Der Gärtner lässt sich nicht entmutigen. Verbissen harkt er die Blumenbeete, deren Erde die sengende Sonne gerade steinhart zusammengebacken hat. Bis der nächste Wolkenbruch die Mühen seiner schweißtreibenden Arbeit fortschwemmt. Wenigstens ein erfreulicher Anblick soll sich den Ministern der südsudanesischen Regierung auf dem Weg zu ihren Büros bieten. Sie sind in frisch geweißelten Containern untergebracht, denn die meisten Ministerien haben die Bauarbeiter übernommen. Das Regierungsviertel von Juba ist eine Großbaustelle - eine der wenigen in der Hauptstadt Südsudans.
Hinter dem Zaun um Container und Regierungsgebäude endet der „Neue Sudan“, den Politiker dem Süden nach dem Friedensschluss vor zweieinhalb Jahren versprochen haben: In Hütten aus Stroh und Lehm suchen Menschen und Tiere Unterschlupf, während neue Gewitter die ungeteerten Straßen in Seenlandschaften verwandeln. Weder Strom noch fließendes Wasser gibt es dort, dafür in der Regenzeit umso mehr Stechmücken, die Malaria verbreiten.
„Bisher sind nicht einmal 500 Millionen da“
„Die Leute werden ungeduldig und machen die SPLM dafür verantwortlich“, klagt Barnaba Marial Benjamin in seinem klimatisierten Containerbüro. Er gehört der früheren Rebellenbewegung „Sudan People's Liberation Movement“ (SPLM) an und ist Minister für regionale Kooperation. Im Januar 2005 hat die SPLM in einem Friedensabkommen mit dem Norden den 21 Jahre dauernden Bürgerkrieg beendet. Seitdem kämpfen die Rebellen nicht mehr gegen das muslimisch dominierte Regime im Norden, sondern gegen Löcher in den Straßen, fehlende Latrinen und wachsende Aktenberge.
Schuld daran, dass sie dabei keine Siege mehr wie früher erringen, sind nach Ansicht des Ministers aber nicht er und seine Kabinettskollegen: „4,5 Milliarden Dollar haben die ausländischen Geber für Sudan versprochen, aber bisher sind hier nicht einmal 500 Millionen angekommen. Darfur hat aber schon zwei Milliarden erhalten“, sagt Barnaba Marial Benjamin, der auch für die internationalen Beziehungen Südsudans zuständig ist.
Angst vor dem Vergessenwerden
Nachrichten aus der westsudanesischen Krisenprovinz lassen auch die Menschen im Süden nicht kalt. Ein Blick auf die Schlagzeilen der Zeitungen in Juba zeigt, was sie dabei besonders beschäftigt: „Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verlässt den Süden und geht nach Darfur“, schreibt etwa die Zeitung „The Citizen“. Auch wenn ein vollständiger Abzug nicht bevorsteht, ist das ein weiteres Beispiel für die Angst im Süden, dass die Welt sie angesichts der Gewalt in Darfur vergessen könnte. Viele Hilfsorganisationen haben schon einen Großteil ihrer Aktivitäten in den Westen Sudans verlagert.
Hilfe aus dem Ausland schien für die Menschen im Süden bisher so sicher zu sein wie die Regenzeit. Fast 20 Jahre lang fütterten die UN sie während des Bürgerkriegs mit der Hilfsaktion „Lifeline Sudan“ buchstäblich durch. Noch heute wirft das Welternährungsprogramm einen großen Teil der Lebensmittel aus der Luft ab, zum Teil über Gegenden, die zu den fruchtbarsten Afrikas zählen: Als 2005 Frieden geschlossen wurde, gab es im Süden, der zweimal so groß wie Deutschland ist, keinen Kilometer geteerter Straße. Nach Khartum braucht man mit dem Geländewagen etwa eine Woche. Wer sich das Flugzeug nicht leisten kann, dem bleiben nur die Passagierschiffe auf dem Nil. Sie sind zwei bis drei Wochen unterwegs.
