19.07.2005 · Während der britische Premier Blair mit Sprechern muslimischer Vereine verabredete, gemeinsam gegen militanten Islamismus vorzugehen, haben die pakistanischen Behörden 25 mutmaßliche Extremisten festgenommen.
Während der britische Premierminister Blair am Dienstag mit Sprechern muslimischer Vereine verabredete, gemeinsam gegen militanten Islamismus vorzugehen, haben die pakistanischen Behörden Fahndungserfolge bekanntgegeben.
25 mutmaßliche muslimische Extremisten seien in den Städten Lahore, Karachi und Faisalabad festgenommen worden. Ob ein Zusammenhang mit den Anschlägen von London besteht, wurde nicht mitgeteilt. Nach den Anschlägen am 7. Juli hatte der pakistanische Präsident Musharraf aber angekündigt, hart gegen Extremisten im Land durchzugreifen. Drei der vier Selbstmordattentäter von London waren junge britische Muslime pakistanischer Herkunft und im vergangenen Jahr nach Pakistan gereist. Der vierte Attentäter war ein in Jamaika geborener Brite.
Intensive Verhöre
Die Verdächtigen seien bei einer nächtlichen Razzia in der bevölkerungsreichsten Provinz Punjab festgenommen worden, sagte ein Vertreter der Regionalregierung am Dienstag. „Sie werden wegen Verbindungen zu den Bombenattentätern befragt“, fügte er hinzu. Die Verdächtigen seien in den Städten Dera Ghazi Khan, Multan, Faisalabad und Khushab aufgegriffen worden.
Ein Sicherheitsvertreter in Punjab sagte, er erwarte, daß die Befragung weiterer, vor einigen Tagen festgenommener Verdächtiger in der Region Punjab Verbindungen zu den Attentätern von London belegen werde. „Wir verhören sie intensiv. Wir hoffen, daß wir bald zu einem positiven Ergebnis kommen“, sagte er.
Al Qaida droht mit weiteren Anschlägen
Das islamistische Terrornetz Al Qaida soll unterdessen mit weiteren Anschlägen in Europa gedroht haben, sollten die im Irak militärisch engagierten europäischen Staaten ihre Truppen nicht binnen eines Monats abziehen.
Eine entsprechende Erklärung wurde am Dienstag auf einer islamistischen Internetseite veröffentlicht. Die Echtheit des Textes, der auf den 16. Juli datiert ist, konnte zunächst nicht überprüft werden. Es werde einen „blutigen Krieg“ geben, drohte die Al-Qaida-Gruppe „Brigaden Abu Hafs el Masri“ in dem auf den 16. Juli datierten Text vor allem Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden. Nach Ablauf der Frist, also Mitte August, werde es keine weiteren Botschaften mehr geben, sondern „Taten und Worte im Herzen Europas“.
Authentische Bekennerschreiben?
Die Al-Qaida-Gruppe hatte sich gemeinsam mit einer zweiten Gruppe im Internet zu den Anschlägen in London bekannt. Die Authentizität der bisher bekannten Bekennerschreiben wurde aber bisher noch von keiner offiziellen Seite bestätigt.
Bei den Attentaten auf drei U-Bahnen und einen Doppeldeckerbus in London wurden am 7. Juli nach bisher bestätigten Angaben 56 Menschen getötet. Rund 700 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Es werden weitere Todesopfer im Untergrund befürchtet.
Warnung eines militanten britischen Islamistenführer
Auch der Anführer des britischen Zweigs der militanten Islamistengruppierung „Al-Muhajiroun“ hat vor neuen Terroranschlägen in Großbritannien gewarnt. Es bestehe die sehr wahrscheinliche Möglichkeit, daß es zu weiteren Anschlägen komme, sagte Anjem Choudary am Dienstag im BBC-Radio. Zugleich lehnte er es ab, die Londoner Terroranschläge vom 7. Juli zu verurteilen.
Die britische Regierung wolle zeigen, daß sie auf der Seite von Gerechtigkeit und Wahrheit stehe, „doch die wahren Terroristen gehören zum britische Regime, das die Muslime in Moderate und Extremisten aufteilen will“, sagte Choudary. Eine solche Einteilung bestehe jedoch im Islam nicht.
Blair: Maßnahmen gegen „böse Ideologie“
Bei einem Treffen mit 25 führenden muslimischen Religionsvertretern der etwa 1,6 Millionen Muslime im Land und den Vorsitzenden der großen Parteien habe man sich im Amtssitz des Premierministers darauf verständigt, so schnell wie möglich eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, sagte Blair.
Sie solle Maßnahmen diskutieren, wie die „böse Ideologie“ des Terrorismus bekämpft werden könne. Das Treffen habe zum Ausdruck gebracht, wie sehr der muslimischen Bevölkerung daran gelegen sei, sich dem Extremismus in den eigenen Reihen entgegenzustellen, sagte Blair.
