Home
http://www.faz.net/-gq5-xpj4
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 23. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Terror im Nordkaukasus Politik mit einem Horrorszenario

31.03.2010 ·  Zwei Tage nach den Terroranschlägen in der Moskauer Metro sind bei Anschlägen in der russischen Teilrepublik Dagestan elf Menschen getötet worden. Der Krieg im Nordkaukasus rückt für die Russen immer näher. Der Kreml fürchtet die Landbrücke zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer an islamistische Extremisten zu verlieren.

Von Michael Ludwig, Moskau
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (6)

Zwei Tage nach den Terroranschlägen in der Moskauer Metro sind bei einem Anschlag in der russischen Nordkaukasus-Republik Dagestan am Mittwoch mindestens elf Menschen getötet worden. Es seien zwei Sprengsätze im Zentrum der Stadt Kisljar gezündet worden, einer davon von einem Selbstmordattentäter, teilten die Behörden mit. Unter den Opfern sei der Polizeichef der Stadt.

Die Sicherheitskräfte teilten mit, zunächst sei ein in der Nähe einer Schule abgestelltes Auto detoniert. Zwei Polizisten seien dabei in ihrem Fahrzeug getötet worden. Am Anschlagsort hätten darauf weitere Polizisten und Passanten versammelt. Dann habe ein Selbstmordattentäter in Polizeiuniform eine weitere Bombe gezündet. Dabei seien weitere Sicherheitskräfte und ein Zivilist getötet worden. Zum Zeitpunkt des Anschlags befanden sich Agenturmeldungen zufolge keine Kinder in der Schule. Im Nordkaukasus kommt es immer wieder zu schweren Anschlägen islamistischer Untergrundkämpfer, die für einen unabhängigen Gottesstaat kämpfen. Die Islamisten hatten gedroht, den „Krieg“ auch ins russische Kernland zu tragen. Am Montag waren bei einem Doppelanschlag in der Moskauer Metro 39 Menschen ums Leben gekommen. Dutzende wurden verletzt. (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Terror und Trauer in Moskau)

Viele Russen sahen in dem Krieg im Nordkaukasus in den vergangenen Jahren nur noch ein weit entferntes Geschehen – was eine schreckliche Täuschung war, wie die Anschlägen in der Moskauer Metro am Montag zeigten. Die Moskauer Führung hat sich solchen Illusionen weder unter Präsident Putin noch unter Präsident Medwedjew hingegeben. Es spricht vielmehr vieles dafür, dass ihre Politik im Nordkaukasus in den vergangenen zehn Jahren vor der Furcht vor einem Horrorszenario bestimmt wurde: Der Kreml sah und sieht wohl noch immer die Gefahr, dass er das Gebiet nördlich des Kaukasuskamms zwischen dem Schwarzem Meer und Kaspischem Meer ohne den massenhaften Einsatz russischer Soldaten verlieren könnte.

Aus Moskauer Sicht besteht die Gefahr, dass sich Russlands Zugang zu dem an Öl und Gas reichen sowie geostrategisch wichtigen Kaspischen Becken irgendwann auf einen schmalen Landstreifen reduzieren könnte, wenn es seine muslimischen Teilrepubliken im Nordkaukasus nicht zur Räson zwingt. Ein von Russland losgelöster Nordkaukasus unter muslimischen, womöglich islamistischen Einfluss, könnte zudem einen Dominoeffekt zur Folge haben, dem muslimische Aserbaidschan im Südkaukasus, das an Dagestan grenzt, zum Opfer fallen könnte. Ein „zweites Afghanistan“ unmittelbar vor Russlands Haustür wäre nach einem solchen Szenario nicht mehr auszuschließen.

Ein abgekartetes Spiel

Auch aus diesem Grund hat der frühere amerikanische Präsident George W. Bush Russlands grausamen Kampf gegen den Terror im Nordkaukasus nicht so hart gerügt wie andere Menschenrechtsverletzungen, sondern als Teil des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus eher akzeptiert.

Trotz der Furcht vor einem Horrorszenario war die Moskauer Tschetschenienpolitik immer auch Teil eines innerrussischen Machtkampfs. Präsident Jelzin beendete den ersten Tschetschenienkrieg Mitte der neunziger Jahre mit einem Abkommen, um in der Präsidentenwahl 1996 als Friedensstifter dastehen zu könne. Putin wurde 1999 auf einer Woge der Begeisterung in den Kreml getragen, weil er versprochen hatte, „den tschetschenischen Banditen“ das Handwerk zu legen. Vielen Beobachtern sahen in dem als „kleiner siegreicher Krieg“ geplanten Feldzug ein abgekartetes Spiel, um innenpolitische Ziele zu erreichen.

Der gefürchtete tschetschenische Terrorist Schamil Bassajew diente, so diese Sicht, dabei als Agent provocateur. Mit seinem Überfall auf das benachbarte Dagestan im Sommer 1999 hätten Bassajew und dessen Terrorpartner Ibn al Chattab – dieser stammte aus Saudiarabien und verkörperte den wachsenden Einfluss aus Arabien kommender fundamentalistischer Tendenzen in Tschetschenien – den Vorwand für den zweiten Tschetschenienkrieg, der im Grunde trotz aller offiziellen Dementis bis heute dauert. Mehr noch: Dieser Krieg hat sich mit den Jahren auf den gesamten Nordkaukasus ausgeweitet, wodurch das beschriebene Horrorszenario an Schärfe gewann.

