18.08.2009 · Der frühere südkoreanische Präsident und Friedensnobelpreisträger Kim Dae-jung ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Als „Mandela Ostasiens“ wurde Kim auch im Ausland gefeiert. Seine „Sonnenschein-Politik“, deren Vorbild Willy Brandt war, blieb jedoch umstritten.
Von Petra KolonkoAls Kim Dae-jung im Jahr 2000 den Friedensnobelpreis entgegen nahm, brach der Preisträger aus Südkorea eine Lanze für die Demokratie in Asien. Immer wieder habe man ihm vorgehalten, dass die Demokratie für Asien nicht passe. Aber es stimme nicht, sagte Südkoreas Präsident, dass Asien die Wurzeln für eine Demokratie fehlten. Schon lange vor dem Westen hätten Denker in Asien Konzepte hervorgebracht, die einen fruchtbaren Boden für die Demokratie darstellen könnten.
Kim Dae-jung war ein erfolgreicher Kämpfer für die Demokratisierung in Korea und eine Symbolfigur für die Demokratisierung in Ostasien. Jahrzehntelang hat er sich für die Demokratie in seiner Heimat Südkorea engagiert. Er war ein überaus beharrlicher und idealistischer Politiker, dem der Aufstieg ins Präsidentenamt aus einer langen Zeit in der Opposition und des Kampfes gegen die Militärdiktatur in Südkorea gelang. Weder Verfolgung durch die Geheimdienste noch ein Mordversuch, weder lange Haftstrafen noch Zeiten des Hausarrests und der Verbannung ins Exil hatten ihn von seinem politischen Engagement abbringen können. Obwohl die Strapazen der Haftzeit seine Gesundheit angegriffen und Attacken ihm eine Gehbehinderung zugefügt hatten, gab Kim Dae-jung nicht auf. Als „Mandela Ostasiens“ wurde er auch im Ausland gefeiert.
Willy Brandt war sein Vorbild
Das norwegische Nobelpreiskomitee zeichnete Kim Dae-jung für sein Engagement für die Demokratie in seinem Land, besonders aber für die Aussöhnung zwischen Nord- und Südkorea aus. Kurz vor der Preisverleihung war Kim zu einem historischen Gipfeltreffen nach Nordkorea gereist - es war das erste Mal seit dem Korea-Krieg, dass die Führer des Nordens und des Südens miteinander sprachen. Kim Dae-jung und Kim Jong-il vereinbarten eine Politik der friedlichen Koexistenz und kündigten eine Entspannungspolitik und vertrauensbildende Maßnahmen an.
Der historische erste innerkoreanische Gipfel war das Ergebnis der „Sonnenschein-Politik“ Kim Dae-jungs, die er nach seiner Wahl zum Präsidenten im Jahr 1997 begonnen hatte. Anders als seine Amtsvorgänger wollte Kim Dae-jung im Verhältnis zum kommunistischen Nachbarn Wandel durch Annäherung erreichen. Statt auf Drohungen und Abschottung setzte er auf Gespräche und Wirtschaftshilfe für den kommunistischen Norden. Sein Vorbild war dabei Willy Brandt. Dessen Entspannungspolitik wollte er auch in Korea umsetzen. Ähnlich wie Brandts Ostpolitik war aber auch Kim Dae-jungs Sonnenschein-Politik im eigenen Land nicht unumstritten. Kritiker bemängelten, dass dem kommunistischen Staat zu viele Zugeständnisse und Geschenke für zu wenig Gegenleistungen gemacht wurden.
Kim Dae-jung ließ sich von Kritik nicht beirren. Er war ein beharrlicher Politiker, der an seinen Zielen festhielt. Kim wurde im Jahr 1925 als zweites von sieben Kindern in eine Bauernfamilie geboren. Er arbeitete zunächst in einer Reederei, dann als Zeitungsverleger. Im Jahr 1961 wurde der Katholik erstmals in das südkoreanische Parlament gewählt und macht sich einen Namen als Oppositionsführer. Im Jahr 1971 gewann er die Präsidentenwahl gegen Park Chung-hee, der jedoch nicht die Absicht hatte, die Macht aufzugeben. Bevor Park das Kriegsrecht verhängen ließ, floh Kim zunächst nach Japan und leitete dann die Oppositionsbewegung gegen Diktator Park von den Vereinigten Staaten aus.
Park Chung-hee wollte den charismatischen Rivalen zum Schweigen bringen. Während eines Aufenthalts in Japan entführte der südkoreanische Geheimdienst Kim Dae-jung nach Südkorea. Nur das Eingreifen der amerikanischen Regierung verhinderte, dass Kim Dae-jung, wie offensichtlich von Park geplant, ermordet wurde. Der Diktator verschonte auf amerikanischen Druck hin seinen Herausforderer und ließ ihn unter Hausarrest stellen. Im Jahr 1976 wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse in Südkorea forderte.
Zum Tode verurteilt
Nach der Ermordung des Militärdiktators Park Chung-hee im Jahr 1979 konnte sich Kim Dae-jung nur kurze Zeit der Freiheit erfreuen. Der neue Militärdiktator Chun Doo-hwan ließ ihn wegen angeblicher Umsturzvorbereitungen im Jahr 1980 zum Tode verurteilen. Später wurde die Strafe in eine Haftstrafe umgewandelt, und Kim durfte 1982 zur ärztlichen Behandlung in die Vereinigten Staaten ausreisen. Nach seiner Rückkehr nach Südkorea im Jahr 1985 wurde Kim abermals unter Hausarrest gestellt.
