28.05.2006 · Al Qaida hat den Kampf um die Weltherrschaft revolutioniert: Die utopische Glaubensgemeinschaft Umma wird global und unfaßbar. Und paßt am Ende doch zum Westen?
Von Alexander SchullerAm 23. April 2006, es ist ein sonniger Sonntag, droht er uns aus seinem Fernsehsender, Al Dschazira, Schreckliches an. Am 24. April, dem Tag danach, gehen Bomben hoch, mitten in Dahab, dem Urlauberparadies am Roten Meer. Sie hinterlassen ein Chaos aus Leichen, Tränen, Trümmern.
Wir waren vorgewarnt, wie immer seit dem ersten Angriff auf das World Trade Center am 26. Februar 1993. Wir hatten damals, wir haben immer noch nicht verstanden. Wer ist dieser Mann? Ein Irrer, ein Heiliger, ein Verbrecher, ein Erlöser, ein Befreier? Jedenfalls ein mächtiger, ein charismatischer Führer. Vielleicht gehört das dazu. Mao haben wir für einen Weisen aus dem Morgenland gehalten, Stalin für ein gemütliches Väterchen und Hitler für einen Witz. Wir haben unseren Augen und unserem Verstand nicht getraut. Eigentlich versuchen wir noch heute, all diese schrecklichen Figuren zu pathologisieren. Wir haben für solche Figuren kein Muster. Trotzdem gehören sie zu uns.
Bin Ladin gehört zu uns
Auch Bin Ladin und seine Altersgenossen gehören zu uns. Sie verkörpern uns. Bin Ladin ist drei Jahre jünger als Angela Merkel, zwei Jahre jünger als Bill Gates und ein Jahr jünger als Günther Jauch. Ihre Karrieremuster reflektieren die uns bestimmenden Bewußtseins- und Machtstrukturen. Bin Ladin ist Multimillionär, Sohn des mächtigsten Unternehmers in Saudi-Arabien, neureich, ein Dandy, ein Parvenü. Und er ist gekränkt. Er sieht sich als Opfer. Er rast vor Haß, er will Rache. Auch das ein interessantes Motiv der Moderne: Kränkung und Haß und Rache. Selbst Millionärssöhne leiden unter sozialer Ungerechtigkeit.
Bin Ladin bekämpft den Westen und gehört zugleich dazu. Er wächst auf zwischen den Kulturen. Er will die Kreuzritter bekämpfen und weiß doch, daß es die gar nicht gibt, daß er vielleicht selbst einer ist. Zugleich weiß er mit Medien und Informationstechnologie und Sprengstoff umzugehen. Sein Hobby ist der Tod. Er betreibt eine Medien- und Mordagentur. Er bekämpft die Moderne - und treibt sie voran, energisch und zielbewußt. Er räumt auf mit alten Kategorien. 1989 gründet er Al Qaida, angeblich als Reaktion auf die Stationierung amerikanischer Truppen in Kuweit und in Saudi-Arabien - die tatsächlich erst ein Jahr später erfolgt.
Einmal gelesen, dann in den Shredder
Bin Ladin erklärt den Vereinigten Staaten am 2. September 1996 den Krieg, vermutlich schriftlich. Man kann sich die Reaktion vorstellen: einmal gelesen, vielleicht noch mal gelesen, dann in den Shredder. Solche Post kommt jeden Tag tausendfach in die Ministerien geflattert. Das weiß auch Bin Ladin. Er erklärt den Vereinigten Staaten - es soll kein Mißverständnis geben - zum zweiten Mal den Krieg: am 23. Februar 1998. Da läuft der Krieg schon längst, Bombenattentate, Selbstmordattentate, Leichen, Trümmer, Angst. In Aden im Dezember 1992, in Mogadischu im Oktober 1993, in Riad im November 1995, in Nairobi und Daressalam am 7. August 1998. In Aden wird im Oktober 2000 der Zerstörer „USS Cole“ angegriffen. Am 11. September 2001 werden die World Trade Towers zum Einsturz gebracht.
