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Terrorismus Wie der 11. September

27.11.2008 ·  Die Terroristen handelten koordiniert - und altmodisch. Trotzdem hatte selbst das terrorerprobte Indien so etwas noch nicht gesehen. In Bombay herrsche Krieg, sagten Politiker - die Chronik eines chaotischen Tages.

Von Jochen Buchsteiner, Delhi
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Erinnerungen an den 11. September 2001 wurden spätestens wach, als am Nachmittag verzweifelte Menschen aus dem brennenden „Trident“-Hotel winkten und um Hilfe schrien. Jene, die vor dem Luxushotel im Stadtzentrum Bombays ausharrten, sahen hilflos zu. Alle Hoffnung lag am Donnerstag bei den Polizisten und dem Anti-Terror-Kommando, das noch in der Nacht von Delhi nach Bombay geflogen war.

Bis in den späten Abend hinein überschlugen sich die Ereignisse in Colaba, dem Herz der indischen Finanzmetropole. Nach einer Nacht des Terrors hatten sich die Angreifer am Morgen in drei Gebäuden – neben dem „Trident“ das Hotel „Taj Mahal“ und das Nariman-Geschäftshaus – verschanzt und eine unbekannte Zahl Geiseln genommen. Immer wieder fielen Schüsse, detonierten Sprengsätze. Angehörige, Sicherheitskräfte und Journalisten mussten wiederholt in Deckung gehen. Obwohl die Inder über ihre Nachrichtenkanäle live dabei zu sein schienen, erreichten sie Informationen über den Stand der Operation und der Verhandlungen nur bruchstückhaft. Vorläufige Bilanz am Donnerstagabend: 120 Tote, mehr als 350 Verletzte und geschätzte 200 Geiseln und Eingeschlossene.

Wohlkoordiniert und zugleich altmodisch

Kaum ein Politiker sprach am Donnerstag noch von einem gewöhnlichen Terroranschlag. Von einem „Angriff auf Indien“ war die Rede, sogar von „Krieg“. Was sich in der Nacht in Bombay abgespielt hatte und den ganzen Donnerstag andauerte, hatte bislang auch das terrorgewohnte Indien nicht gekannt. Selbst die dramatische Erstürmung des indischen Parlaments vor sieben Jahren verblasst dagegen. Wohlkoordiniert und zugleich seltsam altmodisch – so führten die Terroristen ihr blutiges Handwerk aus. Sie näherten sich ihrem Ziel wie ein Geheimkommando der Marine. Im Schutz der Dunkelheit legten ihre Schlauchboote in der Nähe des historischen „Gateway of India“ an. Nach ihrer heimlichen Invasion verteilten sich die 20 bis 25 Männer mit Sprengsätzen und Maschinengewehren auf zehn Orte, die sie in der Finanzmetropole für ihre Angriffe ausgewählt hatten.

Die Terrornacht begann im „Café Leopold“ am Colaba Causeway, gleich gegenüber dem Polizeipräsidium. Die beliebte Bar mit den Elvis-Plakaten an den Wänden war gut gefüllt, als kurz vor zehn drei Männer von ihrem Tisch aufstanden, Maschinengewehre aus den Taschen holten und wahllos in die Menge schossen. Als die Gäste panikartig das Lokal verließen, wurde auch Feuer aus einem nahe gelegenen Hotel eröffnet, berichtete ein Augenzeuge dem „Indian Express“. Mindestens sechs Tote lagen am Boden, darunter auch ausländische.

Von dort machten sich die Terroristen offenbar ins nahe gelegene „Taj Mahal“-Hotel auf, das Wahrzeichen Bombays, und stürmten mit Gesinnungsgenossen die Hotellobby. Wieder schossen sie auf alles, was sich bewegte; selbst auf der „Pool-Side-Terrasse“ starben Gäste. Während die fünf bis sieben Terroristen mehrere Sprengsätze im Hotel zündeten und so mehrere Etagen und das Dach in Flammen setzten, wies das Management seine Gäste an, sich in den Zimmern zu verbarrikadieren. Dennoch gerieten mehrere Dutzend in Geiselhaft. Augenzeugen berichteten, dass die Terroristen gezielt nach Hotelgästen mit israelischen, amerikanischen und britischen Pässen gesucht hätten.

Deutsche Gäste entkamen nur durch Glück

Unter den vielen Toten befand sich auch der Münchner Medienunternehmer Ralph Burkei. Er war beim Versuch, sich aus dem Hotel zu retten, abgestürzt und auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Andere deutsche Gäste, die an diesem Donnerstag an einer Vernissage für den deutschen Maler Norbert Bisky teilnehmen wollten, entkamen dem Überfall nur durch Glück. Weil die Galeristin die meisten ihrer Gäste im „President“-Hotel bewirtete, erfuhren sie dort von dem Angriff auf ihr Hotel und wurden gleich vom „President“ aufgenommen. Ein deutscher Galerist war im „Taj“ zurückgeblieben, konnte sich aber befreien, wie der Mann der Galeristin, der Chef der Indisch-Deutschen Handelskammer, Steinrücke, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigte. Auch mehrere Mitglieder des Europäischen Parlaments befanden sich offenbar im „Taj“.

