02.07.2007 · Nach den Attentatsversuchen in London und dem Autobombenanschlag in Glasgow läuft die Fahndung auf Hochtouren. Im Fokus steht eine mit Al Qaida vernetzte islamistische Zelle. Von Johannes Leithäuser.
Von Johannes Leithäuser, LondonDer prägende Satz der vergangenen Tage, in denen den Briten die Bedrohung durch den Terrorismus abermals sehr deutlich bewusst wurde, stammt von Peter Clarke, dem Chef der Anti-Terror-Einheit von Scotland Yard: Die Bedrohung sei „wirklich“, sie sei dauerhaft und werde fortan immer präsent sein, stellte Clarke fest. Aber „das Leben muss weitergehen“.
Sowohl den britischen Ermittlungsbeamten als auch der Regierung und der Öffentlichkeit ist über das Wochenende klargeworden, dass die beiden gescheiterten Autobombenanschläge in der Londoner Innenstadt und der glimpflich verlaufene Autobombenanschlag auf den Flughafen in Glasgow weder Einzelfälle noch besondere Ausnahmefälle sind, sondern Attacken in einer langen, vielfältigen und nur teilweise koordinierten Reihe islamistischen Terrors, von der weder die Polizei noch die politische Führung sagen können, wann sie endet. Innenministerin Jacqui Smith kündigte an, auch mit Außenminister David Miliband eng zusammenzuarbeiten, um „diese Art von pervertierter Ideologie“ zu bekämpfen.
Höchste Terrorwarnstufe ausgerufen
Die Suche nach den flüchtigen Verdächtigen läuft indes weiter auf Hochtouren. Mindestens ein weiterer Verdächtiger sei auf der Flucht, berichteten die BBC und Sky News am Montag. Die Zeitung „Guardian“ berichtet, im Zentrum der Fahndung stünden mindestens drei mutmaßliche Mitglieder einer mit Al Qaida vernetzten Terrorzelle. Am Wochenende waren vier Männer und eine Frau festgenommen worden, darunter sind nach Medienangaben zwei Ärzte.
Alle Festgenommenen sollen keine Briten sein. Die Polizei wollte Berichte zunächst nicht kommentieren, wonach sie aus dem Nahen Osten kommen. Nach Angaben der Zeitung „The Sun“ ist einer der Verdächtigen ein Arzt aus Iran, der in Großbritannien arbeitete. Er soll nach Informationen der Zeitung der Drahtzieher hinter den Attacken sein. Der 26-Jährige war am Samstag zusammen mit einer 27-jährigen Frau auf einer Autobahn in der Grafschaft Cheshire festgenommen worden.
Die Polizei hat die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen und Flughäfen verstärkt, nachdem die Regierung am Wochenende die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen hatte. Zu Beginn der Arbeitswoche mussten sich Pendler und Reisenden im ganzen Land auf massive Behinderungen einstellen.
Warnungen an Premier Brown
Schon bei der Frage nach den Motiven für die drei Anschläge ergeben sich unterschiedliche Anhaltspunkte. In einer Woche jährt sich zum zweiten Mal der Tag der Rucksack-Bombenanschläge in der Londoner U-Bahn, die damals 52 Opfer forderten - womöglich hat der Terrorismus einen blutigen Datumstakt im Sinn gehabt.
Auch die neue britische Regierung wird als Adressat der Bomben in Betracht gezogen: Die Anschläge seien als Warnungen zu verstehen an den neuen Premierminister Brown, die britischen Truppen unverzüglich aus dem Irak abzuziehen. Andere Erwägungen erinnern an die Aufregung in frommen islamischen Kreisen, die vor vierzehn Tagen verursacht wurde durch die Verleihung einer britischen Adelswürde an den in Großbritannien lebenden indischstämmigen Autor Salman Rushdie.
Aktionsmuster des Terrors im Irak
Die Anschlagsorte und -zeiten schließlich lassen sich herleiten aus dem Erfahrungsmuster früherer terroristischer Aktionen militanter Islamisten: Nachtlokale oder Diskotheken gelten als besonders verabscheuungswürdige Orte der vermeintlichen Unmoral des Westens.
Der Zeitpunkt, an dem die Bombe vor der Diskothek in Haymarket explodieren sollte, morgens gegen zwei Uhr, war ausgerichtet auf das Ende ihrer Öffnungszeit; Hunderte junge Leute hätten zu diesem Zeitpunkt die Straße bevölkert. Es wären viele junge Frauen unter ihnen gewesen, denn in dem Nachtclub war an dem Abend „Ladies Night“. Die zweite, in der Nähe deponierte Autobombe sollte offenbar kurze Zeit später zünden, um die Menge der Fliehenden zu treffen.
Jene zweite Autobombe war in der Nacht zum Freitag zufällig entdeckt worden, nachdem das betreffende Auto von Parkwächtern notiert und auf einen Parkplatz der städtischen Ordnungsbehörde transportiert worden war. Diese Form eines doppelten Anschlags entspricht nach Angaben der britischen Sicherheitsbehörden den Aktionsmustern, die Terroristen im Irak anwenden. Dass die dritte Autobombe, die einen Tag später in Glasgow tatsächlich gezündet wurde, den Flughafen zum Ziel hatte, wird mit dem Datum des Anschlags in Verbindung gebracht: Am Samstag begannen in Schottland die Sommerferien.
