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Susanne Osthoff ist frei Sehnsucht nach der Wüste

20.12.2005 ·  Susanne Osthoff sei in guter Verfassung, könne „aber keine klaren Gedanken fassen“, heißt es bei der Deutschen Botschaft in Bagdad kurz nach ihrer Freilassung. Über das Ende des Geiseldramas um die Archäologin berichtet Birgit Svensson.

Von Birgit Svensson, Amman
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Susanne Osthoff braucht Ruhe. Drei Wochen Nervenkrieg liegen hinter ihr. Nicht zu wissen, was mit einem geschieht, Menschen ausgeliefert zu sein, die willkürlich darüber bestimmen, ob man überlebt: Das geht auch an einer Frau nicht spurlos vorüber, die wagemutig bis tollkühn ist und - wie sie selbst von sich sagt - keine Angst kennt.

Die Kamerateams vor der deutschen Botschaft in Bagdad mußten am Montag ohne ein Bild von der deutschen Archäologin wieder abziehen. Das Botschaftspersonal schirmte sie ab. Sie müsse selbst entscheiden, was sie sagen und mit wem sie sprechen wolle, hieß es dazu kurz. Am ersten Tag nach ihrer Freilassung, so war aus der Botschaft zu hören, konnte Susanne Osthoff keinen klaren Gedanken fassen. Das Auswärtige Amt kleidete das in die Worte, vorerst reise Frau Osthoff nicht nach Deutschland und wolle ein paar Tage Ruhe im Ausland haben.

In der Obhut der deutschen Botschaft

Am 25. November war die 43 Jahre alte Ärchäologin mit ihrem irakischen Fahrer von Bagdad in den Norden des Landes aufgebrochen und auf dem Weg dorthin entführt worden. 24 Tage saßen beide in Geiselhaft. Am Sonntagnachmittag wurden sie frei gelassen. Während der Fahrer Chalid al-Schimani sofort zu seiner Familie nach Hause wollte, begab sich Susanne Osthoff in die Obhut der deutschen Botschaft in Bagdad.

Der Gebäudekomplex liegt im Stadtviertel Mansour, in dem viele Botschaften, Vertretungen ausländischer Firmen, aber auch ganz normale Wohnhäuser zu finden sind. Es grenzt an die schwer bewachte Grüne Zone, in der die amerikanische, britische und Botschaften der Länder ihren Sitz haben, die an der Kriegsallianz gegen Irak beteiligt waren und deshalb besonders gefährdet sind. Auch die drei irakischen Übergangsregierungen haben dort ihre Gebäude. Das Parlament tagt ebenfalls in der Grünen Zone.

Die Botschaft der Deutschen umfaßt mittlerweile sieben Gebäude. Ein nagelneues, in dem das Büro des Botschafters und weiterer Diplomaten untergebracht sind, wurde erst am 3. Oktober offiziell eingeweiht. Auch Susanne Osthoff war damals zu Gast und bestaunte die von einem irakischen Architekten gebauten hohen, fast monumental anmutenden Räume. Im Bau befindet sich derzeit noch die Residenz des Botschafters. Ein entkerntes, altes Haus ist alles, was momentan zu sehen ist.

Nur ein Hauch von Normalität

Die Frau aus Bayern dürfte im Gästehaus untergebracht worden sein, das derzeit noch die Privaträume der in Bagdad arbeitenden deutschen Diplomaten beherbergt. Die besondere Situation, in der jeder in Bagdad lebt, ist auch hier sofort augenscheinlich. Sandsäcke versperren die Sicht aus den Fenstern, massige Eisentore sichern den Eingang, Stacheldraht und Betonpoller umgeben das Haus.

Nur der kleine Swimmingpool mit den ihn umgebenden Pflanzen und Sträuchern vermittelt einen Hauch von Normalität. Der Terror und die immer währende Bedrohung hat Bagdad zu einem Pflaster von unzähligen individuellen Gefängnissen werden lassen.

Wie besessen kämpfte Susanne Osthoff um den Erhalt der Karawanserei in der nordirakischen Stadt Mossul. Das alte Handelshaus aus dem 18. Jahrhundert ist in der Zeit der ottomanischen Herrschaft entstanden und unter dem Saddam-Regime völlig zerfallen. 40.000 Euro hat das Auswärtige Amt für die Restaurierung und Renovierung zur Verfügung gestellt. Zu wenig, um das „Juwel“, wie die Archäologin sagte, ganz zu erhalten. Stolz zeigte sie Journalisten Bilder und erklärte enthusiastisch ihr Vorhaben. Dadurch wollte sie Aufmerksamkeit wecken, um die Finanzierung der Arbeiten voranzubringen.

