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Syrischer Krieg : Spielball der Großmächte

Spur der Zerstörung nach einem Luftangriff der Regierungsarmee auf das syrische Ghuta Bild: dpa

Syrien versinkt seit Jahren in Krieg und Gewalt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Das liegt auch an den vielen verschiedenen Beteiligten und Interessen. Ein Überblick.

          Der Syrische Krieg ist mittlerweile in seinem siebten Jahr angelangt. Als er 2011 begann, deutete wenig darauf hin, dass er an Brutalität und Zerstörungswut die anderen Konflikte des „Arabischen Frühlings“ um ein Vielfaches übertreffen würde.

          Christoph Strauch

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seinen Beginn markiert der Protest breiter Bevölkerungsschichten gegen das Assad-Regime. Wie in anderen Ländern, die 2010/11 von den Aufständen des „Arabischen Frühlings“ erfasst wurden, standen zunächst Forderungen der Demonstranten nach Reformen, mehr Freiheiten, der Freilassung von politisch Inhaftierten und der Protest gegen Korruption in der herrschenden Elite im Vordergrund. Nachdem die Staatsmacht mit Gewalt reagiert und auf Demonstranten hatte schießen lassen, griffen die zunächst lokal begrenzten Proteste auf andere Städte und Landesteile über; viele Demonstranten verschärften ihre Forderungen, statt Reformen sollte ein Regimewechsel eingeleitet werden, Assad und seine Familie die Macht abgeben.

          Als der Konflikt zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten eskalierte, desertierten zunehmend Angehörige der Regierungstruppen, die sich nicht an Gewalt gegen die Zivilbevölkerung beteiligen wollten. Viele stellten sich auf die Seite der Aufständischen, die derweil auch Zulauf von radikalen sunnitischen Islamisten erhielten. Die Regierung verlor in der Folge die Kontrolle über wichtige Protestzentren wie Hama und Homs sowie große Teile im Norden und Osten des Landes, konnte sich aber in seinen eigenen Hochburgen im Westen behaupten.

          Ethnische und religiöse Gräben im Land

          In der Folge wandelte sich der syrische Konflikt zunehmend von einem Ringen zwischen Staatsmacht und protestierender Bevölkerung zu einem Bürgerkrieg entlang ethnischer und religiöser Linien. Ein Blick auf die Bevölkerungsstruktur des Landes macht das verständlich. Zwar ist ethnisch gesehen die überwältigende Mehrheit der Syrer Araber, nur etwa zehn Prozent gehören der kurdischen Minderheit im Norden an. Mit Blick auf die Religionszugehörigkeit ergibt sich aber ein differenzierteres Bild:

          Sunniten stellen die Mehrheit der Syrer, ihre gesellschaftlichen Vorstellungen reichen von sehr konservativen Ansichten über liberale Auslegungen des Islam bis hin zu säkularen Tendenzen. Unter den Sunniten fand der Aufstand gegen Assad auch deshalb die größte Unterstützung, weil ihre Stellung in Staat und Gesellschaft nach eigener Einschätzung nicht dem Anteil an der Bevölkerung entsprach. Allerdings fühlten sich unter Assad nicht alle Sunniten als Verlierer: Die Handelsmetropole Aleppo, später Sinnbild der Zerstörung, war vor dem Krieg zu 80 Prozent von Sunniten bewohnt – viele von ihnen waren wirtschaftlich erfolgreich und verhielten sich im Westteil der Stadt loyal zum Assad-Regime, weil sie wegen ihrer Geschäftsinteressen an einem Erhalt des status quo interessiert waren.

          Alawiten bilden die zahlenmäßig größte Minderheit in Syrien: Die religiöse Sekte gilt als eine Spielart des schiitischen Islam. Die Herrscherfamilie um Assad ist alawitisch, Alawiten besetzen die Schlüsselpositionen in Staat und Militär – obwohl sie zahlenmäßig weniger als 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung stellen. Ihr Hauptsiedlungsgebiet liegt in den küstennahen Regionen im Westen des Landes.

          Christen, Drusen, Schiiten und Jesiden sind kleinere Minderheiten, die das Szenario eines möglichen sunnitischen Gottesstaates fürchten, in dem sie marginalisiert werden könnten.

