11.11.2005 · Der Terroristenführer Zarqawi, dem jegliche theologische Bildung fehlt, schickt seine Männer nicht nur nach Jordanien. Durch Anschläge versucht er, seinen Führungsanspruch innerhalb von Al Qaida zu festigen.
Von Rainer Hermann, IstanbulDie Nachricht war damals untergegangen. Am 1. Oktober hatte der irakische Innenminister Bajan Dschabor öffentlich erklärt, der Terroristenführer Abu Musab al Zarqawi habe begonnen, Dschihadisten, die im Irak Erfahrung gesammelt haben, in Nachbarländer zu entsenden.
Dort sollten sie neue Basen aufbauen, Anschläge durchführen und möglicherweise Alternativen zum Standort Irak schaffen. Dieser Auftrag ergebe sich aus einem abgefangenen Brief, den ein Mitglied von Al Qaida im Irak an Zarqawi geschrieben habe. Neben dem Brief lägen geheimdienstliche Erkenntnisse vor, daß als Folge der Operationen gegen Hochburgen der Dschihadisten viele arabische Terroristen den Irak bereits verlassen hätten, sagte Dschabor damals.
Dschabor bestätigte damit, was längst vermutet worden war. Bereits nach den Anschlägen am 7. Juli in London und am 22. Juli in Scharm al Scheich war angenommen worden, daß Zarqawis „Al Qaida im Zweistromland“ ihren Terror über die Grenzen des Iraks hinausträgt. Denn zu Hause gerät sein Terrornetz unter Druck. Indem er auf andere Länder ausweicht, erreicht er drei Ziele:
Führungsanspruch innerhalb von Al Qaida
Erstens stellt er ein schier unbegrenztes Reservoir an Kämpfern zur Schau und verhöhnt damit jene, die einen baldigen Sieg über den Terror ankündigen. Zu diesem Reservoir gehören auch die 90.000 Palästinenser, die im Irak leben und gegen die die schiitische Regierung wegen ihrer Sympathie für Saddam Hussein vorgeht. Zweitens stellt Zarqawi die Geheimdienste bloß, die weder seine Strukturen infiltrieren noch große Anschläge wie jene in Amman verhindern können.
Vielmehr nehmen die großen Anschläge in einem immer größeren Radius zu - in Bagdad, in weiten Teilen des Iraks und in anderen Ländern. Drittens erhebt Zarqawi immer offensichtlicher einen Führungsanspruch innerhalb Al Qaidas, die sich von einer Terrororganisation zu einer Terrorideologie verwandelt hat. Je länger Usama Bin Ladin schweigt, desto lauter pocht Zarqawi auf seinen Anspruch. Gerüchte, Bin Ladin sei bei dem verheerenden Erdbeben im Norden Pakistans getötet worden, dementieren islamistische Internetseiten entschieden.
Weder Bin Ladin noch dessen Stellvertreter Zawahiri gelingt es, die kriminelle Energie Zarqawis, dessen Sozialisation vor allem in jordanischen Gefängnissen erfolgt war, zu bändigen. Zuletzt hatte Zawahiri Anfang Oktober Zarqawi gemaßregelt. Zawahiri wies ihn in einem Brief darauf hin, daß ohne die Unterstützung der muslimischen Massen im Irak kein islamisches Emirat errichtet werden könne. Diese Lehre müsse aus dem Scheitern der Taliban in Afghanistan gezogen werden. Die Unterstützung der Gläubigen sei die wichtigste Waffe der Mudschahedin, dozierte der Stellvertreter Bin Ladins.
Gegen Schulen, Märkte und Moscheen
Daher solle Zarqawi nun von Angriffen auf Zivilisten und auf Schiiten lassen, auch solle er seine Angriffe gegen gemäßigte islamische Religionsgelehrte einstellen. Immer mehr arabische Kommentatoren schlossen sich dieser Meinung an. So hatte die Zeitung „al Scharq al Awsat“ noch am Tag vor dem Anschlag in Amman bedauert, daß in der arabischen Welt immer noch viele Zarqawis Terrorgruppe für eine „heroische Widerstandbewegung“ hielten. Doch in Wirklichkeit gehe Zarqawi gegen „Schulen, Märkte und Moscheen“ vor.
