Home
http://www.faz.net/-gq5-6yg70
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Syrien Offenbar tausende E-Mails Assads abgefangen

 ·  Nach Angaben der Zeitung „Guardian“ haben Aktivisten tausende E-Mails des syrischen Machthabers Assad abgefangen. So soll sich Assad Rat in Teheran über den Umgang mit der Protestbewegung geholt haben. Aus Damaskus wurden abermals Gefechte gemeldet.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)
© dpa Syriens Diktator Assad mit seiner Frau Asma

Der syrische Machthaber Assad hat sich offenbar von der iranischen Führung bei jüngsten öffentlichen Auftritten beraten lassen und wusste offenkundig auch von der Anwesenheit westlicher Journalisten in der beschossenen Stadt Homs. Beide Mutmaßungen ergeben sich aus privaten Emails, die nach Angaben syrischer Oppositioneller aus persönlichen E-Mail-Konten Assads und seiner Frau Asma kopiert wurden.

Die britische Zeitung „Guardian“ veröffentlichte am Donnerstag Details dieses E-Mail-Verkehrs. Es handele sich um mehr als 3000 gesendete und empfangene Texte, die der Zeitung vorgelegen und die von Mitarbeitern des Blattes in Stichproben sorgfältig geprüft worden seien. Die E-Mails des syrischen Präsidenten entstanden in der Zeit zwischen Juni 2011 und Februar 2012. Aus ihnen ergibt sich unter anderem, dass Assads Berater Khaled Ahmad, der ihn über die Oppositions-Hochburgen Homs und Idlib informierte, schon im November vergangenen Jahres riet, es sei an der Zeit, „den Griff der Sicherheitskräfte“ auf diese Orte zu verstärken und „mit der Operation zu beginnen, die staatliche Kontrolle wiederherzustellen“.

Ahmad schrieb auch an Assad, er habe Nachrichten, dass Journalisten aus europäischen Ländern in die Gegend gelangt seien, die illegalerweise die libanesische Grenze überschritten hätten. Ein Medienberater des Präsidenten schickte im Dezember Entwürfe für eine Rede Assads mit dem Hinweis, dass darin Ratschläge von vielen Fachleuten, auch vom politischen Berater des iranischen Botschafters, eingeflossen seien.

Asyl in Qatar angeboten

Interessante politische Erkenntnisse ergeben sich auch aus den Kontakten zwischen Assads Frau Asma und der Tochter des Emirs von Qatar, Hamid bin Khalifa al-Thani. Sie standen nach den aufgedeckten E-Mails das ganze Jahr 2011 über in Kontakt. Im vergangenen Dezember und Ende Januar empfahl die Tochter des Emirs der Präsidentengattin zwei Mal, sie solle mit ihrem Mann die Macht in Syrien abgeben und das Land verlassen; notfalls könne sie in Qatar Asyl finden: sie schrieb, es sei „eine gute Gelegenheit, zu gehen und wieder ein normales Leben zu beginnen; sicher gibt es viele Orte, wohin Du gehen kannst, einschließlich Doha“.

Der Guardian berichtet, die privaten E-Mail-Adressen Assads und seiner Frau seien im März letzten Jahres von einem Mitarbeiter des Präsidenten in Damaskus an einen Gewährsmann einer Oppositionsgruppe gelangt. Die Email-Adressen „sam@alshahba.com“ und „ak@alshahba.com“ seien dann im Juni von zwei syrischen Geschäftsleuten in einem arabischen Golfstaat empfangen worden, die zur syrischen Opposition gestoßen waren. Diese beiden begannen, den E-Mail-Verkehr auf den angegebenen Adressen zu überwachen und zu kopieren. Nach ihren Angaben finden sich im elektronischen Schriftverkehr vom vergangenen Herbst an zunehmend Ratschläge und Hinweise zweier Medienberaterinnen Assads. Die eine, Sheherazad Jaafari, sei die Tochter des syrischen Botschafters bei den Vereinten Nationen; die andere, Hadeel al Ali, sei eine ehemalige syrische Studentin in Amerika.