Ebenfalls gegen zehn Uhr abends stürmten vier Männer mit Maschinengewehren in den Bahnhof „Chhatrapati Shivaji“ und schossen auf Passanten vor und im Gebäude. Zwei verschanzten sich nach dem Massaker in einem Waggon, bis sie von Polizisten überwältigt werden konnten. Die anderen beiden nahmen Gebäude in der Nähe unter Beschuss, darunter ein Kino. Eine halbe Stunde später detonierte eine Bombe in einem Taxi im viele Kilometer entfernten Vorort Vile Parle und riss mehrere Menschen in den Tod. Weitere Angriffe wurden auf den Santa-Cruz-Flughafen, ein Krankenhaus und das Polizeipräsidium vermeldet.

„Hotline“ zwischen den Geheimdiensten

Zur gleichen Stunde wurden Explosionen im „Oberoi Trident“ gehört; kurz darauf loderten Flammen aus dem Luxushotel. Zehn bis zwölf Terroristen, schätzte die Polizei später, waren in das Gebäude eingedrungen, hatten Granaten gezündet und das Feuer eröffnet. Auch sie nahmen Geiseln. Die Schätzungen schwankten am Donnerstag zwischen 30 und 100, unter ihnen viele Ausländer. Bis zum Abend versuchten die Sicherheitskräfte, mit den Terroristen zu verhandeln. Sie verlangen die Freilassung aller in Indien einsitzenden „Mudschahedin“, hieß es. Andere Quellen wussten von Lösegeldforderungen.

Inmitten des Chaos hatte sich die bislang unbekannte Gruppe „Deccan Mudschahedin“ der Angriffe bezichtigt. Deccan heißt ein Plateau, das weite Teile Südindiens umfasst. Dass die Terroroperation indischen Ursprungs sein könnte, wurde von der Regierung jedoch sogleich dementiert. Die Gruppe habe ihre Basis im Ausland, sagte Manmohan Singh am Donnerstag. Ohne Pakistan zu erwähnen, warnte er in einer Fernsehansprache an die Nation, dass Indien keine Anschläge zulassen werde, die aus anderen Staaten gesteuert würden. „Wenn keine angemessenen Maßnahmen von ihnen ergriffen werden, wird dies seinen Preis haben“, drohte er.

Mit dem Finger auf Pakistan zu zeigen, hat in Indien nicht nur Tradition, sondern auch eine gewisse Berechtigung. Viele Terroranschläge waren in der Vergangenheit von pakistanischen oder in Pakistan ausgebildeten Terroristen verübt. Seit beide Länder formal Friedensgespräche führen, hatte sich der Reflex jedoch verflüchtigt. Die Regierung in Islamabad verurteilt inzwischen jeden Terroranschlag im Nachbarland und tat dies auch am Donnerstag. Außenminister Qureshi, der erst gerade in Delhi zu Besuch war, schlug sogar vor, eine „Hotline“ zwischen den beiden Geheimdiensten – dem pakistanischen Isi und dem indischen Raw – einzurichten.

Ein weiteres ,Nie wieder‘-Versprechen

Mindestens neun Terroristen der „Deccan Mudschahedin“ seien festgenommen worden, meldete die Polizei am Abend. Sie dürften in den nächsten Tagen Aufschluss geben über die Hintergründe der unbekannten Organisation. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass ausländische Gruppen hinter der Terror-Operation stehen, wäre dies wenig beruhigend. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass die 150 Millionen Muslime Indiens längst ein eigenes Islamisten-Milieu entwickelt haben.

Wirksame Maßnahmen hat dieser Befund allerdings bislang nicht nach sich gezogen. Obwohl in diesem Jahr mehr Bombenanschläge denn je verübt wurden, hat die indische Regierung die Sicherheitsmaßnahmen nicht erkennbar verschärft. Anders als etwa in Indonesien, das inzwischen deutlich weniger Anschläge zählt, werden in Indien relevante Anschlagsziele wie Hotels und Märkte nur unzureichend geschützt. Manmohan Singh, der am Donnerstag gemeinsam mit Oppositionsführer Advani nach Bombay reiste, kündigte an, nun schärfer gegen den Terror vorgehen zu wollen. Gesetze sollen verschärft und eine neue Bundesbehörde geschaffen werden, die auf den Anti-Terror-Kampf spezialisiert ist. Die indische „Economic Times“ tat die Ankündigungen rasch als „ein weiteres ,Nie wieder‘-Versprechen“ ab.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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