„Einmalige Anlaufinvestitionen“
Landwirtschaft und Straßenbau liegen den früheren Rebellen nicht besonders am Herzen. Etwa 40 Prozent des Staatshaushalts sind nach Regierungsangaben der Armee vorbehalten. Gut 200.000 Mann sollen die Sicherheitskräfte umfassen. Mit „einmaligen Anlaufinvestitionen“ für neue Uniformen und Kasernen begründet man in Juba, weshalb der Anteil an den Staatsausgaben so üppig ausfällt.
In Wirklichkeit ist er sogar noch höher: Viele ehemalige Kämpfer lässt die SPLM auf Staatskosten zum Beispiel zu Wildhütern umschulen, während sie die Lehrer im Süden gerade wissen ließ, dass sie ihr Gehalt in den nächsten Monaten leider nicht überweisen kann. Für die SPLM-Führung ist der Umgang mit den früheren Kämpfern besonders heikel, denn die ehemalige Rebellenorganisation besteht nicht nur aus den beiden großen Stämmen der Dinka und Nuer, sondern aus noch anderen weiteren ethnischen Gruppen; keine will benachteiligt sein. Schon früher haben sie gegeneinander Krieg geführt. Auch heute kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten.
„Nur Erfahrung als Buschkämpfer“
Eignung und Erfahrung spielen daher bei der Postenvergabe oft nur eine Nebenrolle. Und dann fehlen nach den Jahrzehnten in Busch und Flüchtlingslagern den früheren Rebellen schlicht die eigenen Fachkräfte. Mangelnde Professionalität und Korruption sind oft die Folge: Wegen des Vorwurfs finanzieller Unregelmäßigkeiten verlor im Frühjahr Finanzminister Arthur Akuein sein Amt und kam später ins Gefängnis - bis ihn Angehörige seines Stammes von dort befreiten. Auch die Witwe des verstorbenen SPLM-Führers Garang musste ihr Amt als Straßenbauministerin abgeben, nachdem ihr Vermögen, nicht aber das Wegenetz gewachsen war.
Internationale Geber sind im Süden deshalb zurückhaltender geworden. „Die Leute hier haben nur Erfahrung als Buschkämpfer. Sie haben nie gelernt, eine moderne Verwaltung zu führen und mit Geld nach internationalen Standards umzugehen“, beobachtet Bhairaja Panday, der stellvertretende Leiter des Büros des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) in Südsudan. Der Süden könnte mehr Mittel abrufen, ist aber mit den Vorschriften von UN und Weltbank oft überfordert.
„Eine Friedensdividende versprachen sie uns“
Mehr Geld hatte sich der Süden vom Norden erhofft. Das Friedensabkommen sieht vor, dass dorthin rund die Hälfte aus den Einnahmen der Ölfelder fließen, die zu einem großen Teil im Süden liegen. „Es gibt bis heute keine Transparenz. Der Norden lässt sich nicht in die Karten schauen, wenn es um Verträge und Einnahmen aus dem Ölgeschäft geht“, schimpft ein ranghoher SPLM-Politiker. Im Jahr 2006 waren es jeden Monat um die 100 Millionen Dollar, im März 2007 zum Beispiel nur noch 44 Millionen. Etwa 60 Millionen braucht der Süden aber um die im laufenden Haushalt eingeplanten Kosten zu decken.
Im Süden wächst die Verbitterung über den Norden. Die Menschen, die auf den Straßen von Juba Benzin in alten Limonadenflaschen verkaufen oder Autowracks ausweiden, um über die Runden zu kommen, verhehlen nicht, dass sie mehr erwarteten. „Eine Friedensdividende versprachen sie uns und dass die Einheit mit dem Norden dadurch attraktiv werden soll. Ich habe bisher nichts davon mitbekommen. Es bleibt nur die Abspaltung“, schimpft ein Automechaniker.
