http://www.faz.net/-gpf-6vk03

Syrien : Nächte von Hama

  • -Aktualisiert am

Eine Garage als geheimes Feldlazarett: Im Regal stehen der Koran und Infusionslösung Bild: Eduard Moser

Das Militär schaltet den Strom ab, die Demonstranten bringen Fackeln mit: Junge Revolutionäre kämpfen gegen Assads Milizen. Sie haben Angst - aber geben nicht auf.

          Manhal tanzt. Er wollte ihn nicht, diesen Tanz, aber er bricht trotzdem aus ihm heraus, als ob es etwas Größeres gibt, was seine Füße durch die Pfützen lenkt, in der Nacht seines Aufstands. Die ihn sehen, staunen, weil Manhal gefoltert wurde, weil er verfolgt wird, weil er sich geschworen hat, nie wieder zu tanzen, nicht hier, in Hama, in diesem Viertel, in dieser Gasse, aus der er fliehen muss, in vier Minuten, vor den Schüssen der Milizen, die sie Geister nennen.

          Manhal hat vorher die Straßen abgefahren, auf der Suche nach ihnen, damit er weiß, aus welcher Richtung sie diesmal kommen. Denn es ist sicher, dass sie kommen, weil sie immer kommen, weil immer einer redet. Er hat das Viertel bei der Moschee umrundet, wo die Demonstration stattfinden soll. Die Straßen klären, so nannte er es im Auto, mit einer Ruhe in seiner Stimme, als ob er Wurfsendungen verteilt.

          Und tatsächlich standen sie dort unten, mit ihren Gewehren, bei den Checkpoints und schauten zu ihm hoch, wartend. Etwa 40 hatten sie schon festgenommen heute, vorsorglich. Die Straßen waren sonst leer, alle lauschten hinter den Vorhängen, was noch kommt heute Abend, bis auf die Kinder, die so tun, als führen sie aus Langeweile Rad, immer im Kreis, und die doch Schmiere stehen in der Dunkelheit für Manhal und die anderen, wenn er nicht mehr aufpassen kann.

          Seine Mutter beschimpft ihn am Computer

          Das Militär hat wieder den Strom abgeschaltet, weil sie wissen, dass sie demonstrieren werden. Und die Demonstranten haben Fackeln mitgebracht, weil sie wussten, dass das Militär den Strom abschaltet. Beide Seiten sind Routiniers geworden in diesem Krieg.

          Es passt zu den Soldaten und es passt zu den Milizen, aber es passt nicht zu Manhal, diesem jungen, schlaksigen Mann mit der hohen Stimme, der abends in grauer Strumpfhose Thomas Hardy und Joseph Conrad zitiert, der davon träumt in Cambridge zu studieren, über den kurzgeschnittenen Rasen des Trinity College zu wandern, und sich danach mit einem dieser hölzernen Kähne den grünen Fluss entlangtreiben zu lassen.

          Und der jetzt seit sechs Monaten mit fünf schnarchenden Männern in wechselnden Wohnungen auf einer Schaumstoffmatratze schläft, sich von gespendetem Kichererbsenmus ernährt, vor verhangenen Fenstern auf die Schreie draußen hört und seinen Eltern sagt, er könne nicht nach Hause kommen, er habe in letzter Zeit viel zu tun.

          Seine Mutter erreicht ihn manchmal über Skype. Dann beschimpft sie ihn oder schmeichelt ihm, Hauptsache, er gehe nicht mehr raus, er habe doch schon seinen Teil getan. Sie sagt es nicht so, weil sie sich in den Jahren unter dem Regime von Baschar al Assad eine Vogelsprache angewöhnt haben und in Codes reden, in Andeutungen, zwischen den Zeilen, weil alle immer Angst haben, dass einer zuhört.

          Sie sagt: „Du bist wieder bei dem Mädchen gesehen worden. Ihre Brüder sind sehr sauer.“ Dann lacht Manhal, weil er weiß, dass es kein Mädchen gibt, dass er überhaupt keine Zeit für Mädchen hat und gerade auch kein rechtes Interesse, und dass sie mit dem Mädchen die Demonstration meint. Und wenn sie ihn auffordert, nicht zu gehen, dann antwortet er: „Inschallah.“

          Weitere Themen

          Auf Tuchfühlung mit Haien Video-Seite öffnen

          Gefährliche Fotografie : Auf Tuchfühlung mit Haien

          Er gilt als Haiflüsterer. Dabei hatte Jean-Marie Ghislain sein Leben lang Angst vor dem Meer. Der Belgier stellte sich seiner Angst, lernte Tauchen und schafft faszinierende Aufnahmen von Haien, Walen und Delfinen.

          Topmeldungen

          Jamaika-Sondierung : Zwölf Themen, sie zu binden

          Jetzt wird es ernst: Am Nachmittag beginnen die Jamaika-Sondierungen in großer Runde, mit allen Parteien. Die zentralen Punkte für eine Einigung sind identifiziert – von den Bäumen runter sind die Unterhändler deshalb aber noch lange nicht.

          Chinas Präsident Xi Jinping : Der Große Vorsitzende

          Nur Wirtschaftsmacht war gestern. Jetzt will Chinas Präsident Xi Jinping das Land zur Weltmacht führen. In Chinas KP herrscht ein Klima der Angst.

          TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Wo ist die Mitte?

          Gestern Abend wurde deutlich, was FDP, Grünen und CSU bisher bei ihren Sondierungsgesprächen noch fehlt: Eine verbindende Idee. Die CDU kommt bekanntlich schon länger ohne Ideen aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.