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Terrorprozess in Madrid Viele Indizien gegen den „Ägypter“

15.02.2007 ·  Im Mittelpunkt des ersten Prozesstages stand vor allem ein Gesicht: das von Rabei Osman El Sayed Ahmed, alias „Mohamed, der Ägypter“. Er soll einer von drei „geistigen Urhebern“ der Zug-Attentate gewesen sein. Sein Geständnis wiederholte er vor Gericht aber nicht.

Von Leo Wieland, Madrid
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Die Wiederkehr des Albtraums hatte für die Opfer diesmal neunundzwanzig Gesichter. Pilar Manjón, eine Mutter, die am 11. März 2004 bei dem Massaker in Madrid ihren Sohn verlor, prägte sie sich genau ein. Sie schaute am Donnerstag nach der Eröffnung des „Jahrhundertprozesses“ gegen die mutmaßlichen islamistischen Attentäter und ihre spanischen Komplizen mehrere Minuten lang konzentriert in den Glaskäfig. Später gab sie zu, dass ihr die Knie gezittert hätten, als sie den Blick von einem zum anderen wandern ließ.

Mit der Selbstbeherrschung einer Frau, die seit drei Jahren diesen Augenblick herbeigewünscht und zugleich gefürchtet hatte, sprach sie dann von einem „wichtigen Triumph“. Sie meinte damit den der Gerechtigkeit, den sie und alle anderen Angehörigen von 191 Toten als Schlusspunkt von diesem Verfahren erwarten.

„Mohamed, der Ägypter“

Im Mittelpunkt des ersten Prozesstages stand indes vor allem ein Gesicht: das von Rabei Osman El Sayed Ahmed, alias „Mohamed, der Ägypter“. Er soll einer von drei „geistigen Urhebern“ des Verbrechens gewesen sein. Zumindest brüstete er sich nach einem abgehörten Telefongespräch vor einem Freund damit, dass „die ganze Operation Madrid meine Idee war“. Der 35 Jahre alte Sprengstoffexperte, der dieses Metier einst in der ägyptischen Armee gelernt hatte, wollte angesichts der von der Staatsanwaltschaft für ihn verlangten 38.656 Jahre Haft - wegen Verschwörung im Zusammenhang mit 191 Morden und 1827 Mordversuchen - dieses private Geständnis nun aber nicht wiederholen.

Der erste in Handschellen vorgeführte Angeklagte nahm vielmehr zunächst das von der spanischen Verfassung garantierte und von dem vorsitzenden Richter Javier Gómez Bermúdez sogleich kühl bestätigte Recht in Anspruch, die Aussage zu verweigern. Nach mehrstündigem Schweigen kündigte er dann an, dass er im weiteren Verlauf wenigstens seinem Anwalt antworten wolle. Wogegen er sich allerdings nicht wehren konnte, war es, die Fragen der Staatsanwälte und der Anwälte der Opfer und ihrer Organisationen anzuhören.

Sie kamen für ihn in arabischer Simultanübersetzung aus Kopfhörern. In langer Litanei trafen sie alle wunden Punkte seines Vorlebens, seiner Bekenntnisse, seiner Kontakte und seiner vielfältigen Reisen vor den Zugattentaten, darunter nach Deutschland. Es waren jene Mosaiksteine aus Indizien, die nicht nur einen Hauptverdächtigen überführen sondern am Ende auch aus einem in Teilen noch verworren anmutenden Attentat für das Publikum in Spanien und Europa einen „klaren Fall“ zu machen.

Weder Angst, Reue noch Aggressivität

Rabei Osman entsprach weder im Mienenspiel noch in der Körpersprache dem Klischee des glutäugigen unbeherrschten Fanatikers. Der Elektriker mit den schütteren kurz geschnittenen Haaren und dem schwarzen Vollbart formulierte seine Aussageverweigerung respektvoll. Aufmerksam, mit flinken Augen, intelligentem und bisweilen nachdenklichem Ausdruck hörte er ohne Gefühlsausbrüche zu. In eine helle Windjacke und einen dunklen Pullover gekleidet, ließ er weder Angst, Reue noch Aggressivität erkennen. Der stumme interessierte Gleichmut geriet nicht einmal durch die Frage ins Wanken, woher denn die Narbe zwischen seinen Brauen auf seiner Stirn stamme.

