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Terrorismus Was will Zarqawi?

27.12.2005 ·  Seit vielen Monaten hat der Terrorführer im Irak den Al-Qaida-Gründer Usama Bin Ladin aus den Schlagzeilen verdrängt. Der gebürtige Jordanier Zarqawi kämpft für das Kalifat. Die Bomben gegen Amerikaner und Briten sind für die Dschihadisten erst der Anfang.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Schon seit vielen Monaten hat der im Irak aktive Terroristenführer Abu Musab al Zarqawi den Mitgründer von Al Qaida, Usama Bin Ladin, aus den Schlagzeilen verdrängt. Das geht so weit, daß manche fragen, ob Bin Ladin, der im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermutet wird, überhaupt noch am Leben sei.

Natürlich hat das damit zu tun, daß der Irak gegenwärtig das Hauptzentrum terroristischer Aktionen ist; dies hinwiederum hat den Krieg der Amerikaner und Briten als Teilursache. Al Zarqawi will so lange Anschläge ausführen lassen, bis die Amerikaner und Briten den Irak verlassen haben. Das ist jedenfalls die offizielle Linie seiner „Organisation“, die geeignet ist, auch bei einem Großteil der arabisch-muslimischen Bevölkerung in der Region eine gewisse Sympathie zu wecken.

Aber ist das alles? Schon die Tatsache, daß weitaus mehr Muslime - und zwar Schiiten wie Sunniten - im Irak Opfer dieser brutalen Anschläge werden, läßt daran zweifeln. Der zweite Mann von Al Qaida, der Ägypter Aiman al Zawahiri, schrieb vor einigen Wochen an Zarqawi, er solle aufhören, so viele Muslime zu töten. Doch genutzt hat das nichts.

Haß gegen Dynastie der Haschemiten

Eine Untersuchung der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ ist jetzt der Karriere Zarqawis nachgegangen und hat seinen Werdegang wie seine Vorstellungen zusammengefaßt. Sie zeigt, daß Zarqawi seine Ziele ständig ausgeweitet hat und dies wohl auch fortsetzen will. Zunächst hatte sich der aus der Stadt Zarqa stammende Jordanier das Regime seines Landes, die herrschende Dynastie der Haschemiten, zum Hauptziel seines Hasses und seiner Aktionen auserwählt. Die Anschläge unlängst auf große Hotels in Amman, deren er sich ausdrücklich brüstete, zeigen, daß er an diesem Ziel auch nach wie vor festhält, trotz seiner Aktivität im Irak, die im Augenblick Vorrang genießt.

Doch im Irak selbst geht es Zarqawi keineswegs nur um die Befreiung von ausländischer Besatzung allein. Anschließend möchte er aus dem Irak einen islamischen Staat erwachsen sehen, der seinerseits die Keimzelle für weitere Entwicklungen dieser Art werden soll. Die Wiedererrichtung eines Kalifats gehört zu den bevorzugten ideologischen Vorstellungen jener Dschihadisten, die als die aggressivsten „Kämpfer“ eines hochpolitisierten Islams angesehen werden können.

Kampf für das Kalifat

Seit den zwanziger Jahren klagen die Theoretiker des Islamismus darüber, daß der Begründer der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, im Jahre 1924 den letzten Kalifen Abdulmedschid ins Exil geschickt und diese ehrwürdige Institution aufgelöst hatte. Seither gibt es kein Kalifat mehr. Dieser reformatorisch-revolutionäre Akt gilt ihnen als der Sündenfall schlechthin, den es rückgängig zu machen gelte. Besonders unter den Muslimen des indischen Subkontinents ist die Kalifatsbewegung immer populär und stark gewesen.

Auf dieser Linie liegen denn auch die ferneren Ziele, die al Zarqawi offenbar verfolgt. Ein „befreiter“ und durchislamisierter Irak soll Ausgangspunkt werden für den Kampf gegen die Nachbarstaaten Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien und Kuweit.

Am Kampf gegen Jordanien, das ihn in Abwesenheit zum Tod verurteilt hat, hat Zarqawi persönliches Interesse, die Destabilisierung und der Sturz der saudischen Monarchie ist ihm vor allem aus religiösen Gründen wichtig, denn in Saudi-Arabien liegen die heiligen Stätten des Islams, an denen der Prophet selbst gewirkt hat: Mekka und al Medina. Krönender Abschluß dieser religiös-politischen Utopie soll dann die „Befreiung“ Jerusalems aus der Hand der Zionisten sein.

Brutalität des Terrors

Wie stehen die Aussichten für die Verwirklichung solcher Pläne? Schon im Irak sind sie unrealistisch. Sosehr die Bevölkerung ein Ende der Besatzung und des Krieges wünschen mag, sowenig wünscht sie sich eine religiöse Diktatur, ganz abgesehen davon, daß der Sunnit Zarqawi und seine Anhänger bei der schiitischen Bevölkerungsmehrheit keinen Anklang finden. Auch die Brutalität des Terrors trägt zum Popularitätsverlust Zarqawis bei. Dies gilt auch in den Nachbarstaaten.

In dem Papier rechnet die Stiftung Wissenschaft und Politik allerdings mit einer anderen Gefahr: daß Zarqawi in jenem Maße, in dem seine Popularität in der arabischen Welt nachläßt, bereit sein könnte, in Europa zuzuschlagen. Es heißt da: „Die europäische Politik sollte sich bereits jetzt auf das mögliche Übergreifen der Gewalt aus dem Irak vorbereiten. Vordringlich ist es - neben den Maßnahmen der Sicherheitsbehörden -, durch eine kluge Integrations- und Religionspolitik die Radikalisierung von Sympathisanten zu verhindern.“ Wie diese im einzelnen aussehen sollte, wird in dem Papier freilich nicht gesagt.

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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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