In den Jahren zwischen dem Friedensschluss unter Jelzin und dem Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs hatten sich unter dem in freien und fairen Wahlen gewählten Präsident Aslan Maschadow Islamisten und verbrecherische Politiker jedweder Couleur in Tschetschenien breit machen können, die mit Menschen, Waffen und Rauschgift handelten. Maschadow schaute weg oder war zu schwach, etwas dagegen zu unternehmen. Dieses Tschetschenien, ein Räubernest, das von niemandem kontrolliert wurde, wurde in Moskau zunehmend als Gefahr für Russland und dessen Stellung in der Region betrachtet. Putin sagte Jahre später und sicherlich nicht zu Unrecht, die Tschetschen hätten die Chance der „Quasi-Unabhängigkeit“ am Rande der Föderation nicht genutzt. Maschadow wurde 2005 von russischen Sicherheitskräften getötet, Bassajew, der sich selbst bezichtigte, viele Terroranschläge organisiert zu haben, bis hin zur Geiselnahme von Beslan, 2006.

Der „Emir des Kaukasus“

Doku Umarow, ein ehemaliger tschetschenischer Feldkommandeur in beiden Tschetschenienkriegen, versucht heute, Bassajews Spur zu folgen. Bassajew hatte sich gegen Ende seiner „Karriere“ zwar nicht öffentlich von der Forderung nach tschetschenischer Unabhängigkeit distanziert, die am Anfang der Proklamierung der tschetschenischen Republik Itschkerien nach dem Zerfall der Sowjetunion gestanden hatte. Zugleich konzentrierte sich Bassajew jedoch immer stärker auf das Ziel, den gesamten Nordkaukasus in Brand zu stecken und in einen muslimischen Gottessstaat zu verwandeln.

Umarow sagte sich vor drei Jahren öffentlich vom tschetschenischen Separatismus los und ernannte sich zum „Emir des Kaukasus“, gab mithin die alten tschetschenische Ziel, einen Nationalstaat zu bilden, auf. Die Errichtung eines islamischen Gottesstaates im gesamten Nordkaukasus und der Kampf gegen Russen sowie den moralisch verderbten Westen sind die Parolen, mit denen Umarows Anhänger im Internet werben, während tschetschenische Exilpolitiker im Westen am Separatismus festhalten. Es scheint jedoch, dass ein beträchtlicher Teil des Untergrunds im Nordkaukasus Umarow folgt.

Die Russen haben immer wieder versucht, die Weltöffentlichkeit für sich einzunehmen, indem sie den Kampf im Nordkaukasus als Teil des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus hinstellten. Zugleich geißelten sie, meist ohne dabei Namen zu nennen, ausländische Mächte und Geheimdienste oder fremde Länder, die Terroristen im Nordkaukasus zu unterstützen würden. Das reicht bis in die jüngste Zeit. Auch der von Medwedjew eingesetzte Präsident von Inguschetien, Junus-Bek Jewkurow, oder Moskaus Mann in Tschetschenien, Präsident Ramsan Kadyrow, hauen in diese Kerbe.

Ist Al Qaida verwickelt?

Der russische Geheimdienst behauptete jüngst sogar, bei getöteten Untergrundkämpfern in Inguschetien Beweise für finanzielle Unterstützung der Terroristen aus dem Ausland gefunden zu haben. Mitte der neunziger Jahre war bereits immer davon die Rede, dass Saudi-Arabien und Bin Ladin die tschetschenischen Separatisten unterstützten.

Da in den vergangen beiden Jahrzehnten aber viel offensichtlich Unwahres verbreitet wurde, ist es schwierig, den Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen zu prüfen. Dazu gehört auch, dass immer wieder behauptet wird, Türken oder Araber oder Abgesandte von Al Qaida seien unter den Untergrundkämpfern. Auszuschließen ist das zwar nicht, aber allenfalls westliche Geheimdienste sind in der Lage, diese Berichte zu verifizieren.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow griff nach dem Moskauer Anschlägen eine bereits zuvor von russischer Seite geäußerte These auf, dass der Untergrund vom Drogenschmuggel aus Afghanistan profitiere. Lawrow vermutete zudem, dass die Terroristen womöglich Hintermänner im herrschaftspolitischen Niemandsland zwischen Afghanistan und Pakistan hätten. Zumindest für die Öffentlichkeit scheint bislang nur soviel plausibel, dass die vielen Anschläge der vergangen Jahre, bis hin zur jüngsten Terroraktion in Moskau, kaum ohne finanzielle Hilfe aus dem Ausland möglich gewesen wären. Andererseits kann Moskau von Glück sagen, dass sich unter den zahlreichen Muslimen der Föderation, etwa in Tatarstan, immer nur Einzelne zu „aktiver Solidarität“ mit dem kaukasischen Untergrund bereit fanden.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wahlkreise

Von Reinhard Müller

Der Gesetzgeber muss die Gleichheit der Wahl im Blick behalten. Da kann es schon einen Unterschied machen, wenn wenige Wahlberechtigte wegen vieler Minderjähriger im Wahlkreis großen Einfluss ausüben. Mehr 2 3