Ernst und bei aller aufgewühlten Erinnerung gefasst waren auch die Opfer und Angehörigen im Gerichtssaal. Einige, die wenn sie schon ihre äußeren Narben nicht verstecken konnten, verbargen wenigstens ihre inneren Wunden. Obwohl im Glaskäfig überwiegend Araber neben einer Handvoll mutmaßlicher spanischer Dynamitlieferanten saßen, wurde weder drinnen noch draußen ein antiarabisches oder antiislamisches Sentiment spürbar. Die spanische Gesellschaft hatte schon unmittelbar nach dem Anschlag eine bemerkenswerte Reife gezeigt, indem es nirgendwo zu auffälligen oder gar gewalttätigen Reaktion gegen die „moros“ (Mauren) kam.

„Der Faden von Madrid bin ich“

Der ehemalige Soldat, rotwangig und von kräftiger Statur, wurde über Stunden mit dem Beweisnetz konfrontiert, das die Staatsanwaltschaft in nahezu dreijähriger Arbeit geknüpft hat und mit dem sie nun das Gericht überzeugen muss. Die Anklagevertreter blendeten zurück in die Jahre 2003 und 2004 bevor Rabei Osman am 7. Juni, drei Monate nach dem Verbrechen, in Mailand festgenommen wurde. In Italien wurde er schon wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt und danach zur Teilnahme an dem Madrider Prozess nach Spanien ausgeliefert.

Der „Ägypter“ soll im Herbst 2003 nach der expliziten Aufforderung von Al-Qaida-Anführer Bin Laden wegen des Irakkriegs auch gegen Spanien Attentate zu verüben, mit den Vorbereitungen begonnen haben. In der großen Madrider Moschee habe er sich mit seinem Mitverschwörer Serhane Ben Abdelmajid, alias „der Tunesier“ (er kam Tage nach dem Attentat zusammen mit sechs anderen Selbstmordattentätern um) und anderen Schlüsselfiguren aus dem Kreis der jetzt Angeklagten getroffen. Doch als die Zelle aus mutmaßlich zwölf direkt Beteiligten - davon stehen drei vor Gericht, sieben sind tot, einer ist flüchtig, ein zweiter Flüchtiger kam inzwischen bei einem Selbstmordattentat im Irak um - am frühen Morgen des 11. März dreizehn Sprengstoffrucksäcke in drei Vorortzügen deponierten und aus der Ferne per Handy detonierten, war Rabei Osman schon außer Landes.

Seine Spur fand sich als die italienische Polizei nach dem Attentat mehrere Telefongespräche des Ägypters aus Mailand mit einem Araber in Belgien auffing. Darin bezeichnete er sich nicht nur als Anstifter und Organisator sondern sagte auch über die Suizidterroristen: „Sie, die als Märtyrer gestorben sind, waren meine vielgeliebten Brüder. Das Ganze war mein Projekt, eines das mich viel Geduld und Studium gekostet hat.“ An anderer Stelle sagte er: „Der Faden von Madrid bin ich. Und obwohl ich im Augenblick des Ereignisses nicht dort war, sage ich Dir die Wahrheit. Vor der Operation hatte ich am 4. März noch Kontakt mit ihnen.“

„Erfolgsmeldung“ nach den spanischen Wahlen

Das Material in Sachen Rabei Osman erscheint reichhaltig. Da eröffnete er im Februar 2004 in Spanien eine elektronische Mailbox unter Angabe eines falschen Geburtsdatums: 11.3.1970. Die Polizei sieht darin die Angaben von Tag und Monat für den Anschlag und in der Jahreszahl einen Hinweis auf die siebzigste Sure des Korans, die von der Bestrafung der „Ungläubigen“ handelt. In seinem Telefonbuch fanden die Ermittler die Namen und Nummern von mehreren anderen aus der „spanischen Zelle“.

Schließlich ist da auch noch die „Erfolgsmeldung“ des Ägypters nach den spanischen Wahlen vom 14. März 2004. Sie stammt aus einem ebenfalls in Mailand abgehörten Gespräch mit zwei weiteren Arabern und betrifft den damaligen spanischen Ministerpräsidenten. Sie lautet: „Allen Länder, die die Vereinigten Staaten unterstützen, wird es gehen wie Aznar. Ich bin außerordentlich glücklich, dass die Regierung dieses Hundes Aznar gestürzt ist.“

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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