Home
http://www.faz.net/-gq5-6xl1x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Syrien Hochburgen des Widerstands

10.02.2012 ·  In den syrischen Städten Homs und Hama wird derzeit am heftigsten gekämpft. Schon immer gab es dort Aversionen gegen das Assad-Regime der schiitischen Alawiten. Es gilt in den Augen der Sunniten als ketzerisch.

Von Wolfgang Günter Lerch
Artikel Bilder (2) Interaktiv (1) Lesermeinungen (1)

In diesen Tagen ist Homs die am meisten umkämpfte Stadt in Syrien, offenbar wird um den Besitz einzelner Stadtviertel gerungen. Die syrische Armee setzt Panzer und schwere Waffen ein. Mit etwa einer Million Einwohnern ist sie nach der Hauptstadt Damaskus und dem im Norden des Landes gelegenen Aleppo die drittgrößte Stadt des Landes. Ihre Lage am Fluß Nahr al Asi, dem antiken Orontes, der nach dem Euphrat die zweite große Lebensader Syriens darstellt, macht sie besonders wichtig. Darüber hinaus ist die Provinzhauptstadt Homs, die bisweilen auch mit Hims oder Hums transkribiert wird, eine der ältesten Städte der Region überhaupt, die bereits in der Antike unter dem Namen Emesa bekannt war.

In römischer Zeit waren die Bewohner Vasallen des Kaisers in Rom, bis zur Eroberung durch die Muslime im Jahre 637 nach Christus gehörte die Stadt zum Byzantinischen Reich; früh hatte das Christentum gerade in den Seitentälern des Orontes Fuß gefasst und bedeutende Gelehrte wie den Bischof Eusebius von Emesa hervorgebracht. Auch die heute hauptsächlich im Libanon ansässigen Maroniten gehen auf Gemeinden aus dem Gebiet des Orontes zurück. Die Mariengürtel-Kirche in Homs ist eines der ältesten christlichen Gotteshäuser im Nahen Osten.

Die Hauptmoschee der Stadt ist nach Chalid Ibn al Walid benannt, dem ersten bedeutenden Feldherrn der Muslime, der die Stadt einnahm, ohne allerdings auf großen Widerstand zu stoßen. Chalid, der in Homs auch begraben ist, führt den Beinamen „Saif Allah“ - Schwert Gottes. In islamischer Zeit erlebte Homs unter Saif al Daula, dem Fürsten von Aleppo, Mitte des 10. Jahrhunderts eine neue Blüte. Saif al Daula war ein kunstsinniger Herrscher, der Denker und Dichter an seinen Musenhof zog, so den berühmten Poeten al Mutanabbi, den die arabische Welt bis heute als einen ihrer größten Dichter verehrt.

Kurze Zeit danach mussten sich die Bewohner von Homs mit den christlichen Kreuzrittern auseinandersetzen, die unweit der Stadt mit dem Crac des Chevaliers die größte Kreuzfahrerburg im Nahen Osten erbauten. Den Christen gelang es freilich nie, Homs einzunehmen; dort verschanzten sich vielmehr die muslimischen Kräfte und kämpften erbittert gegen die christlichen Ritter. Bis heute ist diese Burg aus bewegter Zeit hervorragend erhalten geblieben und eine Touristenattraktion ersten Ranges.

Im Jahre 1516 wurde die Stadt, wie ganz Syrien, Teil des Osmanischen Reiches und blieb es bis zu dessen Untergang im Ersten Weltkrieg. Im von Frankreich unabhängig gewordenen Syrien nach 1946 entwickelte sich Homs rasch zu einer modernen Stadt, in der vor allem die Textilindustrie ausgebaut wurde. In diesem Zentrum des sunnitischen Islams gab es immer - wie auch im nicht weit entfernten Hama - Aversionen gegen das Assad-Regime der heterodox schiitischen Alawiten, das in den Augen des sunnitischen Mehrheits-Islams ketzerisch ist. Homs ist gegenwärtig eines der Zentren des Aufstandes gegen Baschar al Assad, doch es wird auch von Übergriffen fanatisierter Muslime auf Christen berichtet.

