28.09.2006 · Aus marodierenden Banden ist eine Partisanenmacht geworden. Die Taliban werden wieder zu einer ernsthaften Bedrohung für die Stabilität Afghanistans. Das Geld aus dem Opiumhandel füllt dabei ihre Kriegskasse.
Von Ahmad Taheri„In Helmand wachsen die Taliban reichlicher nach als der Mohn“, schrieb kürzlich eine afghanische Zeitung. Das soll was heißen. Die Südprovinz Helmand, die wegen ihres mörderischen Klimas und der öden Landschaft von den Briten, die hier stationiert sind, als Hölle bezeichnet wird, liefert 90 Prozent des afghanischen Opiums. Am vergangenen Dienstag wurden hier durch einen Selbstmordattentäter 18 Personen vor einem Verwaltungsamt getötet.
Sie waren gekommen, um die nötigen Papiere für den Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, zu besorgen. Am selben Tag gab es Anschläge in anderen südlichen Provinzen: in Paktia und in Khost. Selbst vor den Toren Kabuls wurden durch eine Bombe ein Nato-Soldat und ein Kind getötet. Der vergangene Dienstag war also einer der blutigsten Tage im afghanischen Krieg. Die Briten, die vor einigen Monaten die Amerikaner im Süden ablösten, haben in kurzer Zeit mehr Opfer zu beklagen als ihre hochgerüsteten Partner.
Vom Geist von Al Qaida durchdrungen
Das amerikanische Militär versucht im Osten, namentlich in der Provinz Konar, den Aufständischen Einhalt zu gebieten. Eine weitere umkämpfte Provinz im Süden ist Kandahar, einst Hochburg der Taliban-Bewegung. Anfang dieser Woche wurde in der Stadt Kandahar die Frauenbeauftragte der Regierung, Safia Amadschan erschossen. Frau Amadschan hatte seit dem Sturz der Taliban 2001 die Abteilung für Frauenfragen in der Provinz geleitet. Die ehemalige Lehrerin, die den afghanischen Frauen zu ihrem Recht verhelfen wollte, war, wie berichtet wird, in der Bevölkerung geliebt und geachtet.
Es war der erste Anschlag der Taliban gegen eine Politikerin des neuen Afghanistans. Nach traditioneller Auffassung der Paschtunen, der Volksgruppe, der auch die meisten Taliban angehören, sind die Frauen Menschen zweiter Klasse und bar jeden Rechts. Doch als „Schutzbefohlene“ ist ihre Ehre und ihr Leben unantastbar. Das verlangt das Paschtunwali, der ungeschriebene Ehrenkodex der Paschtunen. Die Ermordung einer Frau zeigt, wie sehr sich die neue Generation der Taliban von den herkömmlichen paschtunischen Bräuchen entfernt hat und vom mörderischen Geist von Al Qaida durchdrungen ist, dem solche Stammesgesetze fremd sind.
Attentäter kam zur Trauerfeier
Safia Amadschan starb, weil sie für die paschtunischen Zeloten als „Büttel der Kreuzfahrer“ galt, wie die Taliban und Al-Qaida-Leute die Nato-Soldaten nennen. Mehr als einmal hatte Mullah Omar, der Führer der Taliban, verkündet, wer mit dem heidnischen Feind zusammenarbeite, verwirke sein Leben. So wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe von afghanischen Amtsträgern ermordet: hohe Militärs, Polizeichefs, geistliche Würdenträger und Gouverneure.
Zuletzt wurde Hakim Taniwal, der Gouverneur der Provinz Paktia, mit seinen zwei Leibwächtern am 8. September durch einen Selbstmordattentäter getötet. Ein weiterer Attentäter kam zur Trauerfeier in der Provinzhauptstadt Gardes. Taniwal war ein entschiedener Gegner der Taliban. Er plante, Stammesmilizionäre gegen sie zu rekrutieren. Der Soziologe, der einst in Frankfurt am Main bei Jürgen Habermas Vorlesungen hörte, wollte sich nicht einschüchtern lassen.
Nicht mehr nur marodierende Banden
Von den sechs Provinzen im Süden, die von Paschtunen besiedelt sind, haben fünf gemeinsame Grenzen mit Pakistan. Diese Provinzen entgleiten der Kabuler Zentralmacht immer mehr. In Kabul werden Erinnerungen daran wach, wie die Taliban vor zehn Jahren, am 27. September 1996, ohne nennenswerte Gegenwehr die afghanische Hauptstadt erobert haben.
Fünf Jahre später, als sie von den Koalitionskräften aus Kabul vertrieben wurden, schien es, als sei die Taliban-Herrschaft nur eine Fußnote in der neueren afghanischen Geschichte gewesen. Als marodierende Banden entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze wurden sie nicht wirklich ernst genommen. Jetzt, fünf Jahre später, stellen die Koranschüler abermals eine schlagkräftige Partisanenmacht dar, die den großen Mächten dieser Welt nicht ohne Erfolg die Stirn bietet. Dies bekommen besonders die Briten am eigenen Leibe zu verspüren. Die Liste der gefallenen Soldaten Ihrer Majestät wird immer länger.
Heroingewinne für die Kriegskasse
Wie konnte es geschehen, daß die die Taliban abermals zu einer militärischen und politischen Gefahr wurden? „Die Taliban“, schreibt Wahid Moschdeh, der afghanische Forscher und Autor des Buches „Afghanistan und fünf Jahre Taliban-Herrschaft“, „waren jenseits der Grenze namentlich in den pakistanischen Koranschulen nur eine potenzielle Gefahr. Doch seitdem die Amerikaner auf der Suche nach den Al-Qaida-Leuten schlimme Fehler begangen und die Bevölkerung gegen sich aufgebracht haben, sind die Taliban zu einer tatsächlichen Gefahr geworden.“
Die Amerikaner, schreibt Moschdeh, hätten die Kultur und Traditionen der Afghanen mißachtet und damit die Taliban gestärkt. Auf drei Wegen, schreibt der Autor, hätten die Taliban das verlorene Terrain zurückgewonnen: Sie rekrutieren die mit den Amerikanern unzufriedenen Teile der Bevölkerung, sie nehmen Koranschüler aus den pakistanischen Medressen auf und schließen die freigelassenen Talibangefangenen abermals in die Arme. Die letzteren, die die Brutalität in den amerikanischen Gefängnissen erlebt hätten, „kämpfen unerbittlich“, schreibt Wahid Muschdeh. Für die neuen Rekruten haben die Taliban reichlich Geld. Die Provinz Helmand, wo die Taliban praktisch die Macht innehaben, ist das wichtigste Anbaugebiet von Opium in Afghanistan. In den Heroinfabriken wird der braune Teig zu weißem Pulver. Milliardengewinne füllen die Kriegskasse der Dschihadisten.
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