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Terrorbekämpfung Schock in der Moschee

17.07.2005 ·  Die britische Polizei und die Muslime wissen, daß sie bei der Bekämpfung von islamistischem Extremismus aufeinander angewiesen sind. Doch viele Muslime sind sich unsicher, wie weit sie dabei gehen sollen.

Von Bettina Schulz, London
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Die Gläubigen der pakistanischen Moschee Minhaj-ul-Quran im Osten Londons hätten es sich vor Tagen noch nicht träumen lassen, daß der Londoner Polizeipräsident Sir Ian Blair persönlich zu ihrem Freitagsgebet erscheinen würde. Doch der 7. Juli hat vieles verändert.

Umringt von Sicherheitsbeamten, zieht sich der Polizist die Schuhe aus und betritt in seiner schwarzen Uniform den Gebetssaal der Moschee. Der Raum ist gefüllt mit pakistanischen Gläubigen, die sich in ihren Kurtas auf den Teppichen niedergelassen haben. Die Jugendlichen der Gemeinde sitzen höflich in den hinteren Reihen des Saales.

300 muslimische Polizeibeamte

Gerade haben die Männer ihre Gebete beendet, und so greift der Metropolitan Police Commissioner zum Mikrofon des Imam. „Ich weiß, daß diese Anschläge ein Albtraum für Sie sind. Ich weiß, daß dies nicht Ihre Leute getan haben“, ruft Blair in den Saal. Die Männer, zu denen er spricht, haben seit den Anschlägen das Gefühl, daß ihre Religion, ihre Moschee und ihre Kultur am Pranger stehen; Männer, die neuerdings auf der Straße beleidigt und in der U-Bahn argwöhnisch beobachtet werden. „Sie brauchen sich für nichts zu entschuldigen. Aber Sie müssen mir helfen“, sagt Blair.

Die Londoner Polizei und die muslimischen Gemeinden wissen, daß sie angesichts der Drohungen Al Qaidas, angesichts der Anschläge in New York und Madrid und angesichts der Haßpredigten berühmt-berüchtigter Extremisten wie Abu Hamza in London zuwenig zusammengearbeitet haben. Blair sagt, es gebe Hunderttausende Muslime in der Stadt, er habe aber nur 300 muslimische Polizeibeamte. „Das ist zuwenig.“ Und so dringt der Polizeipräsident darauf, daß die Muslime der Polizei meldeten, wer die Haßprediger im Untergrund seien, welche Jugendlichen im Extremismus landeten. Aber die Gläubigen der Moschee sind sich unsicher, wie weit sie dabei gehen sollen.

Aktiv werden

Wie zum Trost erzählt der Polizeipräsident, daß sich die afro-karibische Minderheit in anderen Stadtteilen auch dazu durchgerungen habe, die „Mauer des Schweigens“ zu brechen. Seitdem werde dort ein Großteil der Morde aufgeklärt. „Sie müssen aus Ihrem Schock und Ihrem Unverständnis über die Anschläge herausfinden und dann aktiv im Kampf gegen den Terror mitmachen“, sagt er seinen Zuhörern.

Er bleibt nicht lange, denn er hält diese Rede an diesem Freitag noch in anderen Moscheen. Zu dem erhofften Gesprächsaustausch zwischen dem Imam, den Männern der Moschee und dem Polizeipräsidenten kommt es nicht.

Friedliche Konferenzen

An diesem Freitagmorgen haben Analysen ergeben, daß der Sprengstoff der Londoner Attentate mit dem Sprengstoff des „Schuh-Bombers“ Richard Reid vergleichbar ist, mithin also eine Verbindung zu Al Qaida wahrscheinlich ist. Zudem soll Reid mit dem vierten Londoner Attentäter, Magdi el Nashar, früher in der gleichen Moschee gebetet haben.

Blair rennt beim Imam der Moschee, Mohammad Ramzan Qadri, offene Türen ein. Der ist 35 Jahre jung, die Moschee, die auch in Frankfurt eine Niederlassung hat, ist bekannt für ihre relativ liberale Einstellung, für ihre friedlichen Konferenzen und für ihre Jugendarbeit. Zwar dürfen auch hier die Frauen die Predigt des Imam nur hinter einem Wandschirm verfolgen, und Qadri argumentiert strikt nach dem Koran. Aber er verurteilt den Aufruf der Extremisten zum Dschihad.