Das ebenfalls am Orontes gelegene Hama, das oft als die „Schwesterstadt“ von Homs bezeichnet wird, obwohl es mit Letzterem konkurriert, hat nur halb so viele Einwohner wie Homs, knapp 500.000. Hamas Bevölkerung gilt traditionell als besonders islamisch-konservativ, als Hort der sunnitischen Orthodoxie. Die Geschichte der Stadt reicht ebenfalls weit in vorchristliche Zeiten, in den Anfängen wohl bis in das 6. Jahrtausend zurück. Ihr griechischer Name war Epiphaneia; in der Bibel erscheint sie unter dem Namen Hamath oder Emath.

Im 19. Jahrhundert entdeckten und beschrieben zwei amerikanische Orient -reisende die sogenannten Hamath-Steine in ihrer Umgebung, die Inschriften in einer bis dahin völlig unbekannten Hieroglyphen-Schrift aufwiesen. Diese Entdeckung war Ausgangspunkt für die Entschlüsselung der hethitischen Schrift, Sprache, Kultur und Geschichte, die in Syrien - nach dem Ende des Hethitischen Großreichs in Anatolien - ihre letzte Blüte erlebt hatten, als Hama offenbar Zentrum eines aramäisch-hethitisch geprägten Fürstentums war.

Hama geriet in den Schatten von Homs

In muslimischer Zeit lebte die Stadt von Landwirtschaft und Handwerk, die Kreuzfahrer konnten sie im Gefolge des Ersten Kreuzzugs im Jahre 1108 unter Tankred von Tiberias einnehmen und einige Jahre halten. Wenig später wurde sie von Sultan Saladin erobert, der von Ägypten aus auch über Teile Syriens herrschte. Vor allem nach der Eroberung Syrien durch die Osmanen geriet Hama mehr und mehr in den Schatten von Homs. Bekannt als Anziehungspunkte für Touristen waren die historische Altstadt sowie die Norias, riesige hölzerne Wasserräder, von denen es früher eine große Zahl gab und die einst der Bewässerung dienten.

Vor dreißig Jahren geriet Hama in die Schlagzeilen der Weltpresse, als die Muslimbrüder dort einen Aufstand gegen das Regime von Hafiz al Assad, dem Vater des heutigen Präsidenten, unternahmen, der vom damaligen Verteidigungsminister Mustafa al Tlass blutig niedergeschlagen wurde. Die Führer der syrischen Muslimbrüder, wie Adnan Saadeddin, lebten zu jener Zeit bereits im Exil im Irak und in Jordanien. Die syrischen Truppen machten damals Teile der Altstadt platt, so dass von der früheren Pracht nur noch wenig übrig ist. Schätzungen sprechen von 20.000 Todesopfern in Hama, die Zahl könnte jedoch noch höher liegen. Der Aufstand von 1982 griff nicht auf andere Städte über. Das brutale Vorgehen des Regimes führte dazu, dass islamistische Kräfte lange Zeit in Syrien in den Hintergrund gedrängt waren. Freilich war auch in Syrien in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Erstarken dezidiert islamischer Elemente zu beobachten, und Teile der Sunniten hatten innerlich niemals Frieden mit dem Alawiten-Regime des Assads gemacht. Andere arrangierten sich mit ihm - nicht ohne davon zu profitieren.

Die Alawiten machen etwa zehn Prozent der 22 Millionen Syrer aus, während sich 77 Prozent von ihnen zum sunnitischen Islam bekennen. Etwa zehn Prozent gehören christlichen Konfessionen an. Die Alawiten sind lange Zeit benachteiligt worden und konnten früher fast nur in der Armee Karriere machen. Über die Armee kamen denn auch die alawitischen Assads 1970 an die Macht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2 3