Beide benutzten im E-Mail-Austausch mit Assad Email-Adressen, die sie auch in elektronischen Kontakten mit Journalisten amerikanischer Medien verwandten. Offenkundig sieht der „Guardian“ in diesem Umstand einen Beleg dafür, dass die E-Mails Assads authentisch sind. Das Blatt gibt an, es habe weitreichende Anstrengungen unternommen, die Echtheit der Mails zu prüfen, indem es darin erwähnte Fakten nachgeprüft und zehn Personen kontaktiert habe, deren Korrespondenz in dem E-Mail-Konvolut vorkomme. In der Zusammenschau kommt der „Guardian“ zu der Mutmaßung, dass Assad ein Netzwerk von Vertrauten und Helfern nutze, das per Email direkt mit ihm kommuniziere - unter Umgehung seines Familienclans und des syrischen Sicherheitsapparates.

Außerdem zeige sich in den E-Mails, dass sich Assad selber lustig mache über die politischen und Verfassungsreformen, die er öffentlich zur Lösung der Krise eingeführt hatte. Schließlich ergebe sich aus dem Schriftverkehr, dass Assad die weitreichenden amerikanischen Sanktionen gegen ihn umgehe, indem er dritte Personen nutze, um beispielsweise Musiktitel von einer elektronischen Musikdatenbank einzukaufen. Es zeige sich, dass eine in Dubai angesiedelte Firma, al-Shahba, eine Schlüsselrolle spiele in der Beschaffung sanktionierter Waren für die syrische Regierung und für die privaten Einkäufe der Präsidentengattin. Der Guardian berichtet auch, dass Assad selber den Kauf von Kerzen, Kandelabern und Esstischen im Wert von mehr als 12.000 Euro in Paris anordnete und einen Mitarbeiter anwies, bei einem Elektronikversand ein Fondue-Set zu bestellen.

Gefechte in Damaskus

Am Donnerstagmorgen wurden unterdessen aus drei Stadtteilen der Hauptstadt Damaskus Gefechte zwischen den Regierungstruppen und oppositionellen Kämpfern gemeldet.

Der Nachrichtensender Al Dschasira veröffentlichte ein Video, in dem bewaffnete Oppositionelle aus der Ortschaft Duma die Freilassung aller Gefangenen aus Duma fordern. Die Bewaffneten drohten, einen angeblich von ihnen gefangen genommenen General der Armee zu töten, falls diese Forderung nicht binnen 72 Stunden erfüllt werden sollte.

Saudi-Arabien schließt Botschaft in Syrien

Saudi-Arabien hat unterdessen seine Botschaft in Damaskus geschlossen. Alle Diplomaten und das Belegschaftspersonal seien aus Syrien abgezogen worden, meldete die amtliche saudische Presseagentur am Mittwochabend. Das saudische Königreich ist im arabischen Raum einer der führenden Unterstützer der syrischen Rebellen und hat internationale Bemühungen gefordert, um nach Wegen für Hilfs- und Waffenlieferungen an die Assad-Gegner zu suchen.

Saudi-Arabien ist zugleich großer Rivale Irans, des wichtigsten Verbündeten von Assad. Im vergangenen Monat hatte der Golfkooperationsrat (GCC) den Abzug aller Botschafter von Ländern der Arabischen Liga aus Damaskus vorgeschlagen. Dem GCC gehören neben Saudi-Arabien auch Kuwait, Bahrain, Qatar, der Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate an.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Unter der Sonne Berlins

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Manchmal reiben sich die Deutschen an Amerika. Trotzdem haben sie Obama nicht aus dem Herzen verstoßen. Er ist noch immer „ihr“ Präsident und Idol. Mehr 19 5