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Terrorismus Al Qaida, Spanien und Videos

31.01.2009 ·  Zum Auftakt des Wahljahres bedrohen islamistische Terroristen die Bundesrepublik so direkt wie nie zuvor. Ein Bonner Al Qaida-Mann geht sogar auf die Bundestagswahl ein. Die Regierung nimmt die Drohungen ernst.

Von Markus Wehner
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Abu Abdullah weiß, worauf es ankommt. „Ein sehr familienfreundlicher Ort“ sei die Basis der Krieger geworden. „Drum bringt eure Frauen und Kinder mit!“, fordert er die „lieben Geschwister in Deutschland“ auf. Wohnsiedlungen gebe es, weit weg von der Front, Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken. Und Schulen, „in denen unsere Kinder den Koran nicht nur betrachten, sondern leben und lieben lernen.“

Das Video zeigt zu diesen Worten eine Schar von Kleinen, die mit einem schweren Maschinengewehr spielen, ein Mädchen dreht es im Kreis wie ein Karussell. „Kommt allesamt und lebt den Dschihad mit der ganzen Familie!“, wirbt Abu Abdullah.

„Wir verkünden frohe Botschaft“

Frohe Botschaft aus Afghanistan. So nennt sich das jüngste Video der „Islamischen Bewegung Usbekistans“. Vier Islamisten aus Deutschland treten darin auf. Abu Adam lobt einen Fünfzehnjährigen, der schon reif genug sei, seine Pflichten als Kämpfer zu erfüllen. Für den Dschihad wirbt auch Abu Ibraheem, der selbst noch nah am Stimmbruch scheint.

Der vollbärtige Ahmad spricht von Männern und Frauen, die den Propheten so lieben, dass sie Schlange stehen, um sich als Attentäter zu opfern. Alle vier Männer sprechen deutsch so gut, dass sie hier aufgewachsen sein müssen. Auch das islamische Kampflied im Hintergrund ist eingedeutscht. „Wir verkünden frohe Botschaft“, klingt es hundertfach aus Männerkehlen. Selbst Kommandeur Mohammed, der wohl Hunderte Menschenleben auf dem Gewissen hat, ringt sich ein paar deutsche Worte ab. Der Koch der Dschihad-Kämpfer sagt: „Kommt und genießt den schönsten Urlaub eures Lebens.“

Adressatengerecht, so nennt ein Terrorismus-Fachmann das Werk. Und spricht von der „clever gewählten Pixelung“, mit denen die Macher des Videos die Gesichter der Kämpfer aus deutschen Landen unkenntlich gemacht haben.

Deutscher macht bei Al Qaida Karriere

Die „Frohe Botschaft“ ist nur eines der deutschsprachigen Videos islamistischer Terrorgruppen, die seit Jahresbeginn im Internet kursieren. Zwar wurde Deutschland schon früher bedroht. Aber jetzt geschieht das gezielt, auf Deutsch und in rascher Folge. „Das zeigt, dass Deutschland unter den Zielländern der Terroristen weit nach vorne gerückt ist“, sagt Innenstaatssekretär August Hanning.

„Wir werden jetzt nicht mehr unter ferner liefen genannt, sondern stehen in einer Reihe mit Ländern wie Amerika oder Großbritannien“, sagt auch Hartwig Möller, Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes.

Alarmiert hat nun die Terrorfahnder vor allem die Botschaft eines deutschen Staatsbürgers, der in Pakistan bei Al Qaida Karriere gemacht hat: Bekkay Harrach. Sein Machwerk, genannt „Das Rettungspaket für Deutschland“, ist das erste deutschsprachige Video, das von Usama Bin Ladins Terrornetzwerk produziert wurde. „Das ist neu und beunruhigend“, sagt Hanning.

Deutsche in Al Qaidas Medienabteilung

Der 31 Jahre alte gebürtige Marokkaner Harrach, der lange in Bonn gelebt hat, gilt als ernst zu nehmende Größe. In den islamistischen Kreisen Deutschlands war er gut vernetzt. Harrach, der mit vier Jahren ins Rheinland kam, hat bis 2004 an der Fachhochschule Koblenz Lasertechnik und Wirtschaftsmathematik studiert; dann bricht er das Studium ab. Er heiratet eine deutsche Konvertitin, geht in den Irak und ins Westjordanland, im Frühjahr 2007 nach Pakistan.

Er sei, so sagt Hanning, „ein wichtiger Mann von Al Qaida, der Zugang zur Führung der Terrororganisation hat“. Zumindest gilt er als Sprachrohr der aus Deutschland kommenden Al–Qaida-Leute. „Deutsche Islamisten, darunter auch Konvertiten, spielen eine wichtige Rolle in der Medienabteilung von Al Qaida“, sagt Hanning.

Harrach, der als mit schwarzem Tuch vermummter Kämpfer auftritt und sich Abu Talha, der Deutsche, nennt, droht gar mit einem Anschlag durch eine Autobombe, „der Atombombe der Muslime“. Selbst träume er seit langem davon, sich „für Allah in die Luft zu sprengen“. Die Deutschen, so sagt er, werden nicht ungeschoren davonkommen. Die Sicherheitsbehörden gehen deshalb von einer erhöhten Anschlagsgefahr aus.

Erinnerungen an den Terror von Madrid

Was sie elektrisiert: Der Al Qaida-Mann aus Bonn geht auf die Bundestagswahl ein. Das weckt Erinnerungen an das spanische Szenario. Vor bald fünf Jahren, am 11. März 2004, hatten islamistische Terroristen durch Anschläge auf vier Pendlerzüge in Madrid 191 Menschen getötet und 1800 verletzt. Der Anschlag entschied die Wahl: Die Regierung Aznar verlor, die siegreichen Sozialisten zogen die Truppen aus dem Irak ab.

