28.12.2009 · Als Saudi-Arabien dem Terrornetz Al Qaida die Daumenschrauben angezogen hatte, nisteten sich dessen Kämpfer im Jemen ein. Trotz etlicher Luftschläge haben die Terroristen hier offenbar leichtes Spiel.
Von Rainer HermannIm Jemen, wo Umar Faruk Abdulmutallab zum Terrorkämpfer ausgebildet worden sein soll, bevor er am Freitag offenbar versuchte, ein Flugzeug in die Luft zu sprengen, scheint Al Qaida sich ziemlich sicher zu fühlen. Am 21. Dezember nahmen einige ihrer Führer an einer Veranstaltung südjemenitischer Separatisten teil. Sie fand in der Provinz Abyan statt und war als Protest gegen Bombardierungen der jemenitischen Luftwaffe in der Woche zuvor angekündigt, bei denen in der Provinz mehrere Dutzend Personen getötet worden waren. Ein unmaskierter Führer von Al Qaida ergriff das Wort. Er versicherte der Provinzbevölkerung, dass Al Qaida nicht sie bekämpfe, auch nicht die ungeliebte Armee der Zentralregierung, sondern allein die Vereinigten Staaten und deren Verbündete. „Wir tragen die Bomben allein für Allahs Feinde“, rief er ihnen zu.
Am 24. Dezember stieg wieder eine Staffel der jemenitischen Luftwaffe auf und bombardierte in der benachbarten Provinz Shabwa mutmaßliche Stellungen von Al Qaida. Denn der Nachrichtensender Al Dschazira hatte Bilder von der Veranstaltung gesendet, und die Nachrichtendienste konnten die Ortschaften offenbar identifizieren. Auch jene, an welcher der radikale Prediger Awlaki ein Interview gab, das Al Dschazira am 23. Dezember ausstrahlte.
Aus Saudi-Arabien in den Jemen
Sollte zutreffen, was die Regierung in der fernen Hauptstadt Sanaa behauptet, wäre ihr ein wichtiger Schlag gegen Al Qaida gelungen. Sie will „31 bis 34 Mitlieder von Al Qaida“ getötet und 29 verhaftet haben, unter ihnen Mitglieder aus Saudi-Arabien, Pakistan und dem Irak. Unter den Getöteten sollen sich Nassir al Wahaishi, der frühere Sekretär von Bin Ladin und der vorige Führer von Al Qaida im Jemen ebenso befinden wie sein Stellvertreter, der Saudi Abu Sayyaf al Shihri, der 2007 aus dem Lager Guantánamo entlassen wurde. Auch der Prediger Awlaki sei getötet worden. Shihri hatte sich voriges Jahr aus Saudi-Arabien abgesetzt und sich im Jemen wieder Al Qaida angeschlossen.
Der Jemenite Wahaishi und der Saudi Shihri führten „Al Qaida der Arabischen Halbinsel“ zuletzt gemeinsam. Als Saudi-Arabien Al Qaida die Daumenschrauben angezogen hatte, zogen sich deren Kämpfer über die Grenze im Süden zurück und nisteten sich im Jemen ein. Dort fanden sie genügend Räume, die sich der Kontrolle der jemenitischen Zentralregierung völlig entziehen. Dort richteten sie ihre Trainingslager ein, dorthin zogen sich auch Dschihadisten zurück, die sich aus dem Irak absetzen mussten. Al Qaida nutzt aus, dass der Jemen in einen „gescheiterten Staat“ abzugleiten droht. Auch die Nähe zu Somalia kommt ihr zupass.
Wahaishi hatte die Führung über Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel im Sommer 2007 übernommen. 2003 hatte ihn der Jemen in einem Gefangenentausch aus Iran zurück erhalten. Doch im Februar 2006 konnte er mit 22 anderen Insassen aus einem Hochsicherheitsgefängnis in der Hauptstadt Sanaa fliehen. Er baute Al Qaida in eine effizientere Organisation um, nahm flüchtige Mitglieder aus Saudi-Arabien auf und startete eine neue Reihe von Attentaten. Die wichtigsten waren jene gegen die amerikanische Botschaft in Sanaa am 18. März 2008 und der Attentatsversuch auf den stellvertretenden saudischen Innenminister Muhammad Bin Najef Al Saud.
Wiederholt hatten die jemenitischen Sicherheitskräfte in den vergangenen Jahren Führer von Al Qaida ausgeschaltet. Rasch hatte die Organisation aber neue Köpfe hervorgebracht. Im November 2002 hatte eine amerikanische Drohne den damaligen Führer von Al Qaida, Abu Ali al Harithi, und fünf seiner Gefährten in der Unruheprovinz Marib getötet. Ein Jahr später nahmen die Sicherheitskräfte dessen Nachfolger gefangen, Muhammad Hamdi al Ahdal. Auch von diesem Schlag erholte sich Al Qaida wieder rasch, denn an Nachschub fehlte es der Terrorgruppe im Jemen nie.
Während der Jemen die meisten Mitglieder stellte, floss aus Saudi-Arabien das Geld. Die Regierungen beider Länder hatten zwar vereinbart, die Grenzpatrouillen auszubauen und die Grenzen besser zu kontrollieren. Da der jemenitischen Zentralregierung aber die Kontrolle über die Region Saada an der Grenze zu Saudi-Arabien entglitten ist und dort die Houthi-Rebellen die Macht ausüben, wird weiter in beide Richtungen viel geschmuggelt.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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