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Terror Das baskische Baader-Meinhof-Paar

04.10.2004 ·  Er war der politische Kopf der Terroristen, sie die mutmaßlich blutigste Kommandoführerin: Die Eta-Anführer Mikel Albizu und Soledad Iparragirre gingen am Wochenende der französischen Polizei ins Netz.

Von Leo Wieland
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Die Baader-Meinhof-Analogie stimmt, was das Gewicht und die Position des Paares in der baskischen Bande angeht. Der Unterschied ist: Er war der politische Kopf der Terroristen und sie die mutmaßlich blutigste Kommandoführerin. Mikel Albizu, alias „Mikel Antza“, und Soledad Iparragirre, alias „Anboto“, die am Wochenende gewissermaßen als Zufallsfund bei einer Razzia der französischen Polizei ins Netz gingen, waren dazu noch Lebensgefährten mit einem kleinen Sohn.

Ihre Ergreifung wurde von der spanischen wie der französischen Regierung als „historischer Enthauptungsschlag“ gegen die Terroristenorganisation Eta gefeiert. Spezialeinheiten der französischen Polizei, die sich auf Informationen der spanischen Guardia Civil stützten, hatten in den atlantischen Departements in und um das französische Baskenland eine großangelegte Operation gegen den logistischen Apparat von Eta vorbereitet.

Ein unauffälliges spanisches Paar

In mehreren Dörfern schlossen sie ihren Ring in den Morgenstunden des Sonntags. Was sie in Salies-de-Bearn, unweit der Stadt Pau, vorfanden, übertraf, als bald die Fingerabdruckanalysen aus Madrid eingingen, alle Erwartungen. Der 43 Jahre alte Albizu, seit zwölf Jahren der oberste politische Anführer von Eta, und die gleichaltrige Iparragirre, gesucht im Zusammenhang mit mindestens vierzehn Morden, schliefen ruhig auf ihrem Bauernhof. Dieser Hof, den das unauffällige spanische Paar - ihr Kind ging in die örtliche Schule - seit vier Jahren gemietet hatte, war genaugenommen mehr ein gediegenes Landhaus.

Eine Nachbarin berichtete spanischen Journalisten, daß sie dachte, die drüben seien vorwiegend mit der Entenmast und Gänseleberherstellung beschäftigt. Was sich, nach ersten Angaben der Behörden, aber auf den Computerdisketten und in den Dokumenten der beiden fand, hatte nichts Kulinarisches an sich. Hier ging es um die Organisation und Vorbereitung von Attentaten und außerdem - offenbar „Anbotos“ Spezialität - um das Eintreiben der erpresserischen „Revolutionssteuer“ bei wohlhabenden Basken.

Waffen und Munition in Kellern und Scheunen

Am Montag klärte sich allmählich das Bild, als bekannt wurde, was die Polizei, die insgesamt 20 Eta-Verdächtige in Frankreich und einen in Spanien festgenommen hatte, in den diversen, „Zulos“ genannten Verstecken auf entlegenen Gehöften noch alles entdeckt hatte: rund tausend Kilogramm Dynamit, Zünder, Granatwerfer, Sturmgewehre, Bargeld, um nur das wichtigste zu nennen.

Bei der Sicherstellung war Vorsicht angezeigt, weil die Waffen- und Munitionslager in Kellern und Scheunen mit Sprengstoff-Fallen versehen waren. In diesem Sommer - nach dem Madrider Massaker islamistischer Terroristen am 11. März - hatte Eta in spanischen Badeorten „nur“ ein Dutzend kleinerer Bombenanschläge mit Sachschäden verübt. Wozu sie aber noch in der Lage und offenkundig entschlossen war, demonstrieren indes diese Funde.

817 Morde in einem Vierteljahrhundert

Antza und Anboto muten wie Gestalten aus dem baskischen Terroristenbilderbuch an. Er stammt aus der Stadt San Sebastian und einer gutbürgerlichen nationalistischen Familie. Zu Eta stieß er Mitte der achtziger Jahre, als er sich bei der Befreiung eines militanten baskischen Schriftstellers aus dem Gefängnis als intelligenter und einfallsreicher Organisator hervortat. Selbst ein jugendlicher Schriftsteller mit einem baskischen Literaturpreis, tauchte er dann in Frankreich unter, lebte in Paris und studierte in Nanterrre.

