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Südkorea : Wer versenkte die „Cheonan“?

  • -Aktualisiert am

Bergung des gesunkenen Marineschiffs „Cheonan” Bild: REUTERS

In Südkorea zweifeln nur wenige daran, dass ein nordkoreanisches Torpedo hinter dem Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs „Cheonan“ steht. Die Regierung in Seoul aber reagiert bislang auffallend ruhig auf den Untergang.

          Die Untersuchung des Wracks ist noch nicht abgeschlossen, doch es wird immer wahrscheinlicher, dass ein nordkoreanischer Torpedo den Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs „Cheonan“ verursacht hat, bei dem 46 Seeleute ums Leben gekommen sind. Nordkorea hat eine Beteiligung zwar geleugnet, doch es wäre nicht das erste Mal, dass das Regime in Pjöngjang die Beteiligung an selbst inszenierten Provokationen und Gewaltakten abstreitet.

          In Südkorea zweifeln nur wenige daran, dass Nordkorea hinter dem Unglück steht, und Spekulationen blühen, was es wohl mit dem Angriff auf ein südkoreanisches Kriegsschiff bezwecken wollte. Als wohl plausibelste Erklärung drängt sich die Theorie auf, die Attacke auf die „Cheonan“ sei ein Vergeltungsakt für die Beschädigung eines nordkoreanischen Kriegsschiffs im November vergangenen Jahres gewesen. Damals hatte es einen Schusswechsel an der Seegrenze gegeben, bei dem schließlich das nordkoreanische Schiff Feuer gefangen hatte. Ob es damals Todesopfer auf nordkoreanischer Seite gab, ist nicht bekannt. Später wurde aber berichtet, dass der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-il selbst nach dem Zwischenfall die betroffenen Einheiten besucht und ihnen Vergeltung für die Schmach versprochen habe.

          Will Nordkorea mit dem Abschuss die Moral der eigenen Truppe heben?

          Der Zusammenstoß im November dürfte zudem dem nordkoreanischen Militär die Überlegenheit der südkoreanischen Waffentechnik vor Augen geführt haben. Somit hätte der Angriff auf die „Cheonan“ auch dem Ziel gedient, die Moral der nordkoreanischen Truppe wiederherzustellen. In diese Richtung deuten auch Berichte südkoreanischer Zeitungen, nach denen ein nordkoreanischer General, der nach dem Scharmützel im November degradiert worden war, kürzlich wieder mit vier Sternen geschmückt gesichtet worden sei.

          Angehörige trauern um die ertrunkenen Seeleute

          Südkoreanische Beobachter wie Yul Shin von der Myongji-Universität stellen die „Cheonan“-Affäre auch in Zusammenhang mit der Nachfolge-Frage in Nordkorea. Der Angriff sei möglicherweise von dem designierten Nachfolger von Kim Jong-il, seinem dritten Sohn Kim Jong-eun, geplant worden. Dafür spricht, dass auch Kim Jong-il, als er sich auf die Nachfolge seines Vaters vorbereitete, durch martialische Aktionen von sich reden machte. Wegen der angeschlagenen Gesundheit Kim Jong-ils gibt es keine Zeit für die allmähliche Einführung des Sohnes als Nachfolger.

          Während einige glauben, Kim Jong-eun habe möglicherweise auf eigene Faust gehandelt, um sich als entschlossener Anführer dem Militär zu empfehlen, halten andere Beobachter es für unwahrscheinlich, dass ein solcher Akt ohne Wissen und Billigung Kim Jong-ils stattfinden könnte. In Südkorea wurde auch schon vermutet, dass es sich bei der Attacke um eine „Werbung“ für nordkoreanische Rüstungsexporte gehandelt haben könnte. Nordkorea habe mit dem Angriff auf die „Cheonan“ die Schlagkraft seiner Waffen demonstrieren wollen. So sei vor allem Iran an nordkoreanischer Waffentechnologie interessiert.

          Südkorea hat bislang auffallend ruhig auf den Untergang reagiert

          Die südkoreanische Regierung hat bislang auffallend ruhig auf den Untergang der Cheonan reagiert. Eine fünftägige Staatstrauer für die Opfer wird an diesem Donnerstag enden. Präsident Lee Myung-bak versprach, seine Regierung werde „entschlossen“ reagieren, aber erst, wenn es ein endgültiges Untersuchungsergebnis gibt. Am Mittwoch wurde angekündigt, Südkorea wolle die Vereinten Nationen einschalten.

          Lee Myung-bak ist sichtlich bemüht, die Sache nicht eskalieren zu lassen. Der Präsident will Südkoreas Wirtschaft nicht durch militärische Spannungen schaden, besonders aber will er sein Prestigeprojekt, die Ausrichtung des G-20-Gipfels im November nicht gefährden.

          Für eine „entschlossene Reaktion“ Südkoreas, wenn die Schuld Nordkorea eindeutig erwiesen wäre, gibt es nicht viele Optionen. Der Handel mit Nordkorea wurde unter Lee schon auf ein Minimum reduziert. Zudem gibt es kaum noch Hilfsleistungen aus dem Süden an Nordkorea. Für die südkoreanische Regierung bliebe allenfalls, den Handel mit Nordkorea einzustellen oder die gemeinsame Industriezone Kaesong zu schließen, sagt Bernhard Seliger von der Hanns Seidel-Stiftung in Seoul. Dies träfe zwar auch Südkorea, die Verluste wären aber für Nordkorea weitaus empfindlicher.

          Sollte sich eine nordkoreanische Schuld an dem Untergang der „Cheonan“ nachweisen lassen, wird dies die vorsichtigen Bemühungen um Entspannung wieder zunichte machen. Ein innerkoreanischer Gipfel, der für dieses Jahr schon im Gespräch war, wäre unter solchen Voraussetzungen kaum möglich. Auch eine Neuaufnahme der Sechsergespräche über Nordkoreas Atomprogramm dürfte damit in noch weitere Ferne rücken.

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