24.07.2005 · Für die Anschläge in Scharm al Scheich kommen viele radikale Gruppen in Frage. Sicher ist nur: Das ägyptische Regime unter Mubarak sollte geschwächt werden. Der Tourismus ist als Haupteinnahmequelle besonders betroffen.
Von Hans-Christian Rößler, JerusalemDer Verdacht fiel schnell auf die üblichen Verdächtigen. In arabischen Sendern meldeten sich am Wochenende „Terrorexperten“ zu Wort, nach deren Ansicht der israelische Geheimdienst Mossad hinter den Anschlägen von Scharm al Scheich steckt.
Solche Anschuldigungen gab es nach den meisten Anschlägen islamistischer Terroristen, auch nach dem 11. September 2001. Der Anschläge in Scharm al Scheich bezichtigten sich jedoch längst mehrere islamische Terrorgruppen, die dem Umfeld von Al Qaida zugerechnet werden. „Ich nehme an, daß es eine radikale ägyptische Gruppe war“, sagt etwa der israelische Terrorfachmann Ely Karmon vom Interdisziplinären Zentrum in Herzlija. Sie sei möglicherweise mit Al Qaida „assoziiert“. Daß die Täter in Ägypten mit den Attentätern in London zusammenarbeiten, glaubt er nicht. „Das hier ist ein Wiederaufleben islamistischer Elemente in Ägypten. Die Absicht war, das Regime zu treffen“, sagte Karmon dieser Zeitung. Auch der Sicherheitsfachmann der israelischen Zeitung „Haaretz“, Zeev Schiff, glaubt nicht, daß es koordinierte Angriffe waren.
Der Tourismus hatte sich gerade erholt
Schwächen wird die jüngste Anschlagserie das Regime in Kairo weniger als zwei Monate vor den Präsidentenwahlen sicherlich. Präsident Mubarak hatte immer wieder auf Erfolge im Kampf gegen den Terror und bei der wirtschaftlichen Erholung hingewiesen. Das galt vor allem für den Tourismus: Die ausländischen Besucher sind für das Land eine der wichtigsten Einnahmequellen, die gerade wieder ergiebiger wurde: Nicht zuletzt wegen der Tsunami-Schäden in Südasien kamen in diesem Jahr bisher deutlich mehr Touristen nach Ägypten als in den Vorjahren. 2005 waren es insgesamt 8,1 Millionen. Nach dem Willen der Regierung sollen es in gut einem Jahrzehnt doppelt so viele sein. Die Rückkehr der Touristen nach der Welle der Terroranschläge in den neunziger Jahren dauerte an, trotz mehrerer terroristischer Angriffe.
Zuletzt waren im April bei zwei kleineren Attentaten in Kairo zwei Ausländer getötet worden. Zuvor wurden im Oktober bei mehreren Anschlägen auf Hotels in Taba am Roten Meer 34 Menschen getötet. Doch dieser Angriff galt wohl weniger dem Regime in Kairo als den Israelis, die dort in großer Zahl während des Laubhüttenfests Urlaub machten. Dennoch machen auch derzeit viele Israelis in Ägypten Urlaub: Am Wochenende hielten sich nach israelischen Medienberichten etwa 10.000 Israelis vor allem am Roten Meer auf, obwohl es Reisewarnungen der Regierung gab.
Hingen die Anschläge zusammen?
Zwischen dem, was in Taba, und dem, was in Scharm al Scheich geschah, scheint es dennoch eine Verbindung zu geben. Darauf wies schon der ägyptische Innenminister Habib al Adli hin. Beider Angriffe bezichtigten sich sowohl die „Abdallah-Azzam-Brigaden“ als auch eine Gruppe mit dem Namen „Al-Qaida-Organisation in den Ländern von al Scham (Syrien und Libanon) und Ägypten“. Für Taba übernahmen später noch zwei weitere bislang unbekannte Gruppen die Verantwortung, die jedoch nicht im Zentrum der Ermittlungen standen. Im Internet hieß es am Samstag schon kurz nach den Explosionen in Scharm al Scheich, sie hätten „Kreuzfahrern, Zionisten und dem gottlosen ägyptischen Regime“ gegolten. Abdallah Azzam ist der Name eines palästinensischen Mentors Usama Bin Ladins, der in Afghanistan getötet wurde und vorher in Kairo studiert hatte. Nach Ansicht von Terrorfachleuten hat Azzam wesentlich dazu beigetragen, daß der Dschihad der militanten Islamisten zu einem grenzüberschreitenden Kampf wurde. Auch Bin Ladins Stellvertreter Ayman al Zawahiri stammt aus Ägypten.
Aufschluß über die Abdallah-Azzam-Brigaden könnte der Prozeß bringen, der im nordägyptischen Ismailija gegen die drei Ägypter weitergehen sollte, die beschuldigt werden, hinter dem Anschlag vom Oktober in Taba zu stehen. 2500 Menschen werden von den Sicherheitskräften noch festgehalten, weil sie der Mittäterschaft verdächtigt werden. Während der Ermittlungen wurden immer wieder Foltervorwürfe laut. Der Prozeß in Ismailija wurde ebenso wie die jüngste Nahost-Reise der amerikanischen Außenministerin Rice und der am Samstag begangene ägyptische Revolutionsfeiertag als möglicher Grund für die Wahl des Zeitpunkts für den Anschlag gewertet.
Schwachpunkt Sinai
Der Sinai bietet Terroristen ein relativ ungestörtes Betätigungsfeld. Während die Orte schwer bewacht sind, die die Touristen in Kairo oder am Nil besuchen, ist die Sinai-Halbinsel eine entmilitarisierte Zone. Das sieht der 1979 mit Israel geschlossene Friedensvertrag vor. Nach Berichten aus israelischen Militärkreisen hat Ägypten nach den Anschlägen vom Wochenende Israel darum gebeten Tausende Mitglieder einer Einheit des Innenministeriums an vier Orten auf dem Sinai einsetzen zu dürfen. Angeblich will Israel der Bitte entsprechen. Bei den Ermittlungen nach dem Anschlag von Taba wurden größere Mengen an Waffen und Sprengstoff im Sinai gefunden, die möglicherweise auf dem Seeweg von Sudan und Saudi-Arabien dorthin gelangt sind.
Unklarheit herrschte am Sonntag, wie der Sprengstoff an die Explosionsorte gelangte. Ägyptische Sicherheitskräfte sprechen von auf dem Sinai gestohlenen Fahrzeugen, die dort mit den Bomben präpariert worden seien. Aus anderen Quellen heißt es, die Autos seien schon entsprechend vorbereitet mit der Fähre aus Jordanien gekommen und sollten das Mövenpick-Hotel und die Residenz des Staatspräsidenten Mubarak zerstören. Er macht dort häufig Urlaub und lädt gerne ausländische Politiker nach Scharm al Scheich ein. Auch das Nahost-Gipfeltreffen im Februar, auf dem sich Israel und die Palästinenser auf einen Waffenstillstand einigten, fand in Scharm al Scheich statt.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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