31.07.2005 · Der in Rom festgenommene Osman Hussain hat bei seinem Verhör jeglichen Kontakt zur Al Qaida oder zu den Attentätern vom 7. Juli bestritten und nannte den Irak-Krieg als Motiv für die jüngsten Anschlagsversuche in London.
Der in Rom festgenommene mutmaßliche Beteiligte an den Anschlägen vom 21. Juli in London hat in der Vernehmung den Irak-Krieg als Motiv für die Tat genannt.
Seine Gruppe habe aber keine Verbindungen zur Al Qaida oder zu den Attentätern vom 7. Juli gehabt, sagte der 27jährige Osman Hussain italienischen Medienberichten zufolge. Ziel sei es gewesen, Aufsehen zu erregen. Um vielen Menschen schaden zu können, habe er nicht genug Sprengstoff gehabt. Hussain sagte den Angaben zufolge, Anführer der Gruppe sei ein Mann namens „Muktar“ gewesen. Dabei könnte es sich um Muktar Said Ibrahim handeln, einen der am Freitag in London festgenommenen Verdächtigen, wie die italienische Zeitung „La Repubblica“ schrieb.
Bilder vom Krieg
„Muktar zeigte uns Bilder vom Irak-Krieg“, sagte Hussain. Er habe den anderen auch gezeigt, wie man Bomben baut. Andere Menschen sollten dabei aber nicht getötet werden. Die Zeitung „La Repubblica“ zitierte Hussain mit den Worten: „Muktar hat uns gesagt, wir sollten vorsichtig sein. Wir wollten nicht töten, wir wollten nur Terror verbreiten.“ Hussain wurde am Freitag in der Wohnung seines Bruders in Rom festgenommen und am Samstag intensiv verhört.
Innenminister Giuseppe Pisanu gab am Samstag vor dem Parlament bekannt, daß Ermittler in Venedig und Salerno sowie in anderen Städten im Einsatz seien, um möglichen Anschlägen vorzubeugen. Wie Pisanu weiter erklärte, verließ Hussain London am 26. Juli, also fünf Tage nach den fehlgeschlagenen Anschlägen auf drei U-Bahnen und einen Bus. Er sei vom Londoner Bahnhof Waterloo mit dem Eurostar durch den Kanaltunnel nach Europa gefahren.
Er will wohl in Italien bleiben
Italienische Medien berichteten, Hussain, der mit richtigem Namen vermutlich Hamdi Isaac heiße, sei über Paris nach Rom gereist und dort bei Verwandten untergekommen. Er soll fließend Italienisch sprechen, so daß er bei seinen Verhören keinen Dolmetscher benötige. Dies bestätigte seine Anwältin Antonietta Sonnessa mit Bezug auf die Anhörung zur Auslieferung. Bis in dieser Frage eine Entscheidung getroffen werde, könnten Monate vergehen. Die vom Gericht bestellte Anwältin deutete nach der ersten Anhörung über das Auslieferungsgesuch Londons an, Hussain werde „es wohl vorziehen, in Italien zu bleiben“.
Hussain, ein britischer Staatsbürger äthiopischer Abstammung, wurde am Freitag in einer römischen Wohnung festgenommen, die den Medien zufolge seinem Bruder gehört. Dort fand die Polizei laut der Zeitung „Corriere della Sera“ unter anderem zwei Pläne der Pariser Metro. Fahnder ließen die Wohnung am Freitag abend stundenlang von Spürhunden durchsuchen.
Eine dritte Terrorzelle?
Eine dritte islamistische Terrorzelle soll sich in Großbritannien auf freiem Fuß befinden und weitere Anschläge gegen Londoner U-Bahnen und andere „weiche Ziele“ planen. Dies berichtete die „Sunday Times“ unter Berufung auf Sicherheitskreise. Die Londoner Polizei habe beim größten Antiterror-Einsatz ihrer Geschichte am vergangenen Freitag auch deshalb rasch zugegriffen, weil Ermittler eine „dritte Welle“ von Anschlägen unmittelbar befürchteten, hieß es weiter.