Fatwa gegen Gewalt
Muslimische Geistliche auf der britischen Insel haben unterdessen mit einer islamischen Weisung Selbstmordanschläge „streng verboten“. Das Forum britischer Muslime (BMF) erließ als Reaktion auf die Londoner Attentate eine entsprechende Fatwa, eine für Gläubige verbindliche Vorschrift. In der Fatwa heißt es, der Islam verurteile Gewalt und die Vernichtung unschuldigen Lebens. „Wer keinen Respekt vor dem menschlichen Leben zeigt, ist ein Feind der Menschheit“, heißt es weiter.
In der religiösen Weisung des muslimischen Dachverbandes, dem 300 Moscheen im ganzen Land angeschlossen sind, steht außerdem: „Wir beten für den Sieg über Extremismus und Terrorismus in der ganzen Welt“. Die Fatwa soll am 22. Juli in den Moscheen Großbritanniens verlesen werden.
Umfrage: Blair trägt Verantwortung
Der britische Premierminister Blair hat nach Ansicht von zwei Dritteln der Bevölkerung eine Mitschuld an den Terroranschlägen in London. Grund sei die Beteiligung Großbritanniens am Irak-Krieg. In einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage erklärten 33 Prozent, Blair trage sogar „sehr viel Verantwortung“ für die Anschläge, 31 Prozent gaben an, der Regierungschef sei „ein bißchen“ mitverantwortlich. Nur knapp jeder Dritte (28 Prozent) sprach Blair von jeder Verantwortung frei.
Für die in der Zeitung „The Guardian“ veröffentlichte Erhebung befragte das Institut ICM zwischen 15. und 17. Juli telefonisch 1.005 Erwachsene. Die Fehlerquote wurde mit drei Prozentpunkten angegeben.
Neue Finanzmittel für Anschlagsopfer und Anti-Terror-Kampf
Unterdessen hat die britische Regierung für die Opfer der Londoner Anschläge und den Kampf gegen den Terrorismus zusätzliche Gelder zur Verfügung gestellt. Finanzminister Gordon Brown teilte am Dienstag mit, insgesamt habe die Regierung weitere 20 Millionen Pfund (29 Millionen Euro) freigemacht.
Zehn Millionen Pfund davon sollen in einen Entschädigungsfonds für die Opfer der Attentate vom 7. Juli fließen. Die andere Hälfte erhalte die Londoner Polizei für Anti-Terror-Einsätze. Für die Anschlagsopfer gibt es auch schon einen Spezialfonds, der vom britischen Roten Kreuz und dem Londoner Bürgermeister Ken Livingstone eingerichtet wurde.
In diesen Topf zahlte das Finanzministerium bereits eine Million Pfund ein. Die Finanzmittel für den Kampf gegen den Terrorismus waren bereits vergangenen Sommer auf 450 Millionen Pfund in kommenden Jahr und 560 Millionen Pfund 2007 erhöht worden.
Medienbericht: Terrorexperten täuschten sich
Die Entscheidung der britischen Regierung, kurz vor den Terror-Anschlägen in London die Alarmstufe herabzusetzen, ist nach Informationen der „New York Times“ wesentlich auf die Einschätzung hochrangiger Terrorexperten zurückzuführen.
Wie die Zeitung am Dienstag berichtete, kamen die Experten des Joint Terrorist Analysis Center in einem geheimen Bericht nur drei Wochen vor den blutigen Anschlägen zu dem Ergebnis, daß „es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Gruppe gibt, die die Absicht hat oder in der Lage wäre, das Vereinigte Königreich anzugreifen“.
Wie die „New York Times“ weiter berichtete, erhielt sie eine Kopie dieses Berichtes „von einem ausländischen Geheimdienst“. Die Aussage des Berichts sei von vier befragten britischen Regierungsvertretern nicht bestritten worden. Doch hätten diese darauf hingewiesen, daß eine Herabstufung der Terrorwarnung keine Auswirkungen auf die Antiterrormaßnahmen gehabt habe. Allerdings sei die Entscheidung nicht „leicht gefallen“, einige Vertreter der Regierung hätten sich heftig einer Herabstufung widersetzt.
Laut „New York Times“ kommen die Terrorexperten in ihrem Geheimbericht zu dem Ergebnis, daß mit dem Irak-Krieg die Terrorgefahr im eigenen Land gestiegen sei. Am Montag hatte das renommierte britische Forschungsinstitut Chatham House den Irak-Krieg in direkten Zusammenhang mit den Bombenanschlägen von London gestellt. Die Regierung hatte dies zurückgewiesen.