Zunächst galt es, das Haus vor dem Wintereinbruch zu schützen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sie einen Bauunternehmer gefunden, dem sie vertraute und der das Projekt vorantrieb. Susanne Osthoff machte sich an jenem Freitag auf den Weg in den Nordirak. Wo genau sie angehalten und verschleppt wurde, wohin sie gebracht wurde, gar vielleicht zurück in die Hauptstadt nach Bagdad, das sind Fragen, die sie den Untersuchungsbeamten des Bundeskriminalamts beantworten soll.

Unterstüzung von sunnitischen Geistlichen

Auch zwei Wochen nach dem Auftauchen eines Videos gab es keinen Kontakt zu den Entführern, obwohl die deutsche Botschaft in Bagdad alles Erdenkliche tat, um ihre guten Beziehungen zu allen Kräften des Landes zu nutzen. Botschafter Bernd Erbel sprach beim Sunnitischen Hohen Rat der Religionsgelehrten vor, der wichtige Kontakte zu irakischen Aufständischen besitzt, in deren Reihen man auch ehemalige hochrangige Armeeangehörige und Saddam-Loyalisten findet.

Die sunnitischen Geistlichen verfaßten einen Aufruf und baten um die Freilassung der Deutschen. Unzählige Hinweise gingen bei dem Diplomaten in Bagdad ein. Über den Aufenthaltsort der beiden Geiseln gab es aber nur Widersprüche. Schließlich schalteten sich auch Übergangspräsident Tschalal Talabani und Vizepräsident Ghasi al-Jawar in die Suche nach Susanne Osthoff und ihren Fahrer ein.

Stillschweigen bis zum Ende des Geiseldramas

Vor allem al-Jawar werden Erfolge bei der Vermittlung nachgesagt. Als einflußreicher, sunnitischer Scheich gehört er demselben Stamm an wie Susanne Osthoffs ehemalige Schwiegerfamilie. In den Entführungsfall kam Bewegung. Über Mittelsmänner gab es erste Kontakte der Entführer zur Botschaft in Bagdad und zum Krisenstab in Berlin. Letzten Freitag verdichteten sich die Hinweise auf das nahende Ende des Geiseldramas. Um nicht in letzter Minute noch die Freilassung der Deutschen und ihres Fahrers zu gefährden, wurde Stillschweigen vereinbart. Am Sonntagnachmittag war es dann soweit: Susanne Osthoff und Chalid al-Schimani waren auf dem Weg in die Freiheit.

Ob die Freilassung der beiden einzig auf den unschätzbaren Einfluß der Vermittler zurückzuführen ist oder ob Susanne Osthoff selbst in ihrem perfekten Arabisch den Entführern klarmachen konnte, daß sie nicht die Spionin ist, für die man sie eingangs angeblich hielt? Waren Lösegeld oder andere Zusagen ausschlaggebend?

Unversehrt und wohlauf

Susanne Osthoff selbst wird nur über ihre Entführer verläßlich Auskunft geben können. Spekulationen, wonach diese einer bestimmten Mudjaheddin-Gruppe angehörten, wurden postwendend dementiert. Ein politischer Hintergrund ist ohnehin unwahrscheinlich. Die Entführung trug weder die Handschrift des Terroristen Abu Mussab al Zarqawi, noch einer anderen ihm nahestehenden Gruppe. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Deutsche und ihr Fahrer sunnitischen Aufständischen in die Hände fielen oder rivalisierenden Stämmen, die ihre Waffenkäufe - oder andere „Projekte“ - mit Lösegeld finanzieren. Deutschland gilt im Irak als Schlaraffenland des Wohlstands.

Susanne Osthoff hatte Glück im Unglück. Während andere westliche Geiseln im Irak oft monatelang auf ihre Befreiung warteten, manche nie wieder zurückkehrten, ist die Deutsche unversehrt und wohlauf. Wenn sie sich erholen wolle, gehe sie in die Wüste, sagte sie vor ihrer Entführung auf ihre Faible angesprochen. Zwei Monate verbrachte sie „zwangsweise“ im Sommer in Deutschland, nachdem sie in Mossul bedroht worden war. Diese zwei Monate hätten ihr gezeigt, sagte sie nach ihrer Rückkehr, daß ihr Platz im Irak sei. Nicht einmal die Reaktionen der Menschen in Deutschland, ihre Freilassung sei ein gutes Geschenk zu Weihnachten, dürfte sie teilen. Susanne Osthoff ist Muslima. Das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan liegt ihr näher.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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