Deshalb schauen sich deutsche Sicherheitsbeamte seit Tagen an, welche Drohungen an Spanien in den Monaten vor der Wahl eingingen. Tatsächlich hatte Usama Bin Ladin im Oktober 2003, ein halbes Jahr vor dem Massaker von Madrid, Spanien Selbstmordanschläge angedroht - allerdings auch Großbritannien, Australien, Polen, Japan und Italien, den anderen am Irak–Krieg beteiligten Nationen.

Ein Strategiepapier von Al Qaida empfahl im Dezember 2003 „schmerzliche Schläge gegen die spanischen Truppen“. Die spanische Regierung werde nicht mehr als zwei, höchstens drei solche Schläge aushalten, bevor sie die Streitkräfte unter öffentlichem Druck abziehen müsse. Das Papier wurde damals übersehen.

„Überraschungspakete“ für die „Besatzer“

Ist nun Deutschland an der Reihe, der drittgrößte Truppensteller in Afghanistan? „Al Qaida hat uns heute im Zielspektrum, mehr als die USA und Großbritannien, weil es Ansatzpunkte gibt, die Debatte über den Afghanistan-Einsatz in Deutschland zu beeinflussen“, sagt der Terrorismus-Forscher Guido Steinberg. Deutschland sei, wie damals Spanien, in der Sicht von Al Qaida das schwächste Glied in der Kette. Die Terrororganisation ziele auf die Bundestagswahl und das danach anstehende Votum des Bundestags zum Afghanistan-Einsatz.

Das Szenario scheint plausibel in einem Land, in dem die Zweifel an diesem Engagement tief in die Gesellschaft und Politik reichen – bis hinein in die Volksparteien SPD und CDU.

„Überraschungspakete“ für die „Besatzer“ in Afghanistan kündigt das jüngste Drohvideo an, das erst vor wenigen Tagen auftauchte. Auftraggeber: die „Islamische Dschihad-Union“. Die Terrorgruppe hat in den vergangenen drei Jahren Dutzende deutsche Islamisten in Lagern in Pakistan ideologisch geschult und militärisch ausgebildet. Auch die „Sauerland“-Attentäter gehörten zu ihr. Sie wollten Deutschland im Herbst 2007 mit Bombenanschlägen erschüttern – kurz bevor der Bundestag über den weiteren Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch entschied.

Die Terroristen sprechen vielen Sprachen

Das Video, auf dem Höhepunkt des Gaza-Konflikts entstanden, prangert die angebliche Teilnahmslosigkeit des Westens angesichts des Leids der Palästinenser an. Fünf vermummte Dschihad-Kämpfer sprechen ihre Botschaft auf türkisch, aserbaidschanisch, kurdisch, russisch – und zuletzt auf deutsch. „Wo sind die USA? Wo ist Frau Merkel und ihr Kabinett?“, so der vermummte Sprecher.

Die Kanzlerin hat zu Wochenbeginn mit Barack Obama auch über Afghanistan gesprochen. Der amerikanische Präsident hat nicht mehr deutsche Truppen verlangt, sondern gesagt, dass er den deutschen Ansatz positiv sieht, Diplomatie, Militäreinsatz und Entwicklungshilfe zu vernetzen. Den militanten Islamisten ist das freilich gleich. Zwischen friedliebendem Wiederaufbau und böser Kriegsführung unterscheiden sie nicht. Wenn die Deutschen die Wasserversorgung im afghanischen Herat aufgebaut hätten – „dann sagen wir danke für die Investition“, sagt Harrach zynisch.

Die Bundeswehr steht wohl vor ihrem schwierigsten Jahr in Afghanistan. Im August wird dort gewählt, die Anschläge auf deutsche Soldaten nehmen zu. Die Videos dienen dazu, sie anzukündigen. Sie wirken aber auch in Deutschland. „Die Aggressivität dieser Videos kann auch islamistische Kreise in Deutschland animieren und eine Anstiftungsfunktion für Gewalttaten haben“, sagt Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Er fürchtet, dass der Einfluss von „Multiplikatoren der Gewalt“ zunimmt.

Gefahrenfaktor Guantánamo

Die Aufnahme ehemaliger Gefangener aus Guantánamo könnte diese Gefahr noch erhöhen. „Die Guantánamo-Häftlinge, die Deutschland aufnehmen könnte, sind während der Schreckensherrschaft der Taliban von sich aus nach Afghanistan als dem gelobten Land gegangen“, sagt Körting. Das lasse Schlüsse darauf zu, welches Geistes Kind diese Leute seien.

Der SPD-Mann fährt damit seinem Parteifreund, Außenminister Steinmeier, in die Parade, der die Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen ins Spiel gebracht hatte und dafür wirbt, sich „jetzt nicht in die Büsche zu schlagen“. Doch selbst die Befreiungsbewegung der angeblich harmlosen Uiguren aus China, sagt Körting, sei von den Vereinten Nationen als terroristische Organisation eingestuft worden. Auch über Guantánamo haben Angela Merkel und Barack Obama gesprochen. Er würde gern mit Deutschland in dieser Frage zusammenarbeiten, hat Obama gesagt. Die Kanzlerin antwortete ausweichend. Körting ist da direkter: „Solche Leute möchte ich nicht in Deutschland haben.“

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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