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Terrorfahndung Dem Maulwurf das Wasser abgegraben

10.08.2004 ·  Pakistanische Ermittler haben angeblich den festgenommenen Computerfachmann Khan als Maulwurf bei der Jagd nach Al-Qaida-Mitgliedern eingesetzt. Hat Washington durch Khans vorzeitige Enttarnung der Terrorfahndung geschadet?

Von Katja Gelinsky, Washington
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Gedacht war der erhöhte Terroralarm, den die Regierung Bush am 1. August für Finanzinstitutionen in New York und Washington sowie für das Prudential-Gebäude in Newark gegeben hatte, als "präventive Maßnahme", wie Heimatschutzminister Ridge erläuterte.

Doch in der wahlkampfgeprägten Debatte darüber, ob die Terrorwarnungen richtig waren, befindet sich die Regierung seit mehr als einer Woche in der Defensive. Mittlerweile geht es jedoch gar nicht mehr so sehr darum, ob die Bevölkerung alarmiert wurde, damit Präsident Bush sich als entschlossener Beschützer Amerikas präsentieren kann. Schwerer wiegen vielmehr Fragen danach, ob die amerikanische Regierung durch Preisgabe nachrichtendienstlicher Informationen über terroristische Machenschaften Al Qaidas dem Kampf gegen den Terrorismus mehr geschadet als genützt hat.

Kaum verhohlene Kritik

Sicherheitsberaterin Rice hat derartige Vermutungen energisch zurückgewiesen. Die Tatsache, daß Terroristen amerikanische Finanzinstitutionen observiert hätten und daß es Hinweise auf Angriffspläne vor der Präsidentenwahl gebe, habe der Regierung keine andere Wahl gelassen, als die Öffentlichkeit zu informieren. Doch offenbar sind britische und pakistanische Verbündete nicht glücklich darüber, daß Mitglieder der amerikanischen Regierung dabei den Namen des Mitte Juli verhafteten pakistanischen Computerfachmanns und mutmaßlichen Al-Qaida-Mitglieds Mohammed Naeem Noor Khan preisgegeben haben.

So äußerte der pakistanische Innenminister Faisal Saleh Hayat mit kaum verhohlener Kritik an Washington, "mit solchen Namen und Informationen" müsse man "extrem vorsichtig" sein. Er, Hayat, jedenfalls sehe sich aufgrund laufender Ermittlungen außerstande zu sagen, ob Khan, in dessen Computer das Material über die Observierung der amerikanischen Finanzgebäude gefunden worden war, überhaupt existiere.

Der Maulwurf ist enttarnt

Und David Blunkett, der britische Innenminister, mahnte in offenkundiger Stoßrichtung Washingtons, daß durch zu große Offenheit über Al Qaida "unnötig Alarm" geschlagen werde. Auf derartige Kritik angesprochen, entgegnete Rice, "natürlich" sei der Name Khans "nicht öffentlich" genannt worden. Doch mußte sie wohl oder übel zugeben, daß Regierungsmitglieder Khans Identität in Hintergrundgesprächen mit amerikanischen Journalisten ausgeplaudert hatten. Welche Rolle der Computerfachmann bei den jüngsten Verhaftungen mutmaßlicher Al-Qaida-Mitglieder und bei der möglichen Planung von Anschlägen auf amerikanische Finanzinstitutionen gespielt hat, ist noch nicht vollends bekannt.

Doch berichten britische und amerikanische Medien unter Berufung auf pakistanische Geheimdienstquellen, daß sich Khan nach seiner Festnahme zur Zusammenarbeit mit den Ermittlern verpflichtet habe. So meldete die Londoner Zeitung "The Times", Khan habe im Beisein von Ermittlern führende Al-Qaida-Mitglieder auf der ganzen Welt in elektronischen Postsendungen aufgefordert, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, um die Ermittler auf die Spur der Terroristen zu bringen. Den Kontaktpersonen, von denen einige in Großbritannien und mindestens sechs in den Vereinigten Staaten lebten, habe Khan geschrieben, daß es neue Anweisungen von der Führung Al Qaidas gebe. Auch die amerikanische Zeitschrift "Newsweek" berichtet in ihrer jüngsten Ausgabe, daß die pakistanischen Ermittler Khan als Maulwurf bei der Jagd nach Al-Qaida-Mitgliedern eingesetzt hätten. Damit ist es nun vorbei.

Debatte über Enttarnung noch nicht abgeschlossen

Nachdem Khans Name im Zuge der Terrorwarnungen bekanntgeworden sei, so berichtet der amerikanische Nachrichtendienst CNN, sei es bemerkenswert still geworden unter mutmaßlichen Terroristen, die von den Nachrichtendiensten abgehört worden seien. Auch wenn die pakistanische Regierung, die am Wochenende von der Regierung Bush ein dickes Lob für ihre Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus bekam, mittlerweile zum Fall Khan versichert, sie blicke nach vorne und nicht zurück, ist die Debatte über Khans Enttarnung zumindest in den Vereinigten Staaten noch nicht abgeschlossen.

Kritik kam zum Beispiel von dem demokratischen Senator Charles Schumer aus New York. Immerhin habe der pakistanische Innenminister gesagt, daß man womöglich auf die Spur Bin Ladins gekommen wäre, wenn Khan nicht enttarnt worden sei, erwähnte Schumer im amerikanischen Fernsehen. Auch nach Überzeugung des republikanischen Senators George Allen aus Virginia hätte die Regierung Bush Khans Identität besser für sich behalten und nur gesagt: "Wir haben Informationen, vertraut uns."

Die richtige Balance

Die Zeiten, in denen die Amerikaner nicht länger fragen, ob die Nachrichtendienste und die amerikanische Regierung das Richtige zum Schutz des Landes tun, sind jedoch spätestens seit den unzutreffenden Annahmen über irakische Massenvernichtungswaffen vorbei. Das macht es der Regierung nicht gerade leichter, beim Schutz des Landes vor Terroranschlägen die richtige Balance zwischen Offenheit und Verschwiegenheit zu finden, zumal die Regierung Bush heftig dafür kritisiert worden ist, daß sie Warnungen der Nachrichtendienste vor den Terroranschlägen des 11. September 2001 nicht ernst genug genommen habe.

Deshalb hält das Weiße Haus es nun für ratsam, der Bevölkerung nicht zu verschweigen, daß "Schlimmeres als am 11. September" drohe. "Sie (die Terroristen) wollen einen katastrophalen Angriff", sagte Bushs Heimatschutzberaterin Frances Townsend am Sonntag im amerikanischen Fernsehen unter Berufung auf Informationen der Nachrichtendienste. Außer den Finanzinstitutionen hätten die Terroristen noch weitere Ziele, etwa das Kapitol, ins Visier genommen, gab Townsend bekannt.

Nach einem Bericht der Zeitung "New York Times" haben außerdem pakistanische Ermittler die Regierung in Washington davor gewarnt, daß Al Qaida Hubschrauber für Rundflüge mit Touristen als Waffen zum Angriff auf Ziele in New York einsetzen könnte. Deshalb sollen nun die Sicherheitsvorkehrungen für solche Flüge verstärkt werden.

Mohammed Naeem Noor Khan, ein 25 Jahre alter Computerfachmann und mutmaßlicher Terrorist der Al Qaida, soll nach seiner Inhaftierung Ermittler zu weiteren Terroristen geführt haben - unter anderem auf die Spur des mutmaßlichen Terroristen Issa al Hindi und elf weiterer Männer, die in London festgenommen wurden. Sie sollen einen Anschlag auf den Flughafen Heathrow geplant haben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2004, Nr. 184 / Seite 5
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