Home
http://www.faz.net/-gq5-qxi7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Terror in London Spuren führen nach Pakistan

16.07.2005 ·  Der Spur der Londoner Selbstmordattentäter führt zu pakistanischen Al-Qaida-Zellen. Dort gab es weitere Festnahmen. Der Verdacht gegen einen in Ägypten verhörten Biochemiker konnte bisher nicht bestätigt werden.

Artikel Bilder (71) Interaktiv (1) Lesermeinungen (0)

Im Zusammenhang mit den Londoner Selbstmord-Anschlägen sind in Pakistan in der Nacht zum Freitag zwei weitere Männer festgenommen worden. Der Verdacht gegen einen in Ägypten verhörten Biochemiker konnte bisher nicht bestätigt werden. Der ägyptischen Regierung zufolge bestritt er, in die Anschläge verwickelt zu sein. Erstmals haben britische Politiker vom linken Flügel der Labour-Partei die Londoner Terroranschläge mit dem Irakkrieg in Verbindung gebracht. Damit kritisierten sie auch Premierminister Tony Blair, der prompt widersprach. Die Ermittlungen von Scotland Yard konzentrierten sich unterdessen zunehmend aufs Ausland.

Die im pakistanischen Lahore festgenommenen Männer werden nach Behördenangaben verdächtigt, mit einem der Attentäter, Shehzad Tanweer, Kontakt unterhalten zu haben. Damit haben die Sicherheitskräfte des Landes im Zusammenhang mit den Anschlägen insgesamt sechs Menschen festgenommen.

Festnahmen und Verhöre in Lahore

Tanweer besuchte Faisalabad und Lahore während zweier Reisen nach Pakistan in den vergangenen beiden Jahren. Laut Geheimdienstmitarbeitern traf er 2003 einen Extremisten, der später wegen eines Attentats auf eine Kirche in Islamabad festgenommen wurde. Am Samstag verhörten die Ermittler zudem Studenten, Lehrer und andere Mitarbeiter einer Islam-Schule in Lahore, die Tanweer im vergangenen Jahr besucht haben soll. Der Institution werden Verbindungen zu der Al-Kaida nahen Gruppe „Mohammeds Armee“ zugeschrieben.

Die ägyptische Spur in dem Fall hingegen führte bisher offenbar nicht weiter. Die Zeitung „al-Gomhuria“ berichtete unter Berufung auf Innenminister Habib al-Adli, der am Donnerstag festgenommene 33jährige stehe nicht in Verbindung mit Al Qaida. Dem Innenministerium zufolge bestreitet der Verdächtige, etwas von den Londoner Anschlägen gewußt zu haben. Er habe die britische Hauptstadt vor den Attentaten für einen rund sechswöchigen Urlaub verlassen und wolle nach Großbritannien zurückkehren. Britische Zeitungen hatten berichtet, der Biochemiker habe ein Haus im nordenglischen Leeds gemietet, das die Polizei durchsucht habe.

Drei der vier Selbstmordattentäter seien im vergangenen Jahr nach Pakistan gereist, sagten zwei ranghohe Vertreter der Sicherheitsbehörden am Samstag der Nachrichtenagentur AFP in Islamabad. Der 30jährige Mohammed Sadique Khan und der 22jährige Shehzad Tanweer seien im November 2004 gemeinsam am Flughafen von Karachi gelandet und Anfang Februar wieder nach Großbritannien zurückgekehrt, sagten die Behördenvertreter, die anonym bleiben wollten. Der jüngste der mutmaßlichen Attentäter, der 18jährige Hasib Hussain, sei aus unbekannten Motiven ebenfalls im vergangenen Jahr in Karachi eingereist und kurze Zeit später wieder nach Großbritannien zurückgeflogen. Die Spur der drei Verdächtigen in Pakistan hätte nicht rekonstruiert werden können.