Laut dem Friedensabkommen haben die Menschen im Süden das Recht, 2011 darüber zu entscheiden, ob sie sich vom Norden trennen wollen. Viele sehen die Zeit bis dahin als Bewährungsfrist für die Nationale Kongresspartei (NCP) von Präsident Baschir, mit der die SPLM in Khartum seit 2005 eine Regierung der nationalen Einheit bildet.
„Baschirs NCP denkt noch, wir bluffen“
„Wenn jetzt abgestimmt würde, gäbe es eine Mehrheit für die Sezession des Südens“, befürchtet der südsudanesische Vizepräsident Riek Machar. Einst war er ein gefürchteter Rebellenführer, der mehrfach die Seiten wechselte, heute zieht er den dunklen Anzug eines Geschäftsmanns der Uniform vor.
Machar hält eine Teilung aber nicht für zwangsläufig, die SPLM habe andere Pläne: „Baschirs NCP denkt noch, wir bluffen, aber die strategische Entscheidung ist gefallen, dass wir im ganzen Land eine Mehrheit suchen“, sagt er und meint damit die Wahlen, in denen 2009 alle politischen Ämter in Nord- und Südsudan neu besetzt werden sollen.
Mit dem vor zwei Jahren bei einem Flugzeugabsturz umgekommenen SPLM-Führer John Garang hätten die früheren Rebellen im Süden wohl Chancen gehabt, auch im Norden Erfolg zu haben. Zu Garangs Vision eines „neuen Sudan“ gehörte, dass eines Tages auch ein christlicher Südsudanese Staatschef des größten Landes Afrikas werden kann, dessen Bevölkerung zu zwei Dritteln aus Muslimen besteht.
„Gemeinsam hätten NCP und SPLM einen rauschenden Sieg, alleine wird es für die NCP schwierig“, gesteht Baschirs Berater Ghazi Salahedin ein. Es könnte tatsächlich eng für die NCP werden. Sie hat sich bisher darauf verlassen, Unterstützung durch die Vergabe von Ämtern und Pfründen zu sichern. Um neue Wähler außerhalb ihrer Hochburgen in Khartum und nördlich der Hauptstadt bemühte sie sich nicht.
Anders die SPLM: Die verlegte schon ihr Hauptquartier von Juba nach Khartum und zeigt auch im Westen und Osten verstärkt Präsenz. Salahedin beruhigt sich derweil damit, dass die Wahlen sich verzögern könnten. Die Wahrscheinlichkeit betrage weniger als 50 Prozent - nicht weil die NCP das so wolle, sondern weil die Regierung der nationalen Einheit mit den Vorbereitungen in Verzug sei.
„Licht der Hoffnung“
Um die Wahlkreise festzulegen, müssen sich beide Seiten erst auf eine verbindliche Grenze zwischen Norden und Süden einigen. Das gelang ihnen ebenso wenig, wie die Volkszählung zu organisieren, die laut dem Friedensabkommen längst hätte stattfinden müssen. Niemand weiß, wie viele Sudanesen es gibt und wer von ihnen wahlberechtigt ist.
Dieser Zensus könnte aber für die Politiker im Süden enttäuschend ausfallen. Dort leben wohl deutlich weniger Menschen als bisher angenommen: Immer noch trauen gut 4,5 Millionen Flüchtlinge dem neuen Frieden nicht und bleiben lieber im Norden oder im Ausland, statt in ihre alte Heimat zurückzukehren.
Wer nach Juba kommt, dessen Weg führt meist auch an das Grab von John Garang. Neben der mit Plastikblumen geschmückten Betonplatte hängt unter einer kleinen Laterne ein klapperndes Blechschild. „Jedes einzelne Wort des Friedensabkommens muss in die Tat umgesetzt werden“, steht darauf. Das „Licht der Hoffnung“ solle alle Welt an diese Verpflichtung erinnern, heißt es weiter. Doch die kleine Flamme in der Laterne hat der Gewittersturm über Juba längst gelöscht.