Bei der ersten demokratischen Präsidentenwahl im Jahr 1987 kandidierte Kim Dae-jung, verlor aber gegen Roh Tae-woo. Als auch ein zweiter Anlauf im Jahr 1991 scheiterte, kündigte Kim seinen Rückzug aus der Politik an. Doch lange konnte der Vollblut-Politiker sich der Politik nicht enthalten. 1995 gründete er eine neue Partei und wurde mit ihr wieder zu einem der führenden Oppositionspolitiker Südkoreas. Nachdem sich die Oppositionsparteien auf ihn als gemeinsamen Kandidaten geeinigt hatten, konnte Kim im Jahr 1997 endlich die Präsidentenwahl gewinnen.
Kim war am Ziel, doch sein Amtsantritt fiel in die Zeit der Asiatischen Finanzkrise, die Südkorea schwer getroffen hatte. Zur Überraschung vieler, die Kim als Gewerkschaftsfreund und Sozialpolitiker kannten, zeigte er sich als entschlossener Wirtschaftsreformer. Er zerschlug die Macht der Chaebol, der Großkonzerne, und befolgte die Auflagen des Internationalen Währungsfonds. Ihm war es zu verdanken, dass Südkorea schneller aus der Krise kam als andere Staaten.
Umstrittene „Sonnenschein-Politik“
Kim Dae-jung bemühte sich auch um ein verbessertes Verhältnis zu Japan, das als Kolonialmacht über Korea geherrscht hatte. Eine gemeinsame Erklärung über die „Partnerschaft im 21. Jahrhundert“ wurde in seiner Amtszeit unterzeichnet, in der sich Japan auch für die Zeit der Kolonialherrschaft in Korea entschuldigte. Zeichen der Versöhnung mit Japan war auch die gemeinsame Austragung der Fußballweltmeisterschaft durch Japan und Südkorea im Jahr 2002.
Sein großes Projekt aber, die „Sonnenschein-Politik“ der Entspannung mit Nordkorea war von Anfang an umstritten. Unter Kim Dae-jungs Vorgängern waren Kontakte mit dem kommunistischen Norden undenkbar gewesen. Kim Dae-jung wollte den Norden durch Dialog und Wirtschaftshilfe zur Öffnung und zu humanitären Erleichterungen bewegen. Sein Helfer bei diesem Projekt war der Gründer des Konzerns Hyundai, der in Nordkorea geboren war und sich als Vermittler und Financier der Sonnenscheinpolitik zeigte. Das Gipfeltreffen mit Kim Jong-il sollte das Projekt krönen.
Den Kritikern des Gipfeltreffens wurde Recht gegeben, als im Jahr 2003 ein Untersuchungsausschuss des südkoreanischen Parlamentes bestätigte, was sich bereits inoffiziell verbreitet hatte: dass vor dem Gipfeltreffen mehr als 300 Millionen Euro auf verschiedensten Wegen aus Südkorea an den kommunistischen Norden geflossen waren. Von einem „gekauften Gipfeltreffen“ war jetzt die Rede. Kims Friedensnobelpreis verlor seinen Glanz. Er verteidigte sich mit dem Hinweis, das Geld sei für Wirtschaftsprojekte im Norden bestimmt gewesen. Doch schließlich musste sich Kim doch öffentlich dafür entschuldigen, dass er die Zahlungen geheim gehalten hatte.
Diskreditiert und isoliert
Nordkoreas Machthaber Kim Jong-il tat das seine dazu, dass die Sonnenschein-Politik immer heftiger kritisiert wurde. Die zugesagten Erleichterungen etwa bei der Familienzusammenführung blieben mager, und im Jahr 2002 kam es sogar an der Seegrenze zu Scharmützeln zwischen nord- und südkoreanischen Schiffen. Als sich die amerikanische Politik gegenüber Nordkorea unter Präsident George W. Bush änderte, verlor Kim Dae-jung die Unterstützung aus Washington. Nordkorea reagierte auf die Politik Bushs mit einem Abbruch der Kontakte zu Südkorea.
Kim Dae-jung fand sich diplomatisch isoliert und seine Sonnenschein-Politik diskreditiert. Sein Ansehen wurde auch dadurch beschädigt, dass zwei seiner Söhne und einige seiner engen Mitarbeiter in Korruptionsskandale verwickelt waren. Am Ende seiner fünfjährigen Amtszeit war Kim Dae-jung unbeliebt und genoss im Ausland mehr Ansehen als in seiner Heimat.
Immerhin gereichte es Kim aber zur Genugtuung, dass sein Nachfolger im Präsidentenamt, Roh Moo-hyun, seine Sonnenschein-Politik fortsetzen wollte. Doch auch Roh blieb glücklos im Umgang mit Nordkorea. Ein zweiter Gipfel, zu dem Roh im Jahr 2007 nach Pjöngjang reiste, blieb ohne Ergebnisse. Der derzeitige Präsident Lee Myung-bak wandte sich ganz von der Sonneschein-Politik ab und erklärte, dass es gegenüber Nordkorea von nun ab keine Vorleistungen mehr geben würde. Von seinem Amtsantritt bis heute haben sich die innerkoreanischen Beziehungen stetig verschlechtert, bis Nordkorea in diesem Jahr mit einem Atomtest und Raketenstarts die internationale Gemeinschaft provozierte.
Kim Dae-jung hat die Politik des derzeitigen Präsidenten kritisiert. Und nicht nur unter seinen Anhängern gibt es jetzt auch wieder Stimmen, die angesichts der Erfolglosigkeit des harten Kurses der Regierung Lee jetzt fragen, ob nicht doch die Sonnenschein-Politik der bessere Weg gewesen wäre, mit Nordkorea zu verfahren. Eine mögliche Rückkehr zur Sonnenschein-Politik würde Kim Dae-jung nicht mehr erleben. Er starb am Dienstag in einer Klinik in Seoul im Alter von 83 Jahren.