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Susanne Osthoff „Sie hat keine Fehler gemacht“

29.01.2006 ·  Rolfeckhard Giermann war für die DDR als Diplomat in Bagdad. Heute berät er Firmen, die ein Engagement im Irak planen. Mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprach er über Susanne Osthoff und die Entführung von Europäern.

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Rolfeckhard Giermann war für die DDR als Diplomat in Bagdad. Heute berät er Firmen, die ein Engagement im Irak planen. Mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprach er über Susanne Osthoff und die Entführung von Europäern.

Rolfeckhard Giermann, ist es für jemanden mit Ihrer Erfahrung völlig gefahrlos, sich im Irak zu bewegen?

Das nicht, aber die Gefahren lassen sich minimieren, wenn man Regeln beachtet. Solange ich das tue, befinde ich mich in größerer Sicherheit als jemand, der Leibwächter hat.

Wie machen Sie das?

Man sollte weder durch sein Aussehen noch durch das Verhalten gleich als Westeuropäer auffallen. Es ist beispielsweise unklug, mit drei, vier Männern, die noch dazu nicht wie Einheimische aussehen, in einem Auto herumzufahren. Da fällt man gleich auf. Ich fahre meistens allein. Zudem informiere ich Freunde darüber, wo ich wann bin. Die haben ein Auge auf mich.

Freunde bei der örtlichen Polizei, der Verwaltung?

Nein, nie arbeite ich dabei mit der Polizei oder der Verwaltung zusammen. Das sind immer persönliche Freunde.

Wie oft sind Sie im Irak?

Ich war das letzte Mal von Mitte September bis Anfang November unten. Ich hatte eigentlich die Absicht, am 10. Januar wieder zu fahren. Diese Reise habe ich aber auf den März verschoben.

Aus Sicherheitsgründen?

Das hat auch etwas mit Sicherheitsgründen zu tun. Denn der Mann, bei dem ich meistens wohne, der Vorsitzende der Irakisch-Deutschen Gesellschaft, ist eine Woche vor Susanne Osthoff entführt worden und bis heute spurlos verschwunden.

Sie kennen Susanne Osthoff?

Ich kenne sie gut. Ich war im Oktober mit ihr unterwegs im Irak. Nachdem sie und mein Bekannter von der Irakisch-Deutschen Gesellschaft entführt worden waren, bin auch ich vorsichtig geworden. Man muß es ja nicht übertreiben.

Hat Frau Osthoff etwas falsch gemacht?

Prinzipiell hat sie nichts falsch gemacht. Es ist etwas passiert, das sie nicht voraussehen konnte. Sie hatte bei einer Person, der sie vertrauen konnte, die auch ich gut kenne, ein Taxi bestellt. Das hat jemand ausspioniert, der Fahrer wurde auf dem Weg zu Frau Osthoff ausgewechselt, ich weiß nicht genau wie. Dann wurde sie entführt. Da sind viele Zufälle zusammengekommen.

Ist etwas dran an den Vorwürfen, Frau Osthoff habe für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet?

Ich weiß, daß sie nie mit dem BND zusammengearbeitet hat oder mit irgendeinem anderen Geheimdienst. Das hat einen ganz einfachen Grund: Sie ist in der Seele Irakerin, Muslimin. Sie lebt sehr viel mit Menschen dieser Region zusammen und würde nie so leichtsinnig sein, dieses Zusammenleben, das sie fortführen will, zu gefährden.

Und der Vorwurf, sie habe an ihrer eigenen Entführung mitgewirkt, Teile vom Lösegeld erhalten?

Es hat sich ja glücklicherweise in der Zwischenzeit aufgeklärt, daß dieser ungeheuerliche Vorwurf unbegründet ist. Als sie wieder frei war, hat sie die deutsche Botschaft darüber informiert, daß sie das Geld, das ihr bei der Entführung weggenommen worden war, wiederbekommen habe. Teile davon stammten aus dem Geld, das für ihre Freilassung gezahlt wurde.

Es wurde also Lösegeld bezahlt?

