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Tel Aviv Erst ein Anschlag, dann eine Ankündigung

Die Explosion in einem Bus in Tel Aviv hatte die Angst genährt, Israel werde doch in Gaza einmarschieren. Am Abend dann kam die ersehnte Botschaft aus Kairo.

© dapd Vergrößern Der zerstörte Bus im Zentrum von Tel Aviv

Die Bilder erinnerten an die zweite Intifada. Die Explosion hatte die Fenster des blau-weißen Linienbusses zertrümmert. Mehr als zwanzig Israelis wurden am Dienstagmittag verletzt, als ein Sprengsatz in dem Bus auf der König-Saul-Straße detonierte – nicht weit von Verteidigungsministerium, Oper und Kunstmuseum entfernt. Der Gaza-Konflikt erreichte damit das Zentrum der israelischen Großstadt, in das die Raketen von Hamas und Islamischem Dschihad bisher nicht vordringen konnten. Regierungsvertreter sprachen bald von einem Terrorangriff und die Polizei fahndete nach ein oder zwei Personen, die möglicherweise den Sprengstoff in dem Bus deponiert hatten und kurz vor der Explosion davonliefen.

Hans-Christian Rößler Folgen:  

Im ganzen Land sind die Sicherheitskräfte schon seit Tagen in höchster Alarmbereitschaft, seit die Hamas nach der Tötung ihres Militärführers Ahmed al Dschabari damit gedroht hatte, den Terror auch in die israelischen Städte zu tragen. Rund um Jerusalem richtete die Polizei mehrere Kontrollpunkte ein, nachdem es angeblich Hinweise auf weitere Attentatsversuche gegeben hatte. Offenbar kann die Hamas dabei auch auf andere bewaffnete Gruppen zählen. So bezichtigten sich nach zunächst unbestätigten Berichten bisher nicht bewaffnete Islamisten, sondern säkulare Terrorgruppen wie die Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden der Fatah-Organisation und die „Volkswiderstandskomitees“ des Anschlags in Tel Aviv. Es wurde auch nicht ausgeschlossen, dass Täter am Werk waren, die keiner Gruppe angehören – ähnlich wie im Mai 2011. Damals rammte ein politisch motivierter arabischer Einzeltäter mit seinem Lastwagen mehrere Fahrzeuge. 17 Israelis wurden damals verletzt, einer getötet.

Die Explosion im Linienbus weckt in Israel traumatische Erinnerungen. Seit dem Jahr 2000, als die zweite Intifada begann, kamen fast 250 Menschen bei Anschlägen auf Busse ums Leben; Hunderte wurden verletzt. Zuletzt war im März 2011 an einer Jerusalemer Bushaltestelle ein Terroranschlag verübt worden. Dabei kam eine Britin ums Leben. In Tel Aviv verübten Terroristen im Januar 2003 einen der verlustreichsten Anschläge: Im alten Busbahnhof töteten zwei Selbstmordattentäter 23 Menschen.

© reuters Vergrößern Israel: Verletzte bei Anschlag auf Bus in Tel Aviv

Auf den Selbstmordterror hatte die israelische Armee im Jahr 2002 schon einmal mit einer Großoffensive im Westjordanland reagiert. In Israel nahm am Mittwoch die Sorge zu, dass die Eskalation in Tel Aviv einen israelischen Einmarsch in den Gazastreifen wahrscheinlicher macht. Doch selbst vor der Mitteilung vom Abend, in Kairo sei eine Waffenruhe ausgehandelt worden, bezweifelte der israelische Terrorismusexperte Boaz Ganor, dass der Vorfall vom Mittwoch dafür ausreicht. Ganor wies darauf hin, dass es sich nicht um einen Selbstmordanschlag gehandelt habe. Die geringen Schäden an dem Bus ließen vermuten, dass nur kleinere Mengen Sprengstoff verwendet wurden. „Die primitive Ausführung zeigt, wie verzweifelt die Hamas mittlerweile ist. Sie nutzt jede Gelegenheit, die sich bietet“, sagte Ganor, der in Herzlija das „Institute for Counterterrorism“ leitet. Die Hamas sei davon überrascht gewesen, dass sie mit ihren Raketen in Israel keine größeren Schäden anrichten konnte.

Zumindest symbolische Erfolge konnten die Hamas und ihre Verbündeten jedoch aus ihrer Sicht erzielen. Am Dienstag gelang es dem bewaffneten Arm der Hamas ein zweites Mal, Raketen in Richtung Jerusalem abzufeuern. Beide Male gingen sie am Stadtrand in der Nähe des Siedlungsblocks „Gusch Etzion“ nieder, ohne größere Schäden anzurichten. Doch kurz bevor ein Hamas-Sprecher die Einigung über eine Waffenruhe ankündigte, schlug in einem Nachbarort von Tel Aviv eine Rakete in einem Wohnhaus ein. Dieses Mal konnte das Abwehrsystem „Eiserne Kuppel“ die Stadt Rischon Lezion nicht rechtzeitig schützen, die nur wenige Kilometer südlich von Tel Aviv liegt.

Von dem Anschlag in Tel Aviv erfuhr die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton, als sie gerade von einem Treffen mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas aus Ramallah nach Jerusalem zurückkehrte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als das Attentat zu verurteilen, das ihre Mission noch schwieriger machte. Seit Dienstagabend bemühte Frau Clinton sich schon im Auftrag von Präsident Barack Obama darum, die Lage in der Region zu beruhigen. Am Mittwochnachmittag landete sie in Kairo, um den ägyptischen Präsidenten Muhammad Mursi zu treffen. Es war die entscheidende Zusammenkunft. Im Anschluss daran wurde die Waffenruhe bekannt gegeben. Obama verlangte vom israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, in den Handel einzuwilligen.

In der Nacht zum Mittwoch hatte Hillary Clinton persönlich mit Netanjahu gesprochen und zunächst die Hoffnungen auf eine Waffenruhe gedämpft, die ein Hamas-Sprecher noch für Dienstagabend angekündigt hatte. Sie sprach nur vage von einer „umfassenderen Ruhe“ und regionaler Stabilität, für die sie sich „in den nächsten Tagen“ einsetzen werde. Israelische Kommentatoren äußerten die Hoffnung, dass sie dabei der Wunsch antreiben werde, das bevorstehende Ende ihrer Amtszeit mit einem Erfolg im Nahen Osten zu krönen. In Kairo konnte sie dann weniger als 24 Stunden nach ihrer Ankunft in der Region die Waffenruhe verkünden, die nach einer Woche den Gaza-Konflikt beenden soll. Binnen weniger Minuten verschwanden auf allen Fernsehkanälen die Bilder des zerstörten Busses in Tel Aviv, um für jene Aufnahmen der Pressekonferenz in Kairo Platz zu machen, die Israelis und Palästinenser fürs erste aufatmen ließ.

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Quelle: FAZ.NET

 
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