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Syrien : Erdogans Angst vor einem neuen Quasistaat

Massud Barzani, Präsident der autonomen kurdischen Region im Irak Bild: dapd

Die Kurden in Syrien haben schon die Kontrolle über Gebiete im Nordosten des Landes übernommen. Die Regierung in Ankara blickt mit zunehmender Sorge auf die Entwicklungen jenseits der Grenze - und droht.

          Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat in dieser Woche ein Aufsehen erregendes Interview gegeben. In einem Gespräch mit einem türkischen Fernsehsender drohte er, dass die Türkei militärisch in die Kämpfe in Syrien eingreifen könne, um zu verhindern, dass sich im türkisch-syrischen Grenzgebiet ein Quasistaat unter Kontrolle der kurdischen Terrororganisation PKK bilde. Aus Erdogans Äußerungen wird die schwierige Lage deutlich, in der sich die Türkei angesichts der Erosion des Assad-Regimes befindet.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          So setzt Ankara nach anfänglichem Zögern inzwischen zwar ganz auf einen Sieg der Assad-Gegner und hat nicht nur rhetorisch die Brücken zum einstigen Lieblingspartner abgebrochen. Andererseits hätte die Demokratisierung Syriens auch ein Erstarken der seit Jahrzehnten kujonierten kurdischen Volksgruppe in dem Nachbarstaat zur Folge - und das bliebe nicht ohne Rückwirkungen für die Kurden in der Türkei.

          „Wir wollen kein geteiltes Syrien“

          Im Mittelpunkt der türkischen Befürchtungen steht der Machtzuwachs der Partei der Demokratischen Union (PYD), des syrischen Ablegers der PKK. Erdogan redete auch nicht um die Sache herum: Eine Kooperation zwischen den Terrororganisationen PKK und PYD in Nordsyrien werde die Türkei nicht hinnehmen, sagte der Ministerpräsident und drohte mit Militärschlägen, wie sie die Türkei seit Jahren gegen PKK-Stellungen im Nordirak führt. Die Türkei habe „jedes Recht“ dazu. Das syrische Regime habe sich bewusst aus dem Norden des Landes zurückgezogen und der PYD das Feld überlassen. „Wir wissen, dass diese Ereignisse gegen uns gerichtet sind, und wir werden auf jeden Fall darauf reagieren“, sagte Erdogan.

          Auf die Nachfrage, ob solche Aussagen auf eine mögliche Intervention der Türkei hindeuten, antwortete er sinngemäß, daran könne es keinen Zweifel geben. „Das ist es, was getan werden muss. (...) Wir wollen kein geteiltes Syrien.“ Die Türkei wolle keine zweite regionale Autonomie für die Kurden, wie sie im Irak schon existiert, lautet die Botschaft. Denn aus zwei kurdischen Quasistaaten könnte eines Tages ein echter werden, was wiederum die kurdisch dominierten türkischen Grenzprovinzen in Südostanatolien nicht kalt ließe.

          Abdelbaset Sieda

          Dass die Entwicklungen in den kurdisch dominierten Gebieten der Region nicht isoliert voneinander betrachtet werden können, wurde schon nach dem Sturz Saddam Husseins und der Entstehung der kurdischen Autonomie im Nordirak deutlich. Ermutigt von den Ereignissen im Nachbarland, begannen auch die syrischen Kurden immer häufiger aufzubegehren. Schon Anfang 2004, als Assad noch mit eiserner Hand das gesamte Land kontrollierte, kam es im Norden Syriens immer wieder zu Protesten, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Oft war die syrische Grenzstadt Qamischli, die größte kurdisch besiedelte Stadt des Landes, Ausgangspunkt der Unruhen. Kurden, die größte nicht-arabische Bevölkerungsgruppe des Landes, stellen knapp zehn Prozent der Einwohner Syriens, ungefähr 1,7 Millionen. Es gibt große kurdische Bevölkerungsgruppen in Damaskus und Aleppo, aber die meisten Kurden leben in Syriens nördlichen und östlichen Grenzgebieten.

          Die Türkei setzt bei der Unterstützung der Opposition gegen Assad auf den Syrischen Nationalrat, dessen Vorsitzender Abdelbaset Sieda ein syrischer Kurde ist und die Unterstützung der Türkei genießt. Erdogan bezeichnet Sieda als einen „kurdischen Bruder“. Doch Sieda genießt unter den syrischen Kurden nur geringen Rückhalt - nicht zuletzt, weil er von der Türkei gefördert wird. Die stärkste Gruppe innerhalb des Syrischen Nationalrats sind die Muslimbrüder. Eine kurdische Partei ist hingegen nicht in dem Dachverband vertreten, weil die syrischen Kurden ihn als zu stark von der Türkei dominiert ansehen, der sie wegen ihrer Kurdenpolitik skeptisch gegenüberstehen. Dass von führenden Kräften des Nationalrats immer wieder gesagt wird, kurdische Autonomieansprüche in Syrien stünden nicht zur Debatte, da man ein „einheitliches Syrien“ anstrebe, trägt zu dieser Skepsis bei.

          Kämpfer sollen „kurdische Territorien“ verteidigen

          Die syrischen Kurden haben sich parallel zum Rest der Opposition organisiert. Dominierende Kräfte sind hier der „Kurdische Nationalkongress“ und die PYD, also die PKK. Der Kurdische Nationalkongress ist ein Zusammenschluss aus mehr als einem Dutzend zum Teil sehr kleiner Parteien. Die von Ankara abgelehnte Gruppe formierte sich in Erbil, der Hauptstadt der Region Irakisch-Kurdistan. Die Schirmherrschaft bei der Gründung im Oktober 2011 übernahm Masud Barzani, der Präsident der Region. Barzani bestätigte vor wenigen Tagen gegenüber dem Fernsehsender Al Dschazira erstmals, dass im Nordirak Kurden aus Syrien militärisch ausgebildet werden.

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