Ich finde den Begriff Lösegeld grundsätzlich falsch. Es gibt eine regelrechte Entführungsindustrie im Irak. Im Fall von Frau Osthoff war es wie in anderen Fällen auch: Jemand wird entführt, wird gegen Geld in die Hände eines anderen übergeben, der Vorgang wiederholt sich. Und der letzte, der dann sagt, ich gebe sie frei, der hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder muß er das, was er eine Woche vorher bezahlt hat, als Verlust abbuchen, oder er fordert seine - ich sage es mal so - Aufwandsentschädigung zurück. Das trifft die Sache eher als das Wort Lösegeld. Man ist in Arabien und nicht in Deutschland. Der Entführer hat etwas falsch gemacht, derjenige, der den Entführten wieder freigibt, hat richtig gehandelt.

Was Sie schildern, ist der normale Ablauf einer Entführung?

Nein, in 90 oder 95 Prozent aller Fälle, in denen Iraker oder auch Ausländer entführt werden, geht es wirklich von Anfang an um das Erpressen von Lösegeld. Im Fall Susanne Osthoff bin ich in der Zwischenzeit aufgrund vieler Informationen absolut sicher, daß dort ein dummer Mensch einen Mißgriff getan hat, der dann hinterher mit Schwierigkeiten wieder ausgebügelt werden konnte.

Verhält sich der deutsche Staat in solchen und anderen Entführungsfällen richtig?

In den meisten Fällen tut er das. Diejenigen, die sich prinzipiell falsch verhalten, insbesondere im Moment, sind die Medien in Deutschland. Sie schaden dem Land, wie es schlimmer nicht geht.

Inwiefern?

Deutschland genießt im Irak einen ausgezeichneten Ruf. Falsche Berichte über die Zusammenarbeit hier lebender Deutscher mit dem BND schaden diesem Ansehen. Daß auch Deutschland irgendwelche Geheimdienstmitarbeiter im Irak hat, weiß hier jeder, das wird aber nicht als Problem angesehen.

Wie viele Deutsche halten sich Ihrer Kenntnis nach im Moment im Irak auf?

Eine lächerlich kleine Zahl.

Zweistellig?

Maximal.

Kennen sich alle so gut aus wie Sie?

Die paar wenigen, die wir sind, sind seit vielen Jahren dort und kennen sich exzellent aus. Wer das nicht tut, ist fehl am Platz. Ich empfehle im Moment niemandem, in den Irak zu fahren, außer in den kurdischen Norden, wo es sicher ist. In den Rest des Iraks sollte niemand reisen, der dort nicht sehr stark verwurzelt ist und über engste Kontakte zu Irakern verfügt.

Was empfehlen Sie Unternehmen, die dort Geld verdienen wollen?

Drei Wege sind möglich: Erstens gibt es viele gut ausgebildete irakische Fachkräfte, die im Land für deutsche Unternehmen arbeiten. Zweitens kann man sich mit jemandem verständigen, der auf eigenes Risiko und mit eigenen Beziehungen dort unten arbeitet, wie ich es tue. Ich vertrete etwa 30 mittelständische deutsche Unternehmen im Irak, helfe bei Geschäftsanbahnungen und -abwicklungen. Der dritte Weg, im Moment der allerbeste, ist ein Engagement im sicheren kurdischen Norden des Landes.

Hat die sächsische Firma Cryotec mit der Entsendung ihrer - jetzt entführten - Mitarbeiter in den Irak verantwortlich gehandelt?

Nicht im mindesten. Die Mitarbeiter wurden völlig unzureichend vorbereitet - man kann schon sagen - an die Front geschickt. Jeder hätte wissen müssen, daß Baidschi mit der gefährlichste Ort im ganzen Irak ist. Ich selbst fahre dort seit eineinhalb Jahren nicht mehr hin.

Kennen Sie vergleichbare Fälle?

Nein, das ist der erste Fall, den ich kenne, in dem Mitarbeiter so ins Feuer geschickt worden sind.

Die Fragen stellte Eckart Lohse.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.01.2006
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