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Veröffentlicht: 13.08.2017, 13:42 Uhr

Libanons Tripoli Kein Trost im Schweigen der Waffen

Keine andere Stadt im Libanon ist so in den Sog des syrischen Bürgerkrieges geraten wie Tripoli. Ihre Bewohner tun sich schwer damit, an die Zukunft zu glauben.

von , Tripoli
© R.B. Politik ist tabu: Frauen aus den verfeindeten Vierteln backen gemeinsam.

Der Mann ist stolz auf seine Narben. Auf die lange am Schlüsselbein zum Beispiel. Er zerrt den Ausschnitt seines ausgewaschenen T-Shirts herunter, um sie vorzuzeigen. „In ganz Syrien habe ich schon gekämpft“, tönt er. „Er ist ein Held“, kräht ein junger Bewunderer in der kleinen Menschentraube, die sich schnell vor dem Kaffeehaus zusammenfindet. „Baschar al Assad ist für uns wie Jesus für die Christen“, verkündet er weiter. Drinnen an der verwitterten Wand des Gastraumes hängt das Porträt des syrischen Präsidenten, der gerade zum Erlöser erklärt wurde. Auch ein Bild seines Vaters Hafiz fehlt nicht. Die Gruppe ergeht sich in weiteren Ergebenheitsbekundungen an die Adresse Assads, als wie aus dem Nichts zwei weitere Männer auftauchen und sich mit kalter Höflichkeit erkundigen, was denn das Theater hier solle.

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Die Szene könnte in einer Stadt spielen, die vom Regime in Damaskus beherrscht wird. Sie spielt aber im Libanon. Syrien ist hier, im Viertel Dschabal Mohsen in der nördlichen Küstenstadt Tripoli, unglaublich nah. Es ist die Enklave der Alawiten, jener Religionsgemeinschaft, zu der auch Assad gehört. Das Viertel steht wie die ganze Stadt unter dem Bann des Krieges, der im Nachbarland tobt. Die engen Verbindungen nach Syrien belasten das mehrheitlich sunnitische Tripoli, das sich immer schwer damit getan hat, sich dem Libanon zugehörig zu fühlen. Sie sind einer der Gründe, warum die einst wohlhabende und kosmopolitische Handelsstadt, die früher Provinzhauptstadt islamischer Großreiche war, melancholisch auf den Glanz längst vergangener Jahrhunderte zurückblickt. Die jüngere Geschichte ist weit weniger glorreich: Bürgerkrieg, syrische Besatzung, ein tristes Dasein im Schatten der Hauptstadt Beirut. Tripoli scheint trotz allen Potentials zum Niedergang verdammt zu sein. Sein Fluch ist eine Mischung aus Wirtschaftsmisere und sozialer Not, Vernachlässigung, vergifteter Politik und einer unbestimmten Identität.

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Kaum etwas hat die Stadt so gebrandmarkt wie die Gefechte, die – befeuert durch den Konflikt in Syrien – vor gut fünf Jahren ausbrachen. Alawitische Milizionäre aus Dschabal Mohsen lieferten sich heftige Kämpfe mit sunnitischen Kämpfern aus dem Stadtteil Bab al Tabbaneh am Fuß der Anhöhe. Noch immer herrscht unter den Sunniten Hass auf das syrische Regime, das Tripoli zur Zeit der Besatzung brutal unter Kontrolle hielt. Viele Familien haben engere Verbindungen ins syrische Homs als in die libanesische Hauptstadt Beirut.

Tripoli als Schmelztiegel des Konflikts jenseits der Grenze

Als die islamistischen Muslimbrüder in den achtziger Jahren in Syrien den Aufstand gegen Hafiz al Assad probten, wurde auch Tripoli, wo es schon immer starke islamistische Gruppen gibt, brutal bestraft. Noch immer erzählen Islamisten in Tripoli, die damals ihre syrischen Brüder unterstützten, von den „Massakern“ und den Hunderten von Menschen, die in den Folterkellern der Geheimdienstgebäude verschwanden. Als die Truppen von Baschar al Assad 2011 die Revolte in Homs niederschlugen, schürten sie in Tripoli den Volkszorn unter den Sunniten. Und dieser richtete sich vor allem gegen die alawitischen Nachbarn in Tripoli, die ihnen als verlängerter Arm der Assads gelten.

Islamistische Hassprediger hatten mit dem Beginn des syrischen Bürgerkrieges leichtes Spiel in den Armeleutevierteln. Sie rekrutierten eifrig Kämpfer. Junge Sunniten schlossen sich syrischen Islamistenbrigaden an, auch der unter dem Banner von Al Qaida kämpfenden Nusra-Front. Tripoli war mehr als alle anderen Städte im Libanon in den Sog des Konfliktes jenseits der Grenze geraten.

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