27.10.2004 · Terroristenführer Zarqawi bezeichnet sich im Irak nun als Teil des „Kampfes von Al Qaida“. Der jordanische Islamist will damit wohl auch die Wahl in den Vereinigten Staaten beeinflussen. Droht ein verheerender Anschlag?
Von Rainer Hermann, IstanbulUnmittelbar vor dem Beginn des Fastenmonats Ramadan Mitte Oktober hatte Terroristenführer Zarqawi bekanntgegeben, daß er nun dem Kommando von Bin Ladin unterstehe und Teil des „Kampfes von Al Qaida“ sei. Dabei hatte der Jordanier wohl auch die amerikanische Präsidentenwahl im Blick.
Sich in das Terronetz des Usama Bin Ladins einzureihen - das hatten Beobachter als Zeichen der Schwäche ausgelegt, weil Zarqawi im Irak immer nur seine eigene Strategie verfolgt hatte, die Al Qaida - etwa bei den Anschlägen gegen Schiiten - aber nicht unterstützte. Nachdem sich der Druck auf Zarqawi erhöht habe, sei ihm nichts anderes übriggeblieben, als für seine Terroraktionen im Irak auch Kämpfer Bin Ladins zu rekrutieren, argumentieren vor allem amerikanische Fachleute.
Kluger Schachzug
Andere aber interpretieren die Ankündigung Zarqawis als einen Schachzug, um die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten kurz vor der Präsidentenwahl zu beeinflussen. Zu ihnen gehört der irakische Politikwissenschaftler Mustafa al Ani, der in Dubai lebt.
Zarqawi wolle mit der Ankündigung, daß sich seine Terrorgruppe mit Al Qaida verschmelze, den Eindruck vermitteln, daß Präsident Bush gescheitert sei, zitiert die arabische Tageszeitung „Al Hayat“ den irakischen Wissenschaftler: gescheitert im Irak, im Krieg gegen Al Qaida sowie mit dem Versuch, Al Qaida daran zu hindern, im Irak Fuß zu fassen.
Angriffe auf Hochburgen
Im Ramadan und kurz vor der amerikanischen Präsidentenwahl ist der Krieg im Irak in eine neue Phase getreten. Amerikanische Einheiten hatten schon vor dem Beginn des Ramadans am 15. Oktober die Angriffe auf Hochburgen der Aufständischen und vor allem Falludscha intensiviert.
Ihre Aufgabe ist es, die Städte des sunnitischen Dreiecks der Kontrolle der Aufständischen zu entziehen und Zarqawi zu fassen, so daß am 31. Januar im Irak Wahlen stattfinden können. Daher waren auch die Briten bereit, Einheiten in die Region südlich von Bagdad in die Städte Yusufija und Latifija zu verlegen, in denen der Einfluß der Aufständischen immer deutlicher wird.
Große Offensive erst nach der Wahl
Damit können von dort amerikanische Soldaten an die Front des sunnitischen Dreiecks verlegt werden. Falludscha wird zwar jeden Tag bombardiert, und am Dienstag gab das amerikanische Militär bekannt, bei einem „Präzisionsschlag“ auf ein Haus in Falludscha einen Vertrauten Zarqawis getötet zu haben, ohne dessen Namen zu nennen. Gleichzeitig wurde die Straße von Falludscha Richtung Jordanien gesperrt.
Beobachter rechnen aber damit, daß die amerikanische Armee mit ihrer großen Offensive im sunnitischen Dreieck und gegen Falludscha erst nach der amerikanischen Wahl beginnen wird. Die Offensive rückt näher, je weniger eine politische Lösung wahrscheinlich ist. So hat einer der Sprecher der Einwohner Falludschas, Scheich al Dschumaili, zu verstehen gegeben, das Bagdader Verteidigungsministerium habe die Gespräche um Falludscha für beendet erklärt.
„Ramadan-Offensive“
Andererseits haben die Aufständischen eine weitere „Ramadan-Offensive“ begonnen. Sie ist weniger verlustreich als im vergangenen Fastenmonat. Aber das Innenministerium in Bagdad beobachtet, daß seit dem Beginn des Ramadans die Anschläge deutlich zugenommen haben.
Sie richten sich überwiegend gegen die Mitglieder der neuen irakischen Sicherheitskräfte. Einen schrecklichen Höhepunkt erreichten die Anschläge, als Mitglieder von Zarqawis Terrorgruppe am vergangenen Wochenende 49 irakische Soldaten töteten.
Anschläge sollen die Wahl beeinflussen
Kurz vor dem Ramadan waren in Abu Ghraib, dem Vorort im Westen von Bagdad, Poster aufgetaucht, auf denen die „Islamische Dschihad-Armee“ Anschläge während des Fastenmonats ankündigte. Irakern, die mit den Amerikanern zusammenarbeiten, wurde mit Angriffen der „Mudschahedin“ während des Ramadans gedroht.
Mit ihren Anschlägen vor der amerikanischen Präsidentenwahl wollen die Aufständischen offenbar wiederholen, was Al Qaida mit den Attentaten am 11. März in Madrid gelungen war. Sie beeinflußten damit den Ausgang der Wahl; es kam zu einem Regierungswechsel. Die jüngste Welle der Gewalt im Irak während des Fastenmonats könnte zudem religiöse Gründe haben: Denn islamische Theologen lehren, daß „gute Taten“ im Ramadan im Jenseits um ein vielfaches mehr belohnt werden.
Erfolg des Propheten Mohammed
Besonders wichtig ist den islamistischen Glaubenskämpfern der 17. Tag des Ramadans. In diesem Jahr fällt er auf den 31. Oktober; am 2. November wird in Amerika gewählt. An diesem Tag eifern die Extremisten dem Erfolg des Propheten Mohammed nach.
Der hatte an dem Tag des Jahres 624, zwei Jahre nach seiner Hidschra aus Mekka, erstmals eine Schlacht gegen die zahlenmäßig überlegene Armee der Quraischiten gewonnen. Der Sieg gab der jungen muslimischen Gemeinde Selbstvertrauen, und er leitete den Aufstieg Mohammeds als Feldherr ein. In diesem Jahr liegt der Jahrestag nur zwei Tage vor der amerikanischen Präsidentenwahl.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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