Da endlich verstehen wir, daß wir bedroht sind. Wir ergreifen Maßnahmen: Aufklärungs-, Präventiv-, Schutzmaßnahmen. Die Vereinigten Staaten gründen ein neues Ministerium, Homeland-Security genannt. Aber es geht weiter. In Djerba wird am 11. April 2002 die Synagoge gesprengt, am 6. Oktober 2002 wird im Jemen der Öltanker „Limburg“, eine Woche später werden auf Bali Diskotheken in Brand gesetzt. In Mombasa wird am 28. November 2002 ein Hotel mit Touristen, in Madrid werden am 11. April 2004 und in London am 21. Oktober 2005 mehrere Pendlerzüge in die Luft gesprengt. Was wie ein Krieg organisiert wird, ist eine professionelle Medieninszenierung. Die blutverschmierten Leichen sind Bühnendekor.
Instrumentalisierung der Medien
In ihrem Buch „Die Reden des Osama Bin Ladin“ (München 2006) schreiben Marwan Abou-Taam und Ruth Bigalke: „Bin Ladin und die Führungsspitze Al Qaidas bekamen durch die Medien erst die Möglichkeit, ihre Ideen zu verbreiten und ihre Medien- und Kommunikationsstrategie umzusetzen. Dabei sollen Solidarisierungsmomente auf der Ebene einer Fiktion von der Zugehörigkeit zu einem handlungsfähigen Oberkollektiv entstehen. Die Emotionalisierung der Menschen in diesem Sinne ist zugleich Strategie und Ziel. Die Anschläge werden in der Regel so durchgeführt, daß durch die Berichterstattung über sie eine größtmögliche Öffentlichkeit erreicht wird. Die Instrumentalisierung der Medien dient auch der Rekrutierung. Al Qaida hat Pressesprecher und Medienstrategen. Ganze Abteilungen beschäftigen sich mit Propaganda und Öffentlichkeitsarbeit, die höchst professionell mit modernen Kommunikationsmitteln arbeiten. Aktionen werden auf Video oder digital aufgezeichnet, und diese Bilder werden strategisch propagandistisch in der eigenen Gruppe und im Rahmen des Nervenkrieges gegen den Feind eingesetzt, die Bilder werden mit Musik untermalt.“
Al Qaida betreibt eine globale Strategie, Ziel ist der globale Sieg des Islams. Die Medien sind zwar Instrument, zugleich aber auch Teil der globalen Utopie: der Umma. Die verfügt über eine dem Westen fremde Struktur: weder Nation noch Volk, noch Staat, noch Volkswirtschaft, noch Heimat, sondern die alles übergreifende, totale und globale Glaubensgemeinschaft. Die Umma signalisiert eine qualitative Wende im Kampf um Weltherrschaft. Sie macht erstens den mißglückten Versuchen ein Ende, die Einheit der Muslime auf nationaler, also säkularer Ebene zu verwirklichen. Sie macht Al Qaida so zum Feind aller säkularen Regierungen im Islam. Zweitens schaffen nicht staatliche, sondern ideologische, also Bewußtseinsbande Einheit und Kraft. Permanente Agitation - oder „permanente Revolution“ - ist nicht nur Mittel, sondern Struktur. Nicht nur Mensch und Gesellschaft, sondern auch die Transzendenz wird zum Garanten der Utopie.
