http://www.faz.net/-gpf-8yjhe

Nach Terrorattacke : Behörden kannten Attentäter als radikalen Islamisten

  • Aktualisiert am

Eine Stadt unter Schock: In London gedenken am Montag Tausende der Opfer der Anschläge Bild: EPA

Zwei Tage vor der Parlamentswahl in Großbritannien dominiert die Trauer über den jüngsten Terroranschlag. Neue Erkenntnisse über die Attentäter weisen auf Sicherheitslücken hin. In London durchsucht die Polizei eine weitere Wohnung.

          Khuram Shazad Butt, einer der drei Attentäter, die am Samstagabend mindestens sieben Menschen töteten und Dutzende verletzten  war ein bekanntes Mitglied der radikal-islamistischen Gruppierung „Al Muhajiroun“. Diese Erkenntnis lässt Fragen aufkommen, wie effektiv die britischen Sicherheitskräfte mögliche Terrorgefahren überwachen. In den vergangenen Jahren soll sich der zweifache Vater im Umfeld von „Al Muhajiroun“ radikalisiert haben, wobei er mehrfach in Moscheen durch seine besonders stark ausgeprägte Radikalität aufgefallen sein soll. Sechs von Butts Nachbarn identifizierten den 27 Jahre alten Briten pakistanischer Herkunft als Extremisten, der 2015 bei Gebeten vor einer schwarzen Islamistenflagge im Londoner Regent’s Park gefilmt wurde.

          Das Filmmaterial, das im britischen Channel 4 in einem Dokumentarfilm über britische Dschihadisten zu sehen war, zeigt den Verdächtigen in Begleitung führender Figuren des verbotenen Netzwerks „Al Muhajiroun“. Die salafistische Vereinigung  konnte von 1986 an in Großbritannien agieren, am Anfang relativ ungehindert. 2005 wurde sie dann schließlich verboten. Sie wird in Zusammenhang mit internationalem Terrorismus, Antisemitismus und Schwulenfeindlichkeit gesetzt. Die Gruppierung wurde berühmt-berüchtigt wegen ihres Lobs für die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Der Terrorismusexperte Raffaelo Pantucci machte „Al Muhajiroun“ 2015 für die Hälfte aller Terrorattacken der vergangenen 20 Jahre in Großbritannien verantwortlich. Seit 2009 änderte die Gruppe regelmäßig ihren Namen und ihre Struktur, um der Strafverfolgung zu entgehen.

          Zweiter Attentäter lebte als Konditor in Dublin

          Der zweite identifizierte Attentäter war laut Angaben der irischen Polizei ein marokkanisch-libyscher Konditor, der bis vor kurzem in Dublin gelebt hat. Rachid Redouane zog vor rund fünf Jahren in die irische Hauptstadt und war den Behörden vor der Attacke vom Samstag nicht bekannt. Er wurde durch eine Karte der irischen Einwanderungsbehörde identifiziert, die bei seiner Leiche gefunden wurde. Der 30-Jährige nutzte auch das Pseudonym Rachid Elkhdar und lebte teilweise in einem Hochhaus in Dagenham im Osten von London – nicht weit von der Wohnung seines Mitattentäters Khuram Butt in Barking.

          Unter den nachdem Anschlag verhafteten Personen befand sich auch die 38 Jahre alte Mutter von Redouane’s 18 Monate alter Tochter, die er 2012 in Irland heiratete. Die Pflegerin nahm aber nie den Glauben ihres Mannes an. Das Paar soll sich vor kurzem getrennt haben wegen unterschiedlicher Auffassungen zur Erziehung ihrer Tochter. 

          Behörden sollen Warnungen ignoriert haben

          Die irische Polizei gibt an, dass Rachid Redouane in Rathmines im Süden von Dublin gelebt hat und sich vor drei Monaten noch dort aufgehalten haben soll. Der getötete Attentäter stand offensichtlich nicht unter Beobachtung. Nach Informationen des britischen „Guardian“ beobachtet die irische Polizei momentan zwölf andere Ausländer, die meisten afrikanischer Herkunft, wegen Verbindungen zu extremistischen Gruppen.

          Scheich Umar al Qadri, ein muslimischer Geistlicher, der in Irland lebt, sagte allerdings gegenüber dem „Guardian“, dass die irischen Behörden seine Warnungen vor Aktivisten des „Islamischen Staats“ und Al Quaida in Dublin wiederholt ignoriert hätten. „Vor zwei Jahren habe ich auf Konferenz gegen Radikalisierung und Extremismus im EU-Hauptquartier in Brüssel gesprochen. Ich habe ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es in Irland ein Problem gibt, dass Extremisten das Land als Basis nutzen, um anderswo Attentate zu verüben“, so der Imam.

          Unterdessen hat die britische Polizei auf der Jagd nach Unterstützern der Attentäter von London in der Nacht zum Dienstag eine weitere Wohnung durchsucht. Bei der Razzia im Ostlondoner Stadtteil Ilford sei aber niemand festgenommen worden, teilte die Polizei mit.

          Weitere Themen

          Grüne werfen AfD Schwarze Kassen vor

          Weitere Großspende : Grüne werfen AfD Schwarze Kassen vor

          FDP und Grüne erheben schwere Vorwürfe gegen die AfD. Die Rede ist von Rechtsbruch, Schwarzen Kassen und dem Einsatz von Strohmännern. Klar ist: Die AfD hat nicht nur aus der Schweiz großen Summen erhalten.

          Die Debatte zum Brexit Video-Seite öffnen

          Britisches Unterhaus : Die Debatte zum Brexit

          Oppositionsführer Jeremy Corbyn greift Premierministerin Theresa May in Sachen Brexit hart an: Das Parlament hätte die Wahl zwischen einem verpatzten, oder gar keinem Deal.

          Trump zieht Mitarbeiterin von Posten ab

          Mira Ricardel : Trump zieht Mitarbeiterin von Posten ab

          Melania fordert, Donald macht. So scheint es derzeit im Weißen Haus abzulaufen. Nach diesem Muster hat der Präsident die nächste Mitarbeiterin rausgeworfen. Weitere könnten folgen.

          Topmeldungen

          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.