          Starker Einfluss radikaler Islamisten

          Je länger die Auseinandersetzung ohne Aussicht auf ein Ende und eine Lösung andauerte, desto stärker wurde der Einfluss radikalislamischer Elemente unter den Aufständischen und die Rolle ausländischer Mächte als Unterstützer auf beiden Seiten:

          Iran als selbsternannte Schutzmacht der Schiiten in der Region ist seit vielen Jahren ein enger Verbündeter der Regierung in Damaskus. Als diese am Rande der Niederlage taumelte, griffen mit Iran verbündete Kämpfer der schiitischen Miliz Hizbullah aus dem benachbarten Libanon auf Seiten der Regierungstruppen ein. Auf die Hizbullah folgten schiitische Kämpfer aus dem Irak, der seit der Beseitigung von Diktator Saddam Hussein unter iranischem Einfluss steht, und anderen Ländern der Region.

          Überall Zerstörung: In Ost-Aleppo wüteten besonders verheerende Kämpfe.

          Die Einsätze der ausländischen schiitischen Milizen werden koordiniert von den iranischen Quds-Brigaden, einer Elieeinheit der Revolutionswächter unter dem Kommando von Kassem Suleimani. Auch die Revolutionswächter selbst kämpfen mit eigenen Truppen in Syrien, ihr Ziel besteht in einer dauerhaften Präsenz mit eigenen Militärbasen. Iran strebt auf diesem Wege eine Landverbindung zum Mittelmeer an und hofft, die verbündete Hizbullah im Libanon besser mit Waffen versorgen zu können.

          Saudi-Arabien, Qatar und andere Golfstaaten erkannten im syrischen Bürgerkrieg schon vorher das Potential, den zuletzt gewachsenen Einfluss Irans in der Region zurückzudrängen. Vor allem das traditionell stark konservativ-sunnitische Saudi-Arabien befindet sich mit Iran in einem regionalen Ringen um Macht und Einfluss. Beide Mächte unterstützen gegensätzliche Kriegsparteien auch in anderen Ländern, etwa dem Jemen.

          Während Iran eigene und verbündete Milizen zur Unterstützung Assads schickte, kamen vom Golf Geld und Waffen für die Aufständischen. Dadurch änderte sich auch das Bild der Opposition: Weil die Golfstaaten fundamentalistische Kräfte förderten, gerieten gemäßigte Gruppen wie die Freie Syrische Armee (FSA) ins Hintertreffen. Der Einfluss etwa der salafistischen Miliz Ahrar al Scham oder des syrischen Ablegers von Al Qaida stieg dagegen. Wegen ihrer schwierigen militärischen Lage bilden die Rebellenfraktionen ideologischen Differenzen zum Trotz ein Zweckbündnis, das in der nordöstlichen Provinz Idlib und im südwestlichen Daraa den militärischen Widerstand gegen die Regierung aufrechterhält und sich gleichzeitig gegen die Autonomiebestrebungen der Kurden im Norden sowie den Allmachtsanspruch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) richtet.

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          Russland griff erst 2015 direkt in den Syrischen Krieg ein, als die Regierung trotz Unterstützung durch schiitische Milizen abermals von den Rebellen auf der einen Seite und dem IS auf der anderen an den Rand einer Niederlage gebracht wurde. Russland will wie Iran das Assad-Regime stabilisieren, um seine eigenen strategischen Interessen in Syrien zu schützen. Es besitzt in Tartus seinen einzigen Marinestützpunkt im Mittelmeer und will durch seine dominante Rolle in Syrien auch Mitsprache in anderen Fragen nahöstlicher Politik erwirken. Es will damit auch dem Erzfeind Amerika beweisen, dass Obama Unrecht hatte, als er Russland im Zuge des Ukraine-Konflikts spöttisch als „Regionalmacht“ bezeichnete.

          Der sogenannte Islamische Staat ist militärisch fast besiegt, prägte aber das Geschehen in Syrien und dem benachbarten Irak über Jahre maßgeblich. Die sunnitische Terrormiliz ging als radikales Abspaltungsprodukt aus den dschihadistischen Kräften der Opposition hervor. Ziel der Organisation ist ein sunnitisches Kalifat, das sich zunächst über Syrien und den Irak, später aber über die ganze Welt erstrecken soll. Der Islamische Staat kämpft(e) sowohl gegen die Regierung und ihre Verbündeten als auch gegen die Rebellen und deren Förderer. Zwischenzeitlich beherrschte es riesige Gebiete in Syrien und dem Irak sowie nahezu das gesamte Grenzgebiet beider Länder. Heute ist das „Kalifat“ des IS auf wenige Flecken Wüste im Osten Syriens und dem Westen des Irak zusammengeschrumpft.

          Eine internationale Koalition unter Führung der Vereinigten Staaten bildete sich 2014 als westliche Antwort auf die unerwartet schnelle Expansion des IS und dessen beginnenden Völkermord gegen religiöse Minderheiten, vor allem die kurdischen Jesiden im Irak. Amerika unterstützt seitdem auch die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), ein kurdisch-arabisches Bündnis im Norden Syriens, das am Boden gegen den IS kämpft und dabei von der Koalition aus der Luft unterstützt wird.