Kriegserklärung an Gott
Vordergründig geht es um einen Kampf gegen Christen und Juden und deren Bastion Amerika: ein apokalyptischer Endkampf um die Weltherrschaft. Bin Ladin bringt es auf diesen Nenner: „All diese Verbrechen und Sünden der Amerikaner sind eine Kriegserklärung an Gott, seinen Propheten und alle Muslime. Ulama aus allen Perioden erklären einstimmig, daß der Dschihad eine Pflicht für jeden einzelnen ist. Auf dieser Grundlage und Gottes Befehl folgend sprechen wir für alle Muslime folgendes Urteil aus: Die Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ob Zivilisten oder Soldaten, ist die Pflicht eines jeden Muslims.“
Weltmachtphantasien beschäftigen aber nicht nur Bin Ladin, sondern uns alle. Der Völkerbund, die Vereinten Nationen und die Europäische Union waren erklärtermaßen der Versuch, ein zentrales, mehr oder weniger repräsentatives Machtzentrum zu schaffen, um internationale Konflikte friedlich zu lösen. Diese Versuche sind gescheitert. Wir sind Zeugen eines Prozesses, in dem neue Modelle zentraler Weltmacht in die Diskussion eingeführt werden. Wichtige politische Denker sprechen - in Anlehnung an das römische Vorbild - von „Imperium“, englisch „Empire“. Nach Niall Ferguson, der Amerika unter diesem Gesichtspunkt analysiert hat, muß eine Weltmacht eine Utopie - geschöpft aus der eigenen Tradition - und Durchhaltevermögen, haben. Man könnte das den Cannae-Faktor nennen. Im Zweiten Punischen Krieg, der immerhin 17 Jahre dauerte, verlor Rom alle großen Schlachten gegen Hannibal und siegte dann doch. Für Ferguson steht fest, daß die Vereinigten Staaten weder die Utopie noch das Durchhaltevermögen haben, um Weltmacht sein zu können.
Interesse für die Weltherrschaft
Ein Modell für Weltherrschaft hat bekanntlich der Marxismus entwickelt. Das schien gründlich erledigt. Die marxistischen Theoretiker Michael Hardt und Antonio Negri haben nun kürzlich ein Modell präsentiert, in dem sie ihr ungebrochenes Interesse für die Weltherrschaft dokumentieren. Sie beschreiben in ihrem Buch „Empire“ (Frankfurt/M. 2002), wie unter heutigen technologischen und machtpolitischen Bedingungen eine Weltmacht beschaffen sein müßte. „Die Grundfaktoren von Produktion und Zirkulation überqueren zunehmend mühelos nationale Grenzen; es steht immer weniger in der Macht eines Nationalstaats, diese Ströme zu lenken und seine Autorität gegenüber der Ökonomie durchzusetzen. Selbst die führenden Nationalstaaten sollte man sich nicht mehr als höchste und souveräne Autoritäten vorstellen. Der Niedergang der Souveränität von Nationalstaaten bedeutet jedoch nicht, daß Souveränität als solche im Niedergang begriffen wäre.“
Und dann: „Der Übergang zum Empire taucht aus der Dämmerung der modernen Souveränität auf. Im Gegensatz zum Imperialismus etabliert das Empire kein territoriales Zentrum der Macht, noch beruht es auf von vornherein festgelegten Grenzziehungen und Schranken. Es ist dezentriert und deterritorialisierend, ein Herrschaftsapparat, der Schritt für Schritt den globalen Raum in seiner Gesamtheit aufnimmt. Das Empire arrangiert und organisiert hybride Identitäten, flexible Hierarchien und eine Vielzahl von Austauschverhältnissen durch abgestimmte Netzwerke und Kommandos.“
Pädophile, Buddhisten und Kannibalen
Die Kongruenz dieses marxistischen Modells mit dem islamischen Modell ist sowohl einleuchtend als auch irreführend. In beiden Modellen wird einer irgendwie repräsentativen „Welt-Demokratie“ die Absage erteilt. In beiden wird den demokratischen Nationalstaaten sowohl die innen- als auch die außenpolitische Handlungsfähigkeit abgesprochen. Beide Konzepte sind radikal und totalitär. Beide entwerfen neue „dezentrierte und deterritorialisierte“ Heimaten - Heimaten, wie sie das Internet jetzt schon Millionen Menschen anbietet. Beide zielen auf eine Kulturrevolution.
Doch über die utopische Perspektive dieses Modells könnten sich Kommunisten wie Islamisten getäuscht haben. Die Dynamik des Modells führt vermutlich nicht zur Errichtung einer alles beherrschenden Weltmacht, sondern zur Herrschaft aller Partikularinteressen: Pädophile, Buddhisten und Kannibalen, jeder in seiner „dezentrierten und deterritorialisierten“ Heimat, total vernetzt. Utopie sei die Vollendung der eigenen Geschichte, sagt Ferguson. Wird hier nicht die Geschichte der pluralistisch-liberalen Demokratie vollendet? Hat der Westen doch gesiegt?