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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Terror in Indien Die Spur führt nach Pakistan

 ·  „Elemente mit Verbindungen nach Pakistan“ sollen für den wohl schwersten Terrorangriff der indischen Geschichte verantwortlich sein - sagt Indien. Die Aktion war präzise geplant. Sind Al Qaida oder gar die Mafia darin verwickelt?

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Während in Bombay die Anti-Terror-Operation „Black Tornado“ andauerte, begann die indische Hauptstadt Delhi gleich in zweifacher Hinsicht aufzurüsten. Erstmals wurden alle zwölf Luxushotels in der Stadt umfassend abgesichert; selbst ihr Gepäck mussten die Gäste durchleuchten lassen.

Aber auch politisch versuchte die Regierung Tatkraft zu demonstrieren – und richtete den Finger auf den Nachbarn in Pakistan.

Pakistan um Schlichtung bemüht

Schon am Vortag hatte Premierminister Manmohan Singh davon gesprochen, dass die unbekannte Terrorgruppe „Deccan Mudschahedin“, die Indiens größte und reichste Stadt in einen Kriegsschauplatz verwandelt hatte, über eine Basis im Ausland verfüge.

Am Freitag nannte Außenminster Mukherjee das verdächtige Land dann beim Namen: „Elemente mit Verbindungen nach Pakistan“ seien für den wohl schwersten Terrorangriff in der indischen Geschichte verantwortlich, sagte er. Er rief ein gemischtes Echo in Islamabad hervor.

Öffentlich bemühte sich die pakistanische Regierung, den Vorwurf nicht als Angriff zu parieren. Außenminister Qureshi, der sich gerade in Indien aufhält, sagte am Freitag, dass die Länder dem gleichen Gegner gegenüberstünden und zusammenarbeiten müssten. Pakistans Präsident Zardari versicherte Singh in einem Telefongespräch, dass hinter den Angriffen auf Mumbai „nicht-staatliche Akteure“ stünden.

Wenig konziliante Reaktionen

Um die Bereitschaft zum gemeinsamen Vorgehen gegen den Terrorismus zu illustrieren, kam er sogar der indischen Bitte nach, den Chef des pakistanischen Geheimdiensts Isi, General Pasha, nach Delhi zu schicken.

Unterhalb der offiziellen Ebene stießen die Äußerungen aus Indien allerdings auf weniger konzilliante Reaktionen. In der pakistanischen Presse war allenthalben vom „old blame game“ die Rede, also von jenem lange Jahre erprobten Spiel beider Länder, sich gegenseitig die Schuld zu geben wenn im eigenen Land Unruhe und Terror herrschen.

In einigen Zeitungen wurde sogar die Gefahr beschworen, dass sich die indisch-pakistanischen Beziehungen nun bis zu dem Punkt abkühlen könnten, an dem sich sechs Jahre zuvor eine Million Soldaten auf beiden Seiten der kaschmirischen Demarkationslinie gegenüberstanden.

Bekennerschreiben in Hindi

Obwohl die Ermittlungen in Bombay bislang widersprüchliche Zwischenergebnisse gebracht haben, scheint sich die indische Regierung sicher zu sein, dass die berüchtigte pakistanische Terrorgruppe „Lashkar-e-Toiba“ (Let) hinter dem Angriff auf ihre Finanzmetropole steckt. Angeblich habe das Schiff, von dem aus die Terroristen offenbar zunächst auf einen indischen Fischtrawler und von dort auf Schlauchboote wechselten, in der pakistanischen Hafenstadt Karachi abgelegt, verlautete aus indischen Geheimdienstquellen.

Ein Schiff, das zunächst einwandfrei identifiziert schien, entpuppte sich allerdings später als das falsche. Rätselhaft erscheint auch, warum sich eine pakistanische Terrorgruppe einen indischen Namen zulegt und ihr Bekennerschreiben in Hindi verfasst.

Indizien sind gleichwohl vorhanden. Der „Indian Express“ zitierte am Freitag Geheimdienstinformationen, denen zufolge die Let-Führung auf einer Sitzung in Pakistan am vergangenen Wochenende ihr Einverständnis für die Aktion gegeben habe. Der stärkste Beleg für eine Beteiligung der Let scheinen aber Aussagen dreier festgenommener Terroristen zu sein. Sie seien pakistanischer Nationalität und hätten sich als Mitglieder der Let zu erkennen gegeben, teilte die Polizei in Maharashtra mit.