Der Antiterror-Chef von Scotland Yard, Peter Clarke, betonte, die Bedrohung bleibe „sehr real“. Scotland Yard konzentriert sich nun bei der Suche nach weiteren Terroristen auf die Verhöre von zwölf Terrorverdächtigen. Nach Angaben der Polizei sind bei den spektakulären Polizeioperationen der vergangenen Woche insgesamt ein Dutzend Personen in Großbritannien und Rom festgenommen worden. Sie stehen alle im Verdacht, an den Anschlägen auf U-Bahnen und Busse im Juli in London beteiligt gewesen zu sein. Darunter befinden sich auch die vier mutmaßlichen Rucksackbomber.
Am Sonntag hat die britische Polizei sechs weitere Menschen festgenommen. Allerdings handle es sich nicht um bedeutende Festnahmen, sagte ein Polizei-Vertreter. Bei der Aktion im Süden Englands seien keine bewaffneten Polizisten zum Einsatz gekommen. Grundlage des Einsatzes seien die Anti-Terror-Gesetze gewesen.
Muhammad, komm aus der Wohnung
Am Freitag hatte eine Spezialeinheit von Scotland Yard zwei der mutmaßlichen Täter in London festgenommen. Es handelt sich nach den Angaben um Muktar Said Ibrahim und Ramsi Mohammed. Mit Maschinenpistolen, Gasmasken und kugelsicheren Westen ausgerüstete Polizisten hatten unter anderem einen Wohnblock im Stadtteil Notting Hill abgeriegelt und eine Wohnung umstellt. Es waren mehrere Explosionen und Schüsse zu hören. Im Fernsehen waren Stimmen von Polizisten zu vernehmen, die in die umstellte Wohnung riefen: „Muhammad, komm aus der Wohnung.“
Muktar Said Ibrahim wird auch Muktar Muhammad Said genannt. Der 27jährige kam als junger Mann aus Eritrea nach Großbritannien. Am Mittwoch war als erster der mutmaßlichen Attentäter Yasin Hassan Amar (24) in Birmingham überwältigt worden. Der gebürtige Somalier lebte seit vielen Jahren legal auf der britischen Insel.
Hintermann in Sambia in Gewahrsam?
Unterdessen wies Scotland Yard Berichte über die Festnahme des mutmaßlichen Hintermannes der Selbstmordanschläge vom 7. Juli zurück. „Das ist alles Spekulation“, sagte eine Sprecherin der Londoner Polizei. Man habe derzeit nicht vor, den Mann zu vernehmen. Der 30jährige Muslim Haroon Rashid Aswat, ein britischer Staatsbürger indischer Herkunft, war nach amerikanischen Medienberichten in Südafrika nach amerikanischen Polizeihinweisen aufgespürt worden und befinde sich derzeit in Sambia in Gewahrsam.
Das Außenministerium in London bestätigte, daß es sich darum bemühe, Zugang zu einem britischen Staatsbürger zu bekommen, der sich in dem afrikanischen Land in Haft befinde, nannte jedoch keinen Namen. Nach Medienberichten hielt sich Aswat Wochen vor den Londoner Anschlägen in Südafrika auf und stand dort wegen des Verdachts, den Aufbau eines Ausbildungslagers für Terroristen im Bundesstaat Oregon mitgeplant zu haben, unter amerikanischer Überwachung.
„Britischer Al-Qaida-Führer“
Britische Medien hatten Aswat wiederholt als „britischen Al-Qaida-Führer“ bezeichnet. Die Londoner „Times“ berichtete, Aswat sei zwei Wochen vor den Anschlägen vom 7. Juli in Großbritannien eingetroffen, um die Vorbereitungen des Verbrechens zu leiten. Bei den Attentaten waren über 50 Menschen getötet und etwa 700 weitere verletzt worden. Wenige Stunden vor der Tat soll Aswat das Land wieder verlassen haben. Er sei westlichen Geheimdiensten seit mehr als drei Jahren bekannt, hieß es.
Nach Angaben des südafrikanischen Fernsehensenders e-tv hat der 30jährige 20mal mit den vier Rucksackbombern telefoniert. Nach sambischen Medienangaben waren unmittelbar nach Aswats Festnahme britische und amerikanische Anti-Terror-Spezialisten in Sambia eingetroffen.