15.11.2006 · Der Machtwechsel kam blumengeschmückt und friedlich daher. Nach dem ersten Jubel über den Putsch werden die Thai aber wieder ängstlich - vor allem in den Dörfern. Jochen Buchsteiner berichtet aus Thailand.
Von Jochen Buchsteiner, ChiangmaiIn Haarnadelkurven windet sich die Straße die Berge hinauf; der Wagen fährt schnell. Noch vor wenigen Jahren waren die Menschen hier, fast 800 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, auf eine Schotterpiste angewiesen. Jetzt gleiten sie auf Asphalt, die orangefarbenen Hütchen am Pistenrand zeigen weitere Verbreiterungsarbeiten an. „Alles, was Thaksin hier gemacht hat, war gut, gut, gut!“ bricht es aus dem Fahrer heraus. „Und jetzt? Alles schlecht, schlecht, schlecht!“ Langsam regt er sich wieder ab und sagt leise: „Es ist eine Tragödie, was in diesem Land geschieht.“
Sechs Wochen nach dem Putsch ist Thailand oberflächlich zur Ruhe gekommen. Scheinbar sorglos gehen die Menschen ihren Geschäften nach, nirgendwo sind Panzer zu sehen. Die Dritte Armee, die für den Norden des Königreiches zuständig ist, hat sich in die Kasernen zurückgezogen. Selbst in Chiangmai, der Geburtsstadt des entmachteten Premierministers, patrouillieren keine Soldaten mehr auf den Straßen. Doch der Rückkehr zur Normalität haftet etwas Trügerisches an.
Blumenexpo ohne Thaksin
In einem kleinen Bergdorf sitzt Sri vor ihrer Tankstelle und zählt Geld. Eine Freundin sitzt ihr am Tisch gegenüber, hin und wieder kommt ein Verwandter vorbei und hält ein Schwätzchen. Über die politischen Entwicklungen redet man hier nicht gern, aber solange keine Namen genannt werden, lassen sie sich auf ein Gespräch ein. Eine „Schande“ sei es, sagt Sri, daß Thaksin Shinawatra die „Blumenexpo“ in Chiangmai nicht habe eröffnen können. Wieder habe die Region einen neuen Anziehungspunkt erhalten, und der, der das ermöglicht habe, sei einfach von den Soldaten „verjagt“ worden.
In den fünf Amtsjahren Thaksins, da sind sich die Menschen vor der kleinen Tankstelle einig, hat sich das Leben hier oben spürbar verbessert. Sie haben günstige staatliche Kredite erhalten und weniger Angst vor dem Krankwerden, weil nun jeder für nur dreißig Baht - umgerechnet weniger als ein Euro - jede nötige Behandlung bekommt. „Thaksin ist der beste Politiker, den Thailand je hatte“, sagt Sri, ohne vom Geldzählen aufzuschauen. „Ein Held!“ fügt ein Mann hinzu und zieht sich gleich darauf zurück, als habe er etwas Anstößiges von sich gegeben.
Auf dem Land verehrt, in den Städten verachtet
In den großen Städten hat man den Eindruck, ganz Thailand sei erleichtert über den Machtwechsel. Die von den Generälen beaufsichtigten Zeitungen schreiben es in ihren Leitartikeln, die Professoren, die sich in der Anti-Thaksin-Bewegung zusammengefunden haben, sagen es in ihren Seminaren; selbst die Taxifahrer in den Metropolen, die einst zur Stammwählerschaft des Premierministers zählten, haben angeblich nie für Thaksin gestimmt. Auf dem Land ist das anders. Hier wird der Mann, der in seinen fünf Amtsjahren das Land Stück für Stück den traditionellen Eliten zu entwinden versuchte, in Ansehen und Ehre gehalten.
Von hier, aus Chiangmai, ging in den neunziger Jahren Thaksins populistische Revolution aus, die schließlich im Jahr 2001 zum ersten Wahlsieg führte. Viele in Thailand hatten sich damals betrogen gefühlt von den Eliten des Landes, die sich im Zeitraffer bereichert und dann in der „Asien-Krise“ das Volk mit in den wirtschaftlichen Abgrund gezogen hatten. Thaksin, der Geschäftsmann, schien anders. Er war schon reich, sehr reich sogar, und wirkte unanfällig für Korruption. Er versprach, sich nicht mehr nur um die einflußreichen Hauptstadtcliquen zu kümmern, sondern um die Vernachlässigten.
Den König herausgefordert
Im Norden holte Thaksin seine Stimmen. Er ließ Geld in die bäuerlich geprägte Region fließen und kam den konservativen Ansichten der Dorfbewohner entgegen. Sein Feldzug gegen den Drogenhandel fand hier ähnlich viel Zustimmung wie sein harter Kurs gegen die Aufständischen im muslimischen Süden. Thaksins Anhänger in den stark bevölkerten Nordprovinzen sorgten dafür, daß er trotz kräftigen Gegenwindes aus Bangkok und dem Süden bei den letzten ordentlichen Wahlen im Frühjahr 2005 landesweit eine Zweidrittelmehrheit holte.
