Home
http://www.faz.net/-gq5-qv4e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Terror in London „Wir hätten alles getan, um ihn zu stoppen“

15.07.2005 ·  Die Familie eines der Selbstmordattentäter von London zeigt sich entsetzt über die Anschläge und spricht den trauernden Hinterbliebenen ihr Mitgefühl aus. Zuvor hat der bei Kairo festgenommene ägyptische Verdächtige alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der Chemiker soll in Leeds am Bau der Bomben beteiligt gewesen sein.

Artikel Bilder (69) Interaktiv (1) Lesermeinungen (0)

Die Familie eines der Selbstmordattentäter von London hat sich geschockt über die Anschläge gezeigt und den trauernden Hinterbliebenen ihr Mitgefühl ausgesprochen. „Wir, die Familie von Hasib Mir Hussain, sind von den Ereignissen der vergangenen Tage niedergeschmettert“, hieß es in einer am Freitag veröffentlichten Erklärung.

„Hasib war ein normaler und liebevoller junger Mann, der uns keine Sorgen bereitete. Es fällt uns schwer, das Geschehene zu akzeptieren.“ Der mit 18 Jahren jüngste der vier Attentäter hatte eine Bombe in einem Bus zur Explosion gebracht und dabei 13 Menschen und sich selbst getötet.

Weiter hieß es: „Unsere Gedanken sind bei den trauernden Familien. Auch wir selbst müssen mit dem Verlust unseres Sohnes in schwierigen Umständen leben.“ Von seinen Aktivitäten habe die Familie nichts gewußt. „Wir hätten alles in unserer Macht stehende getan, um ihn zu stoppen.“ In ihrer Mitteilung fordert die Familie jeden, der Informationen über die Anschläge habe, zur Zusammenarbeit mit den Behörden auf.

Festgenommener in Kairo streitet Vorwürfe ab

Zuvor war in der Nähe von Kairo ein mutmaßlicher Komplize der Londoner Attentäter festgenommen worden. Das bestätigte die britische Botschaft in Ägypten. Es handelt sich um einen 33 Jahre alten Biochemiker, der an der Universität von Leeds promoviert wurde. Offenbar wurde der Mann in der Nacht auf Freitag gefaßt.

Unklar ist, ob es sich bei dem Festgenommenen um einen Zuarbeiter (etwa für die Herstellung des Sprengstoffs) oder einen Hintermann der Attentate handelt. Nach Informationen des Senders BBC hatte er den Terroristen die Schlüssel für ein Haus in Leeds ausgehändigt. Die Selbstmordattentäter sollen nach neuen Erkenntnissen ihre Bomben selbst gebaut haben. Der Sprengstoff bestehe aus Substanzen, die in gewöhnlichen Drogerien erhältlich seien, hieß es in London.

Allerdings hat der 33 Jahre alte Magdi Mahmud Mustafa Nashar alle Vorwürfe von sich gewiesen und „jede Beteiligung an den Anschlägen verneint“, teilte ein Beamter des ägyptischen Innenministeriums am Freitag mit. Nashar habe in Verhören ausgesagt, daß er zum Studium in Leeds im Jahr 2000 nach Großbritannien gegangen sei, wo er vor wenigen Wochen seinen Doktortitel erworben habe. Derzeit befinde er sich auf einem anderthalbmonatigen Heimataufenthalt und wolle danach in Leeds sein wissenschaftliche Studien fortsetzen.

London vor den Anschlägen verlassen

In seiner dortigen Wohnung befänden sich noch alle seine Habseligkeiten. Der amerikanische Fernsehsender ABC berichtete unter Berufung auf das FBI, der Verdächtige habe Großbritannien zwei Wochen vor den Anschlägen verlassen.

Am Donnerstag hatte ABC berichtet, Nashar habe seine Wohnung erst drei Wochen vor den Anschlägen gemietet. Das FBI halte Nashar für einen der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge, Es sei für den Bau der eingesetzten Sprengsätze verantwortlich gewesen.

Sensibler Sprengstoff

Bei dem gefundenen Sprengstoff handelt es sich offenbar um TATP (Triacetontriperoxid), der aus einfachen Haushalts-Chemikalien hergestellt werden kann. Anleitungen dazu sollen sich auch im Internet finden lassen.

