen haben die Mütter vom Tiananmen gesammelt, aber es waren sicherlich mehr, darunter Studenten, Arbeiter, Leute aus dem Volk - manche sprechen sogar von Tausenden.

Staatssicherheit besucht Dissidenten

Es muss damals in Peking eine ähnliche Hitze geherrscht haben wie an diesem Tag Ende Mai, kurz vor dem Jahrestag des Massakers. Die Behörden sind nervös, vor dem Jahrestag wurden Dissidenten eingeschüchtert und Aktivisten unter Druck gesetzt. Selbst der Künstler Ai Weiwei, der sich zu 1989 kaum äußert, wurde von der Polizei besucht. Der Autor Wu Gaoxing wurde festgenommen, nachdem er sich zusammen mit fünf anderen einstigen Tiananmen-Häftlingen in einem offenen Brief kritisch geäußert hatte.

In ihrer Wohnung wedelt sich Ding Zilin mit einem Fächer Luft ins Gesicht. Sie sitzt fest, die Staatssicherheit hat sie unter Hausarrest gestellt. Sie darf Journalisten aus dem Ausland empfangen, wenn diese angemeldet sind und sich beim Pförtner registrieren. Ob es nicht gefährlich ist? „Es ist egal. Nachdem ich von dem Tod meines Sohnes erfahren hatte, war es, als falle ich in eine tiefe Schlucht“, sagt Ding Zilin mit schneidender Stimme. „Wovor soll ich jetzt noch Angst haben?“

Die drohende Gefahr

Vor 20 Jahren, in der Abenddämmerung des 3. Juni 1989, wird überall in Peking eine dringende Mitteilung verkündet, über die staatlichen Fernsehsender, das Radio und Lautsprecherwagen der Armee. Die Bevölkerung wird aufgefordert, nicht auf die Straße zu gehen, nicht zum Tiananmen-Platz zu gehen und an ihren Arbeitsplätzen oder zu Hause zu bleiben, um so ihre Sicherheit nicht zu gefährden und unnötige Opfer zu vermeiden. Ding Zilins Sohn Jiang Jielan hört die Mitteilung daheim mit seinen Eltern, wie seine Mutter 20 Jahre später berichtet. Er ist nervös, befürchtet, dass den Studenten Gefahr droht, die seit Wochen auf dem Tiananmen-Platz ausharren.

Jiang Jielan war einer der ersten Mittelschüler, die sich damals den demonstrierenden Studenten angeschlossen hatten. Ein Foto, das in der Wohnung an der Wand hängt, zeigt ihn stolz an deren Spitze laufend, Hand in Hand mit einem Klassenkameraden. Um die Stirn hat er sich ein rotes Band geknüpft. Nach dem Tod des früheren Parteichefs Hu Yaobang Mitte April hatte Jiang Jielan häufig die Universitäten besucht und fasziniert die Wandzeitungen gelesen. Darin wurde die politische Führung auf bisher unerhörte Weise angegriffen. Jiang Jielan, ein Schüler mit guten Noten, beteiligte sich auch an einer Kundgebung vor dem Regierungssitz Zhongnanhai. Abends radelte er immer wieder zu den Studenten, von denen einige in einen Hungerstreik getreten waren. Sie waren nur ein paar Jahre älter als er, die meisten um die 20.

Sie dachten, es seien Gummigeschosse

Am 3. Juni, nachdem am Abend die alarmierende Mitteilung über alle Kanäle verbreitet worden war, schien die politische Aufbruchsstimmung der vergangenen Wochen in eine bedrohliche Atmosphäre umzukippen. Ding Zilin und ihr Mann flehten den Jungen an, zu Hause zu bleiben. „Er kritisierte uns, sagte, wir seien egoistisch“, erinnert sich Ding Zilin. Am Ende der Auseinandersetzung schloss sich Jiang Jielan im Badezimmer ein und flüchtete durch ein Fenster. Damals sah Ding Zilin ihren Sohn zum letzten Mal lebend. Er war erst einen Tag zuvor, am 2. Juni, 17 Jahre alt geworden. „Es war sogar noch etwas von seinem Geburtstagskuchen übrig“, sagt die Mutter heute.

Jiang Jielan radelte in Richtung Tiananmen-Platz, zusammen mit einem Klassenkameraden. Es war zwischen halb elf und elf Uhr abends, die Zufahrtsstraßen waren blockiert, die Bevölkerung hatte sich den anrückenden Panzern in den Weg gestellt. Doch die Armee schien entschlossen, den schon vor Tagen verhängten Ausnahmezustand durchzusetzen. In Muxidi eröffneten die Soldaten plötzlich das Feuer. Viele dachten erst, es seien bloß Gummigeschosse. Dann aber fielen die ersten blutüberströmt zu Boden. In der Menge war auch Ding Zilins Sohn Jiang Jielan. Er flüchtete mit seinem Klassenkameraden vor den Gewehrsalven, doch beide wurden von Kugeln getroffen. Der Kamerad bekam einen Schuss in den Arm, Jiang Jielan in den Rücken. Er war eines der ersten Opfer dieser Nacht.