Indizien islamistischen Terrors
Die Polizei sieht bei ihren Ermittlungen offenkundig Zusammenhänge zwischen den versuchten Londoner Anschlägen und der Explosion in Glasgow. Der Chef der Terrorabwehrabteilung Clarke reiste am Samstag selbst nach Schottland, um sich über die Ermittlungen zu informieren.
Trotz ausweichender öffentlicher Bekundungen addiert die Polizei Indizien, die auch den Anschlag von Glasgow als Tat islamistischer Terroristen einordnen. Der größte Unterschied beider Schauplätze ergibt sich daraus, dass die Fahrer der Bombenautos in London flüchteten und offenkundig nicht ihr eigenes Leben als Selbstmordattentäter opfern wollten. Aus Sicherheitskreisen wurde berichtet, die beiden Londoner Bomben - im ersten Auto fand die Polizei 60 Liter Benzin, einige Gasflaschen und mehrere Pakete Nägel - hätten offenkundig mittels Mobiltelefonen gezündet werden sollen. Es habe auch in beiden Fällen den Versuch gegeben, die Bomben durch Anrufe zur Explosion zu bringen. Die Polizei äußerte sich nicht dazu, welcher Umstand die Zündung verhinderte.
An einer Katastrophe vorbeigeschrammt
Bei dem Anschlag in Glasgow wurde eine große Katastrophe hingegen nur deswegen verhindert, weil der Fahrer des mit Gas und Benzin beladenen Cherokee-Jeeps zwar den Haupteingang des Flughafenterminals rammte, dann aber zwischen Absperrungspollern hängenblieb.
Augenzeugen berichteten, der Fahrer habe vehement, aber vergeblich versucht, durch Gasgeben und Hinundherlenken das Auto wieder zu befreien, aus dem dann bald schon Flammen geschlagen hätten. Der Beifahrer sei ausgestiegen und habe sich und die Umgebung mit Benzin getränkt und das dann angezündet. Von herbeieilenden Sicherheitsbeamten und vom Flughafenpersonal wurden beide Männer schließlich überwältigt.
Ein schottischer Flughafenarbeiter berichtete, einer der beiden Täter habe am ganzen Körper gebrannt. Er habe sich gegen den Versuch eines Polizisten gewehrt, ihn festzuhalten. Zu zweit hätten sie den brennenden Mann schließlich zu Boden geworfen: „Aber der hat immer noch geboxt und getreten. Und Allah gerufen; Allah; Allah; immer wieder Allah.“
Aufschluss über die Täter und ihre Verbindungen im islamistischen Terrornetz erhoffen sich die Ermittler vor allem durch die Spurensicherung an den beiden entschärften Londoner Autobomben. Die beiden Mercedes-Wagen seien „eine Goldgrube“ aus der Sicht der Kriminalisten.
Suche nach „chemischen Porträts“
Beide Autos wurden in das versteckt gelegene Speziallabor X47 südöstlich von London gebracht, wo bis zu 60 wissenschaftliche Mitarbeiter seit Jahrzehnten im Auftrag des Verteidigungsministeriums Bomben und Sprengsätze untersuchen. Das Labor erhielt seine Spitzenausrüstung für forensische Zwecke in der Zeit des IRA-Terrors.
Dort werden sowohl „chemische Porträts“ der verwendeten Bomben und Zünder erstellt als auch mechanische Beweismittel gesammelt. Überdies hofft die Polizei, in den Fahrzeugen DNA-Spuren der Täter zu finden. Außerdem wird die Auswertung der Videoüberwachung der Londoner Innenstadtstraßen bedeutsam sein. Die Polizei äußerte sich öffentlich nicht zu Pressemeldungen, sie besitze von einem der Fahrer schon „klare Bilder“.
1600 mögliche islamistische Attentäter
Mittlerweile sind auch wieder die Warnungen eines früheren britischen Geheimdienstchefs ins Bewusstsein gerückt worden, wonach in Großbritannien 1600 mögliche islamistische Attentäter beobachtet würden, die in mehr als 200 verschiedenen Gruppen organisiert seien und die zeitweise an bis zu 30 bekannten Attentatsplänen gearbeitet hätten.
Es werden Verbindungen gezogen zu ähnlichen Fällen, in denen Ermittlungen zu Verurteilungen führten. Der jüngste derartige Fall handelte von Dhiren Barot, einem Londoner indischer Abkunft, der ein 40 Seiten langes Memorandum über ein Autobombenprojekt verfasste, das bei einer Razzia in Afghanistan auf dem Laptop eines Al-Qaida-Führers gefunden wurde. Barot erhielt im vergangenen Jahr in London lebenslange Haft. Zwei Jahre zuvor wurde von Scotland Yard eine Gruppierung aufgedeckt, die mittels Kunstdünger Autobomben baut und damit unter anderem einen Nachtclub im Süden Londons in die Luft sprengen wollte.
Der Ernstfall
uwe mildner (recfarm2)
- 02.07.2007, 14:09 Uhr
Wie es zu erwarten war - ein Arzt aus dem Irak.....
Leon Feltrinelli (Feltronelli)
- 02.07.2007, 21:42 Uhr
Terrorist Arzt ist keine Ueberraschung
Sonja G Larkin (stegstrasse35)
- 03.07.2007, 18:02 Uhr