Nach Expertenangaben neigt dieser Sprengstoff aber zur Selbstzündung bei Erschütterungen und Temperaturschwankungen. Aus diesem Material bestehende Bomben über mehrere Stunden per Auto oder Bahn von Leeds nach London zu transportieren, sei nahezu unmöglich. Angeblich gebe es rund 40 Fälle von Palästinensern, die beim Bau von TATP-Sprengsätzen ums Leben kamen.

Anleihen beim „Schuhbomber“

TATP ist auch unter dem Namen „Mutter des Satans“ bekannt - unter anderem hatte es der so genannte „Schuhbomber“ Richard Reid benutzt, der den Sprengstoff bei einem Transatlantik-Flug im Jahre 2001 zünden wollte, davon aber rechtzeitig abgehalten werden konnte.

Nach dem Fund des Sprengstoffs in den Wohnhäusern der mutmaßlichen Attentäter hatte die Polizei das umliegende Gelände aus Sicherheitsgründen weiträumig abgesperrt und das Material kontrolliert gezündet. Die Polizei selbst konnte den Sprengstoff, der bei den Anschlägen tatsächlich verwendet worden war, bislang noch nicht genau bestimmen. Es hieß lediglich, die Bomben hätten aus einem hochexplosivem Material bestanden.

Spuren auch nach Pakistan

Der britische Polizeichef Ian Blair geht bei den Ermittlungen zu den Terroranschlägen außerdem von einer Spur nach Pakistan aus. „Es besteht eine Verbindung mit Pakistan, aber auch mit anderen Ländern“, sagte der Scotland-Yard-Chef in einem BBC-Interview. Die anderen Länder wollte er aber nicht beim Namen nennen.

Die vier mutmaßlichen Attentäter, von denen drei pakistanische Wurzeln hatten, seien aber nur „einfache Fußsoldaten“ gewesen. „Wir suchen nun diejenigen, die sie ermutigt haben, die sie ausgebildet haben, die sie finanziert haben.“

„Militanter“ Islamist im Verhör

Die pakistanische Polizei verhört nach eigenen Angaben einen festgenommenen Briten wegen möglicher Kontakte zu Terrorgruppen. Der 25 Jahre alte Zeeshan Siddique sei „militant“, allerdings habe sich keine Verbindung zu den Anschlägen von London herstellen lassen, sagte ein Polizeisprecher am Freitag in Peshawar. Der im Mai festgenommene Siddique habe aber eingestanden, Kontakte zu islamistischen Gruppen unterhalten zu haben.

Ein hoher Beamter des Innenministeriums in Islamabad sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Der Verdächtige hat keinen nachrichtendienstlichen Erkenntniswert in Hinblick auf die Ereignisse in London.“ Die „New York Times“ hatte berichtet, die britischen Ermittlungsbehörden untersuchten eine mögliche Verwicklung Siddiques in die Anschläge. Siddique sitzt derzeit im Zentralgefängnis der pakistanischen Stadt Peshawar.

Weitere Attentäter?

Ian Blair schloß nicht aus, daß es weitere Attentäter gab. Die Ermittlungen konzentrierten sich jetzt aber auf die Hintermänner der Terrorserie. „Wir wissen nicht, ob es einen fünften, sechsten oder siebten Mann gab. Jetzt müssen wir herausfinden, wer die Anschläge plante“, sagte Blair.

Auf die Rolle von Al Qaida angesprochen erklärte der Chef der Metropolitan Police: „Al Qaida ist keine Organisation, sondern eine Methode. Und dies trägt die Handschrift ihrer Vorgehensweise.“ Al Qaida sei in der Lage, Terroristen auszubilden und mit dem notwendigen Fachwissen auszustatten. „Das ist hier geschehen.“ Blair ergänzte: „In einer liberalen Demokratie ist es nicht notwendig, zum Selbstmordattentäter zu werden. Diese Männer wollten es so.“

Mehrere Zeitungen berichteten, daß auf Videoaufzeichnungen mit den vier Bombenlegern mindestens zwei weitere Verdächtige in Erscheinung getreten seien. Ein Mann habe sich am Bahnhof Luton nördlich von London mit den vier Männern unterhalten, die von dort aus in die Hauptstadt gefahren seien. Ein anderer sei am Londoner Bahnhof King's Cross mit ihnen gesehen worden, 20 Minuten vor der Ausführung der Anschläge.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2 3