          In Abgrenzung zur Assad-Regierung wie auch den sunnitisch-islamistischen Rebellen streben die SDF ein säkulares, demokratisches und föderales Syrien an und kommen damit auch programmatisch am ehesten als Partner des Westens in Frage. Bei der Vertreibung des IS lieferten sich die SDF ein Wettrennen mit den konkurrierenden, russisch-iranisch unterstützten Regierungstruppen. Die SDF eroberten große Teile Nordsyriens und das ölreiche Gebiet östlich des Euphrat, während die Assad-Truppen Zentralsyrien und den östlichen Landesteil bis zum Euphrat einnahmen. Seit der IS weitestgehend ausgeschaltet ist, steigen Spannungen zwischen den SDF und Regierungstruppen entlang des Euphrat: Als letztere kürzlich versuchten, in SDF-Gebiet vorzurücken, reagierte die Koalition mit Luftstreitkräften und schaltete dabei auch mutmaßlich russische Söldner aus.

          Die Türkei ist zwar als Nato-Mitglied ein wichtiger militärischer Verbündeter der Vereinigten Staaten, fühlt sich aber von dem amerikanisch unterstützten kurdisch-arabischen Bündnis bedroht. Der Grund: Das Bündnis wird militärisch angeführt von den kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG), die seit der Vertreibung des IS aus Nordsyrien ihren Herrschaftsbereich an der Grenze zur Türkei erweitert haben. Weil im Windschatten des Machtverlusts von Saddam Hussein schon den irakischen Kurden gelungen ist, ein autonomes Gebilde mit eigenem Parlament und eigenen Streitkräften einzurichten, wollen die Türken die Wiederholung eines solchen Szenarios in Nordsyrien verhindern. Sie befürchten, dass dies Begehrlichkeiten in der eigenen, mit massiver Gewalt niedergehaltenen kurdischen Nationalbewegung wecken könnte. Schließlich siedeln die Kurden kompakt in einem großen Gebiet, das sich über die Grenzen der Türkei, des Irak, Irans und Syriens erstreckt.

          Showdown in Nordsyrien

          Die Türkei, die im Syrien-Konflikt von Anfang an ihren regionalen Einfluss mehren wollte und dafür wie die Golfstaaten verschiedene islamistische Rebellengruppen unterstützte, griff daher 2016 in den Konflikt ein: Um eine Vereinigung der kurdischen Selbstverwaltungsgebiete durch das Zurückweichen des IS zu verhindern, leitete Ankara eine Offensive mithilfe verbündeter Rebellen ein, die sich offiziell gegen den IS richtete. Seitdem steht ein von türkeifreundlichen Rebellen beherrschtes Gebiet zwischen den kurdisch beherrschten Kantonen Afrin und Manbidsch.

          Ruinenstadt: Raqqa war die Hochburg des IS in Syrien, die Islamisten sind mittlerweile vertrieben.

          Mit dem jüngsten Einmarsch in den nordwestsyrischen Kanton Afrin und der angedrohten Fortsetzung dieses militärischen Abenteuers im weiter östlich gelegenen Manbidsch stellt sich die Türkei einerseits gegen die Vereinigten Staaten, für die die Kurden die wichtigsten militärischen Verbündeten im Kampf gegen den IS sind. Die Türkei warf dem Nato-Partner daher zuletzt vor, „Terroristen“ zu unterstützen und drohte den Amerikanern eine „osmanische Ohrfeige“ an.

          Gleichzeitig ist das türkische Engagement in Syrien auch für die Beziehungen mit Russland schwierig: Zum einen weil die Türkei sich bei ihrem Krieg gegen die Kurden jener Rebellen bedient, die auch gegen die mit Russland verbündete Regierung kämpfen. Zum anderen, weil die Kurden vor wenigen Tagen die Hilfe eben dieser Regierung anforderte und auch bekommt.

          Russland und die Türkei haben aber beide ein Interesse daran, ihre zuletzt deutlich verbesserten Beziehungen nicht zu gefährden – einerseits wegen der Erfahrung mit einer Konfrontation 2015, als die Türkei einen russischen Jet abschoss und Russland mit Sanktionen antwortete; andererseits weil die Türkei inzwischen mit Russland und Iran gemeinsam das Vakuum gefüllt haben, das der Westen durch seine Zurückhaltung in dem Konflikt – abgesehen vom Kampf gegen den IS – hinterlassen hat.

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