17.08.2009 · Der Terroranschlag auf das Hauptquartier der Miliz in Nasran, bei dem 20 Menschen ums Leben kamen und mehr als hundert verletzt wurden, zeigt, dass Präsident Jewkurows Konzept für Inguschetien bislang nicht aufgeht. Längst verlassen Russen die Teilrepublik.
Von Michael Ludwig, MoskauZwanzig Tote sind nach dem Terroranschlag gegen das Hauptquartier der Miliz in der größten Stadt Inguschetiens, Nasran, am Montag zu beklagen. Weit über hundert Anwohner, unter ihnen zehn Kinder, wurden zum Teil schwer verletzt. Vermutet wird, dass es der Führer des bewaffneten, islamistisch geprägten Untergrundes in Inguschetien, Doku Umarow, war, der den Selbstmordattentäter losschickte. Seit Monaten versetzen der selbsternannte „Emir vom Nordkaukasus“ und seine Bewegung die zur Russischen Föderation gehörende Nordkaukasusrepublik mit Anschlägen in Angst. Umarow versteckt sich höchstwahrscheinlich in den Wäldern im Grenzgebiet zu Tschetschenien und gibt von dort aus seine Befehle.
Der Präsident Inguschetiens, Junus-Bek Jewkurow, will dem Vernehmen nach in ein bis zwei Wochen wieder die Amtsgeschäfte übernehmen. Nach dem schweren Anschlag auf seinen Dienstwagen im Juni, bei dem der frühere Fallschirmjägergeneral sehr schwer verletzt wurde, scheint Jewkurow nun wieder einigermaßen genesen zu sein. Nach dem Anschlag vom Montag sagte Jewkurow, dass der Auftraggeber für das gegen ihn gerichtete Attentat Doku Umarow gewesen sei. Auch sagte er, bei dem jüngsten Anschlag gehe es darum, Angst zu verbreiten und die Lage in Inguschetien zu destabilisieren. Abermals gestand der Präsident ein, dass die Terroristen um Umarow in der Bevölkerung durchaus Sympathie genießen würden.
Korruption auf allen Ebenen
Warum das so ist, hatte Jewkurow schon früher unumwunden beim Namen genannt: Die unglaubliche Korruption auf allen Ebenen sowie der allenthalben übliche Amtsmissbrauch der Staatsdiener, fehlende Lebensperspektiven für die meist arbeitslosen Jugendlichen seien schuld an der Misere und am Zulauf für die Islamisten. Jewkurow zeigte sogar ein gewisses Maß an Verständnis dafür, wenn junge Menschen sich angesichts der schlimmen Zustände im Land radikalisierten und sich dem Untergrund anschlössen. Die in den Staat integrierte „offizielle“ islamische Geistlichkeit zeigt derweil vor allem Ratlosigkeit - gegen radikale Prediger vermag sie immer weniger auszurichten.
Jewkurows politischer Ansatz, den er mit Russlands Präsident Medwedjew teilte, war zweigleisig. Zum einen sollte der Untergrund um die aus Tschetschenien eingesickerte Gruppe um Umarow sowie das gesamte „kleinzellige“ Netzwerk im inguschischen Untergrund durch die Sicherheitskräfte bekämpft werden. Zum anderen hatte es sich Jewkurow zur Aufgabe gemacht, mit Korruption und Amtsmissbrauch im Staatsapparat aufzuräumen und die Bevölkerung stärker in die Politik einzubeziehen. Das sollte ihn von Moskaus starkem Mann in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, politisch unterscheiden. Kadyrow gelang es zwar in den vergangenen Jahren, den bewaffneten Untergrund mit brutaler Gewalt auszutrocknen. Vollkommen besiegen konnte er ihn jedoch nicht. Das politische System in Tschetschenien gleicht dabei immer mehr der Diktatur eines Mannes, was dem auch in Tschetschenien noch handlungsfähigen Untergrund irgendwann wieder größeren Zulauf bescheren könnte.
Anschlag gegen Jewkurow womöglich ein „Gemeinschaftswerk“
Das zweigleisige Konzept Jewkurows für die Befriedung Inguschetiens ist jedoch bislang nicht aufgegangen. Am Montag deutete Jewkurow vorsichtig an, dass nicht nur die Terroristen daran schuld sind, sondern offensichtlich auch gewisse Leute in den Sicherheitskräften. Damit wurde die Vermutung wenigstens zum Teil bestätigt, dass der Kampf gegen Korruption keineswegs ungeteilte Zustimmung im Apparat finde. Der Anschlag im Juni gegen Jewkurow sei deshalb womöglich ein „Gemeinschaftswerk“ gewesen.
Begünstigung von Terroristen oder gar Zusammenarbeit mit dem Untergrund hat es in den Sicherheitskräften und unter Politikern Russlands in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegeben. Dem islamistischen Untergrund wiederum ist an einem liberaleren Regime, wie es Jewkurow vorhatte, nicht gelegen. Die Ratlosigkeit Jewkurows, dessen Konzept vorläufig gescheitert ist, zeigte dessen Stellungnahme zu dem jüngsten Anschlag: Pauschal wies er Hintermännern der Terroristen im Westen die Schuld am Terror im Nordkaukasus zu. Das Motiv sei, Russlands Wiederaufstieg zur Weltmacht zu verhindern, wie das einst die Sowjetunion gewesen sei. Vor allem den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Israel unterstellte Jewkurow diese finsteren Absichten. Araber, die im Nordkaukasus kämpften, seien nur bezahlte Söldner.
Derweil sagen islamistische Ideologen, die keineswegs als „Sympathisanten des Westens“ gelten können, wie der Dagestaner Ali Alijew („Adallo“), ganz offen, dass der Zug für die Russen im Kaukasus längst abgefahren sei. Er und seine Anhänger im Untergrund wollen einen islamischen Gottesstaat im Kaukasus. Erreicht haben sie bereits, dass immer weniger Russen im Nordkaukasus leben. In dieser Region ist die Staatsnation der Föderation längst dabei, die Fahne einzurollen.
Wo Deutschland seine Fahne einrollt
Andrey Parfenov (Andryuha)
- 17.08.2009, 21:40 Uhr
Jetzt also Inguschtien
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 18.08.2009, 01:06 Uhr
Qualitätsjournalismus
Ivan Ivanov (Sadchikow)
- 18.08.2009, 03:35 Uhr
Ja, das waren noch Zeiten...
Tatiana Schmidt (tatiane)
- 18.08.2009, 08:41 Uhr
Zurückschwingen des historischen Pendels
Klaus Meyer (deutschlaender2)
- 18.08.2009, 13:33 Uhr
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
Jüngste Beiträge