Kollektives Schweigen - von der Regierung verordnet

Die Staatsmacht verbietet Ding Zilin 20 Jahre später, öffentlich ihren Sohn zu betrauern. Am 17. Mai dieses Jahres kamen drei Beamte der Staatssicherheit in ihre Wohnung. Für den Nachmittag war wie jedes Jahr eine Trauerzeremonie der Tiananmen-Mütter geplant. Die Beamten untersagten ihr, an der Trauerfeier teilzunehmen. Die Beamten wollten ihr auch nicht erlauben, am 3. Juni nach Muxidi zu gehen, um dort für ihren Sohn zu beten. „Ich fragte: Ihr habt dort damals so viele Leute getötet. Wenn ich in der Nacht an diesem Ort still für meinen Sohn beten will, welches Gesetz breche ich dann?“ Einige Mitstreiter haben sie gebeten, Fotos ihrer getöteten Kinder und Angehörigen in Muxidi abzulegen. Ding Zilin breitet nacheinander die zehn Bilder auf ihrem Esstisch aus. Sorgfältig nennt sie jeden Namen und die Umstände ihres Todes, soweit sie bekannt sind. Das Leid der anderen scheint ihr kaum weniger zu bedeuten als das eigene.

Die Beamten fragten auch, ob Ding Zilin nicht mit ihrem Mann bis zum Jahrestag nach Qingdao fahren wolle, ans Meer, um „auszuspannen“. Doch Ding Zilin weigert sich, Peking zu verlassen. „Die Asche meines Sohnes ist hier in meiner Wohnung, da kann ich nicht weggehen“, sagt sie. Die pensionierte Professorin lässt sich nicht so leicht vertreiben. Sie ist eine der bekanntesten chinesischen Intellektuellen, die für eine Aufarbeitung der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen streiten. Nur wenige in China stemmen sich gegen das kollektive Schweigen, das von der Regierung verordnet wurde. Denn dazu gehört viel Mut. In ihrem am 28. Mai veröffentlichten Appell fordern die Mütter vom Tiananmen eine unabhängige Untersuchung des Militäreinsatzes. Die Verantwortlichen sollten zur Rechenschaft gezogen und die Angehörigen für ihren Verlust entschädigt werden.

Der Wandel Chinas

Ende der neunziger Jahre gründete Ding Zilin die „Mütter vom Tiananmen“ zusammen mit der Mutter eines Studenten, der in der Nacht ebenfalls erschossen worden war. An einer Vitrine stehen die Preise, die ihr von ausländischen Menschenrechtsorganisationen verliehen wurden. Wer weiß, wie es ohne die Unterstützung um sie stehen würde. Die Verbitterung nach so vielen Jahren ist ihr anzumerken. „Es sind nun 20 Jahre vergangen, und wir haben keine Gerechtigkeit für sie bekommen“, sagt sie. „Aber wir haben eine Sache erreicht, wir haben unsere menschliche Würde bewahrt.“ Während ihres Feldzugs gegen das Vergessen musste Ding Zilin immer wieder unter Repressalien leiden. Nach einem ihrer ersten Interviews mit dem amerikanischen Fernsehsender ABC wurde sie 1991 für einige Zeit festgenommen. „Seither werde ich immer wieder bestraft“, sagt sie. Den Wandel Chinas der vergangenen Jahre sieht sie skeptisch. „Es gibt sicherlich einige Veränderungen, aber ich glaube, sie sind keine Verbesserungen, sondern einfach Zugeständnisse der Regierung, zu denen sie gezwungen wird“, sagt Ding Zilin.

Vor dem Moment, als eine Kugel den Rücken und das Herz ihres Sohnes durchschlug, hatte sie schon ein anderes Leben, aber das ist der wohl weniger wichtige Teil ihrer Biographie. „Ich komme aus einer Intellektuellenfamilie“, sagt die frühere Professorin, eine ihrer Tanten sei Deutsche gewesen. Geboren wurde Ding Zilin in Schanghai, wuchs aber teilweise in der Nachbarstadt Suzhou und später in ärmlichen Verhältnissen im Nordosten Chinas auf. Ihr Vater arbeitete als Ingenieur für einen Minenbetrieb. Er wurde Opfer „politischer Säuberungen“ und verlor Anfang der fünfziger Jahre seine Arbeit. Die Mutter starb früh an Tuberkulose. An der Pekinger Volksuniversität studierte Ding Zilin vier Jahre Journalismus, blieb dort als Dozentin, wechselte aber in die philosophische Abteilung. Sie war Mutter für drei Kinder: einen älteren Sohn von ihrem früheren Ehemann, der während der Kulturrevolution zu Tode gekommen war, sowie eine Tochter, die ihr heutiger Mann aus einer früheren Ehe mitgebracht hat. Und für den jüngsten Sohn, aber der wurde ja nur 17 Jahre alt.

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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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