Verblüffende Ortskenntnisse der Täter

Die präzise Planung der Organisation weist allerdings nach Einschätzung von Fachleuten darauf hin, dass ortskundige Inder an der Operation beteiligt waren. Nach unbestätigten Meldungen hat sich mindestens ein Terrorist als Hotelboy einstellen, ein anderer soll als Gast eingecheckt haben.

Ein Sprecher des Anti-Terror-Kommandos sprach am Freitag von verblüffenden Kenntnissen der Terroristen über den Gebäudeplan. Die Terroristen wussten unter anderem, wo sich die Privatwohnung des Hotelmanagers befand und kannten Türen, die für die Öffentlichkeit unzugänglich sind.

Für möglich gehalten wird, dass die Let mit den einheimischen Organisationen der „Indischen Mudschahedin“ oder der „Islamischen Studentenbewegung“ zusammengearbeitet hat, die in diesem Jahr schon an mehreren Bombenanschlägen beteiligt gewesen sein sollen. Nicht ausschließen wollte ein Geheimdienstmitarbeiter, der von der Zeitung „Asian Age“ zitiert wurde, dass auch die indische Unterwelt logistische Unterstützung geleistet hat. Genannt wurde Bombays Mafia-Boss Dawood Ibrahim.

Politische Steuerung durch Al Qaida

Neu ist für das an Terror gewöhnte Indien, dass die Aktion auch auf westliche Ausländer zielte. Sowohl das Hotel „Taj Mahal“ als auch das „Oberoi Trident“ sind als Aufenthaltsorte vieler ausländischer Gäste bekannt. Nachdem die Terroristen die Gebäude gestürmt hatten, forschten sie nach Gästen mit israelischen, amerikanischen und britischen Pässen. Im „Nariman-House“ überfielen die Terroristen ein jüdisches Gemeindezentrum.

Dies spreche dafür, dass die Aktion politisch, wenn nicht operationell von der Al Qaida beeinflusst war, sagte ein Fachmann in Delhi. Zudem reflektiere die Art des Angriffs das Umdenken innerhalb der Al Qaida. Angeblich hat die Terrororganisation in der Öffentlichkeit eine „Bomben-Müdigkeit“ ausgemacht und deshalb ihre Taktik verändert. Von Aktionen, die sich über viele Stunden oder wie im Falle Bombays gar über Tage hinziehen, erhofften sie ich eine größere internationale Aufmerksamkeit als von weiteren Selbstmordattentaten.

Unverkennbar wurde am Freitag, dass die Debatte über den Terrorangriff in den indischen Wahlkampf hineinspielt. Delhi ist an diesem Samstag zur Wahl eines neuen Landesparlaments aufgerufen, die als Thermometer für den Ausgang der Wahlen zum indischen Nationalparlament im kommenden Frühjahr betrachtet wird.

Kritik am Krisenmanagement

Nach ersten staatsmännischen Stellungnahmen der oppositionellen „Indischen Volkspartei“ (BJP), dass in der Stunde der Not politischer Zwist ruhen müsse, wuchs am Freitag die Kritik am Krisenmanagement der Regierung und an ihrer Haltung gegenüber islamischen Extremisten.

Am Freitag erschien das Konterfei des frühere Premierministers Atal Bihari Vajpayee in großen Zeitungsanzeigen. Darin beklagte der frühere Chef der BJP, dass in Delhi unter der Kongress-Partei ein „allgemeines Gefühl von Unsicherheit“ herrsche, das mit der Angst vor Verbrechen und Terrorismus zu tun habe. Unter besonderen Druck ist Innenminister Shivraj Patil geraten. BJP-Chef Advani forderte zwar noch nicht, wie nach früheren Bombenanschlägen, dessen Rücktritt, konnte sich aber die maliziöse Bemerkung nicht verkneifen, dass die Regierung ja selber „Sicherheitsversäumnisse“ eingeräumt habe.

Mit ihren Vorwürfen gegen Pakistan versucht die Regierung von Manmohan Singh vermutlich auch, der Opposition das Feld des antimuslimischen Ressentiments nicht vollständig zu überlassen. Zwar hatte Vajpayee den Friedensprozess mit Pakistan eingeleitet, aber seit ihrer Wahlniederlage im Mai 2004 kritisiert die BJP die Kongresspartei für zu viel Konzessionsbereitschaft. Vermutlich weitsichtig bezeichnete die pakistanische Zeitung „Dawn“ die Terrornacht von Bombay am Freitag als „Test für die Friedensagenda“ beider Länder.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

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