„Pakistan als Ort islamischer Radikalisierung“

Deutsche Sicherheitsbehörden gehen nach einem Bericht des ARD-Hauptstadtstudios davon aus, daß Pakistan teilweise die Funktion Afghanistans als Ort islamistischer Radikalisierung übernommen hat. Viele Briten pakistanischer Herkunft hätten sich nach Besuchen in ihrer Heimat radikalisiert. Deutsche Sicherheitsbehörden wollten jetzt die Lebensläufe deutscher Islamisten auf Pakistan-Aufenthalte überprüfen, weil Pakistan-Reisende nach jüngsten Erkenntnissen als besonders gefährlich gelten müßten.

Im März 2004 seien in London sieben mutmaßliche Terroristen festgenommen worden, die Anschläge auf Nachtclubs, Einkaufszentren und Infrastruktur geplant hätten. Drei von ihnen hätten zuvor Pakistan besucht. Für enge Bande zwischen Al-Qaida-Männern in Pakistan und Briten pakistanischer Abstammung spreche auch, daß am Freitag und Samstag insgesamt sechs Terrorverdächtige im Zusammenhang mit demLondoner Anschlag in Pakistan verhaftet worden seien.

Die ehemalige Entwicklungsministerin Clare Short, die aus Protest gegen den Irakkrieg zurückgetreten war, sagte: „Einige Stimmen aus der Regierung hören sich an, als ob auf der einen Seite alles böse wäre und bei uns alles toll, dabei sind wir in das Niedermetzeln einer großen Zahl irakischer Zivilisten verwickelt und unterstützen eine Nahostpolitik, die in den Augen der Palästinenser mit zweierlei Maß mißt - das schürt natürlich die Wut.“ Ähnlich äußerte sich der Unterhausabgeordnete John McDonnell, ein Wortführer der Kriegsgegner bei Labour.

Blair: Ideologie des Bösen

Blair widersprach: Auf einer Parteikonferenz am Samstag in London sagte Blair, es gehe weder um einen Zusammenhang mit dem Irakk-Krieg noch um einen „Kampf der Kulturen“, sondern um eine von islamistischen Extremisten vertretene „Ideologie des Bösen“. Blair fragte: „Wenn der Irak sie antreibt, warum bringt dann dieselbe Ideologie Iraker durch Terror um, ungeachtet einer gewählten irakischen Regierung? Alle zivilisierten Menschen, ob Moslems oder nicht“, empfänden Abscheu für diese Ideologie.

„Mohammad muß eine Gehirnwäsche bekommen haben“

So muß es auch der Familie von Mohammad Sidique Khan (30) gehen, die den Angehörigen der Opfer am Samstag ihr „tiefstes und aufrichtiges Mitgefühl“ übermittelte. Mohammad müsse eine „Gehirnwäsche“ bekommen haben, anders sei nicht zu erklären, daß er sich an einem so furchtbaren Verbrechen beteiligt habe, hieß es. Die Familie des Bus-Bombers sprach schon am Freitag abend den trauernden Hinterbliebenen ihr Mitgefühl aus: „Wir, die Familie von Hasib Mir Hussain, sind von den Ereignissen der vergangenen Tage niedergeschmettert.“

Die vier jungen Muslime hatten mehr als 50 Menschen getötet und 700 verletzt. Die offizielle Totenzahl stieg am Samstag auf 55, nachdem ein Verletzter im Krankenhaus gestorben war. Noch immer sind jedoch nicht alle Toten geborgen und identifiziert.

Am Freitag abend wurde bekannt, daß Mohammad Khan vor einem Jahr eine Sonderführung durch das britische Parlament bekommen hatte. Zusammen mit einer Gruppe Kinder von der Schule in Leeds, an der er als Hilfslehrer arbeitete, besichtigte er das Parlament mit dem örtlichen Labour-Abgeordneten Jon Trickett und sprach sogar mit Entwicklungsminister Hilary Benn. Die muslimische Gemeinschaft in Großbritannien hat die Anschläge mehrfach scharf verurteilt. Am Freitag veröffentlichten in London 22 führende Vertreter der Muslime eine gemeinsame Erklärung, in der sie die Anschläge erneut als „äußerst kriminell, zutiefst verwerflich und völlig unislamisch“ bezeichneten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2 3