Nicht alle überzeugbar

Es sei allerdings schwer, gegen deren Untergrundarbeit anzukommen. Denn die Extremisten suchten sich gezielt Jugendliche aus, die leicht zu beeinflussen seien. Wie die Propaganda der Fanatiker wirke, habe er in seinen eigenen Jugendgruppen beobachten können. Nach den Anschlägen habe er seine Jungen gefragt, ob es für sie je einen Grund geben könne, sich als Selbstmordattentäter in die Luft zu jagen.

Und Qadri sagt, daß er schockiert gewesen sei, als einige antworteten: „Ja, natürlich - weil unsere Brüder und Schwestern im Irak und Afghanistan getötet werden.“ Quadri sagt, er könne dagegen zwar anhand seiner Koran-Interpretation argumentieren. „Aber ich kann nicht alle überzeugen. Manche wollen meiner Argumentation nicht folgen. Und was soll ich erst machen, wenn manche Jugendliche gar nicht erst zu mir kommen?“

Jugendlichen werden indoktriniert

Qadri sagt, daß viele muslimische Gemeinden extremistisches Gedankengut zu nachlässig behandelten, nichts dagegen unternähmen oder schlicht nicht wüßten, was sie tun könnten. Und die gefährlichsten Extremisten brauchten nicht die Moscheen, um Helfershelfer zu rekrutieren. Sie kämen aus dem Ausland, seien Vertreter extremistischer Organisationen und nicht Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft.

„Die wissen, daß wir sie hier rauswerfen und sie hier nicht willkommen sind. Die tauchen hier gar nicht erst auf“, sagt Qadri. Die Extremisten versuchten vielmehr, Jugendliche außerhalb der Moscheen mit Propaganda zu bearbeiten, zum Beispiel an den Universitäten oder durch sogenannte Jugendprogramme. Die Jugendlichen würden indoktriniert, beobachtet, selektiert und dann vereinzelt zur Terroristenausbildung verschickt.

Kein Grund zum Einschreiten

War das auch mit einem der Attentäter aus Leeds, mit Shehzad Tanweer, dem „Aldgate-Bomber“, der Fall? Er besuchte Pakistan in den Jahren 2003 und 2004. Behörden in Lahore untersuchen, ob er die mittlerweile verbotene radikale Koranschule Lashkar-e-Tayyaba in Muridke besucht hat. Auch wird berichtet, Tanweer habe in Pakistan einen der Terrorgruppe Al Quaida nahestehenden Mann, Usama Nazir, getroffen.

Die Eltern der Jugendlichen sind offenbar oft überfordert. Sie deuten den plötzlichen Sinneswandel und die neue Religiosität ihrer Kinder, die mit deren Indoktrination einhergehen, falsch. Warum sollten sie, die meist strenggläubig sind, einschreiten, wenn ihre Kinder plötzlich nichts mehr von Zigaretten, Alkohol, Sex, Disko-Musik und Drogen halten? „Die sind sogar froh, wenn ihr Sohn plötzlich religiöses Interesse zeigt, konservativ wird und viel den Koran liest“, heißt es unter den Jugendlichen in der Moschee.

Großes Unverständnis

Ähnliches wird von der Familie von Tanweer berichtet, der vor seinem Pakistan-Besuch offenbar über die Stränge geschlagen, sich nach dem Besuch aber völlig gewandelt hatte und tief religiös geworden war. Die Eltern müßten ihre Kinder deshalb noch viel stärker kontrollieren, sagt ein Sprecher der Minhaj-ulQuran-Gemeinde.

In der Moschee herrscht großes Unverständnis darüber, daß in Großbritannien einige extremistische Organisationen legal operieren dürfen, die in Kontinentaleuropa und den Vereinigten Staaten lange schon verboten sind. „Hizb ut-Tharir“ sei eine solche Gruppe oder „Al Mahjuron“. „Die operieren alle sehr offen und haben ihre Websites. Diese Gruppen müßten alle verboten werden“, sagt ein Sprecher der Moschee. „Wir Muslime wollen gegen den Extremismus angehen. Aber dafür brauchen wir auch die Unterstützung der britischen Gesellschaft.“

Quelle: F.A.Z., 18.07.2005, Nr. 164 / Seite 3
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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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