Aber Thaksin hatte mehr im Sinn, Höheres. Er wollte das gewachsene System des Landes, in dessen Mitte ein fast religiös verehrtes und dabei sehr machtbewußtes Königshaus steht, überwinden. Auch wenn sich nicht einmal er traute, offen den Machtanspruch des Monarchen zu kritisieren - mit seiner unabhängigen Politik forderte Thaksin ihn unablässig heraus. Dies und seine zweifelhaften Praktiken, die den rechtsstaatlichen Rahmen bis an die Berstgrenze überdehnten, brachten das alte Establishment schließlich so gegen ihn auf, daß er vertrieben wurde.
Vom Regen in die Traufe?
Die „Anti-Thaksin-Bewegung“ war urban. Nicht nur in Bangkok, auch in Chiangmai, Thailands zweitgrößter Stadt, bildete sich der Widerstand. „Natürlich wollten wir ihn loswerden - aber doch nicht so, mit illegalen Mitteln“, sagt Somchai Preechasinlapakun, ein Rechtsprofessor an der Chiangmai-Universität. Somchai fürchtet, daß das Land mit den neuen Machthabern vom Regen in die Traufe geraten ist. Resigniert sitzt er in seiner Denkerstube auf dem Campus und zeigt aus seinem Fenster auf die Berge, wo die Dorfbewohner leben. „Sie haben aufgehört, über Politik zu reden“, sagt er. „Sie sind ängstlich geworden.“
Kein Schuß fiel bisher, und niemand wanderte für länger ins Gefängnis - und doch wird immer mehr Menschen klar, daß der Machtwechsel, der so friedlich und blumengeschmückt daherkam, die militärische Kultur in die Politik zurückgebracht hat. Noch immer gilt das Kriegsrecht, und bei allen Bekenntnissen zu Rechtsstaat und bürgerlichen Freiheiten fühlen sich die neuen Machthaber wohler, wenn sie kontrollieren. In Somchais Rechtsseminar tauchen zuweilen bis zu zwanzig Polizisten auf - nicht, um etwas bei ihm zu lernen.
Die neuen Machthaber geraten unter Druck
Daß die Generäle ihre Herrschaft möglicherweise als gar nicht so vorübergehend begreifen, leitet sich auch aus den Diskussionen im neuen „Parlament“ ab, die bis nach Chiangmai gedrungen sind. Die Verfassung, die derzeit in Bangkok ausgearbeitet wird, soll offenbar dem Königshaus und dem Militär ein dauerhaftes Mitspracherecht sichern - bis hin zur Ernennung eines Großteils der Abgeordneten. „Wir drohen ein System zu bekommen, in dem die Parteien und das Parlament geschwächt sind und die Bürokratie gestärkt wird“, fürchtet Somchai.
Langsam, aber spürbar geraten die neuen Machthaber unter Druck. Ihr Versprechen, das Land binnen eines Jahres zu Wahlen zu führen, wird mittlerweile in privaten Gesprächen bezweifelt. Viel hängt davon ab, ob sie der Öffentlichkeit beweisen können, daß ihr Eingreifen berechtigt war. Bislang haben sie nicht viel vorzuweisen. Aus dem Kreis der Anti-Korruptions-Ermittler drang unlängst, daß bislang keine Belege für ein Fehlverhalten Thaksins aufgetaucht seien. Auch die anderen Rechtfertigungsgründe der Militärs sind bisher nicht bestätigt: rechtswidriges Verhalten, Unterwanderung demokratischer Institutionen, antimonarchistische Umtriebe.
Kehrt Thaksin zurück
Die wenigsten, nicht einmal seine Parteifreunde in Chiangmai, rechnen damit, daß Thaksin in nächster Zeit sein Exil in London verläßt. Aber erstaunlich viele können sich vorstellen, daß er in zwei bis vier Jahren auf die politische Bühne Thailands zurückkehrt. Wie das Land dann aussehen wird, mag allerdings niemand vorhersagen.
Mit einem König, der in diesem Sommer den 60. Jahrestag seiner Thronbesteigung gefeiert hat, nähert sich Thailand der größten politischen Umwälzung seit Jahrzehnten. Manche sehen die ungeklärte Nachfolge als heimlichen Hauptbeweggrund der militärischen Machtübernahme. Die Unzufriedenheit mit einer Generalsregierung, die zunehmend eigene Interessen verfolgt, könnte nach einem Thronwechsel in einer Legitimationskrise des ganzen monarchistischen Systems münden. „Dieses Land“, sagt ein Weggefährte Thaksins in Chiangmai, „blickt sehr unruhigen Zeiten entgegen.“
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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