Als der französischen Polizei im Jahr 1992 in Bidart der bislang vernichtendste Schlag gegen die damalige Eta-Spitze gelang - die drei Anführer der politischen, militärischen und logistischen Zweige wurden gefaßt -, rückte Antza nach. Gegen ihn liegt in Spanien direkt nichts vor, weil er in keinem Fall der persönlichen Beteiligung an einem Attentat verdächtigt wurde. Seit er die Fäden zieht, kamen indes 119 Eta-Opfer ums Leben. Die Gesamtzahl ihrer Morde im letzten Vierteljahrhundert beläuft sich auf 817.

Zwischendurch diplomatischer Unterhändler

Ganz anders Anboto. Sie stammt von einem baskischen Bauernhof in den spanischen Bergen, der schon zu Beginn der achtziger Jahre Terrorkommandos als Versteck diente. Als die Polizei aufmerksam wurde und eingriff, kam ihr Verlobter, ein Kommandomitglied, ums Leben und der Vater flüchtete nach Frankreich. Auch die damals zwanzigjährige Studentin ging in das Nachbarland, kam aber nach Angaben der Behörden Mitte der achtziger Jahre zurück und begann eine lange Blutspur zu hinterlassen: tote Polizisten und Zivilisten, Autobomben und Hinterhalte.

Irgendwann kreuzten sich dann die Wege des Organisators und der Exekutorin, die zuletzt die einzige Frau an so herausgehobener Stellung in der Eta-Spitze war. Er erwies sich zwischendurch als diplomatischer Unterhändler und schloß erst im Jahr 1998 ein „Waffenstillstandsabkommen“ mit der nationalistischen baskischen Regierung und verhandelte im Jahr darauf in der Schweiz sogar mit Abgesandten der konservativen Aznar-Regierung.

Reservoir fanatisierter Jugendlicher

Sie, dem Vernehmen nach keine Freundin von Waffenstillständen, nutzte aber immerhin einmal eine Terrorpause, um ihr und Antzas Kind auf die Welt zu bringen: in Havanna auf Castros Kuba. Eta wiederum nutzte die knapp einjährige Ruhe, um sich zu reorganisieren und, durch Banküberfälle und Diebstähle, neu zu munitionieren. Dann nahm sie den „bewaffneten Kampf“ wieder auf und brachte zuletzt im vergangenen Jahr drei Menschen um.

Dank der neuen Entschlossenheit der Regierung Aznar und der verstärkten Kooperation Frankreichs, welches den baskischen Terrorismus inzwischen auch als ein „nationales Problem“ anzusehen begann, folgte ein Schlag gegen Eta dem anderen. Zwar wachsen nach jeder Festnahme neue „Köpfe“ nach, und das Reservoir fanatisierter Jugendlicher aus der Straßenterrorszene (“Kale Borroka“) und ihrer militanten Väter und Mütter scheint unerschöpflich.

Feindbild schließt auch Frankreich ein

Polizei und Justiz haben die Bande aber in die Enge getrieben und sie ihrer findigsten und erfahrensten Anführer beraubt. Deshalb waren auch die letzten Attentate oft so stümperhaft ausgeführt, daß die Terroristenlehrlinge dabei selbst umkamen oder entdeckt wurden. Letzteres geschah vor Weihnachten, als zwei „Etarras“ gefaßt wurden, als sie mit mehr als hundert Kilo Dynamit auf dem Weg nach Madrid waren, um hier einen Bahnhof oder einfahrende Züge in die Luft zu sprengen.

Wenn die Innenminister Antonio Alonso und Dominique de Villepin wie vorgesehen am Donnerstag in Paris zusammentreffen, können sie nicht nur einander zu geglückter Zusammenarbeit gratulieren, sondern auch zusätzliches Licht auf den Umfang und die Hintergründe der noch verbleibenden Bedrohung beider Länder durch Eta werfen. Das Feindbild dieser Bande, das sich früher einmal auf das Spanien Francos, danach aber zunehmend irrational auf die neue „faschistische“ Demokratie konzentrierte, schließt jetzt auch Frankreich ein.

Der Vorwurf lautet, daß dieses frühere Zufluchtsland den Basken nur noch „einen langsamen Tod unseres Volkes“ offeriere. Das ist zwar Unsinn aus verdrehten Hirnen. Aber es ließe sich argumentieren, daß die nationalistischen wie nichtnationalistischen Basken inzwischen in den von ihnen selbst regierten spanischen Provinzen noch mehr Autonomierechte genießen als im zentralistischen Frankreich auf der anderen Seite der Pyrenäen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 5. Oktober 2004
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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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