Daß sich Zarqawi, dem jegliche theologische Bildung fehlt, vom bisherigen Konsens in Al Qaida entfernt hat, zeigt auch dessen Auseinandersetzung mit seinem einstigen theologischen Mentor Abu Muhammad al Maqdisi. Der in Jordanien geborene Palästinenser hatte die Terrorgruppe „Biat al Imam“ gegründet. Zarqawi schloß sich ihr 1992 an, später verschmolz sie mit Al Qaida. Die Bücher Maqdisis wurden zu Standardwerken der Ideologie von Al Qaida, seine Website „Millat Ibrahim“ eines der wichtigsten Organe zur Exegese der Traktate Bin Ladins. Heute sitzt Maqdisi, der mit bürgerlichem Namen Issam al Barqawi heißt, in einem jordanischen Gefängnis. In einem Interview verurteilte er jüngst Zarqawis Morde an Zivilisten und Schiiten scharf. Zarqawi riet darauf seinem Lehrer kühl, er solle den Dschihad nicht schwächen.
Diesen „heiligen Krieg“ führte Zarqawi zunächst in Jordanien. Anfang 2000 setzte er sich nach den vereitelten „Millenniumsattentaten“ in Amman nach Afghanistan ab. Über Iran reiste er zwei Jahre später in den Norden des Iraks ins kurdisch-iranische Bergland, wo er bis zum Einmarsch amerikanischer Truppen mit den „Ansar al Islam“ operierte. Im Frühjahr 2003 richtete er sich in der irakischen Provinz Anbar ein, von wo aus er mutmaßlich wiederholt nach Syrien reiste.
Drehscheibe für arabische Dschihadisten
Diese Basis gerät zunehmend ins Wanken. Das unter Druck geratene Syrien könnte die Unterstützung für die Dschihadisten einschränken. Zudem scheinen die Offensiven der amerikanischen und irakischen Soldaten, die sich in der Grenzregion zu Syrien eine Stadt nach der anderen vornehmen, nicht ohne Erfolg zu verpuffen, und mit der Einbindung der arabischen Sunniten in den politischen Prozeß wird Zarqawis Aktionsradius enger.
Daher machen Gerüchte die Runde, Zarqawi habe sich Mitte Oktober in der Uniform eines irakischen Offiziers in einen Stadtteil von Bagdad abgesetzt. Dafür spricht, daß seit dem 24. Oktober, als Selbstmordattentäter das Palestine Hotel in die Luft sprengen wollten, in Bagdad die Welle der Gewalt auf einem neuen Höhepunkt angekommen ist. Zuletzt brüstete sich Zarqawi, das „legislative Organ“ seiner „Al Qaida im Zweistromland“ habe die Tötung von zwei Angestellten der marokkanischen Botschaft in Bagdad beschlossen. Sollte sich Zarqawi tatsächlich in Bagdad aufhalten, könnte sein Ziel sein, mit seinem Terror die ausländischen Botschaften und Unternehmen zu vertreiben sowie die auf den 15. Dezember angesetzten Parlamentswahlen zu verhindern.
Immer mehr verdichten sich zudem die Anzeichen, daß sich Kämpfer aus dem Irak auf dem Sinai niederlassen. Sie sollen bereits am 22. Juli gemeinsam mit einheimischen Beduinen die Anschläge in Scharm al Scheich verübt haben. Im schwer zugänglichen Bergland um den Dschebel Hilal richten sie offenbar ein Rückzugsgebiet ein, das jenem von Tora Bora in Afghanistan ähnelt und eine Drehscheibe für arabische Dschihadisten wird. Zarqawis Griff reicht immer sichtbarer aus dem Irak heraus.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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