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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Südafrikas Marikana-Mine Der Streik der harten Männer

 ·  Die Arbeiter der südafrikanischen Platinmine Marikana sind nach dem Massaker mit 34 Toten fest entschlossen, ihren Kampf fortzusetzen. Sie wollen mehr Lohn für die Arbeit, bei der sie täglich ihr Leben aufs Spiel setzen.

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© Seuffert, Felix Viele der Minenarbeiter wohnen in der Siedlung Wonderkop

Das Schild steht wohl schon lange an der mit Schlaglöchern übersäten Straße nach Marikana, vermutlich hat es niemand mehr beachtet. Jetzt aber muss es den Minenarbeitern wie ein Hohn vorkommen. „Sicherheit hat Vorrang“ steht darauf und „Lonmin cares“ (Lonmin kümmert sich). Vor etwas mehr als einer Woche hat sich auf dem Gelände der Marikana-Mine des Platinförderers Lonmin ein Blutbad ereignet, das die Südafrikaner an die dunkelsten Zeiten während der Zeit der Rassentrennung erinnerte.

Als ein wilder Streik von 3000 Lonmin-Arbeitern eskalierte, schoss die Polizei in eine Menge bewaffneter Bergleute; 34 von ihnen wurden getötet. In den Tagen zuvor hatte es bei Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Arbeitergruppen zehn Tote gegeben. Darunter waren zwei Polizisten und zwei Wachmänner privater Unternehmen: Bergleute hatten sie mit Macheten niedergemetzelt und die Leichname in Stücke zerteilt. Traditionelle Wunderheiler sollen den Männern vorher Zaubersäfte verabreicht haben, mit dem Versprechen, sie unverwundbar zu machen.

Warten auf die Reaktion

In Wonderkop, der wilden Siedlung von Marikana, herrscht wieder Ruhe. Die Kamerateams aus aller Welt sind abgezogen, die Bewohner warten auf die Reaktion von Lonmin auf ihre Lohnforderungen. Die Siedlung ist eine unübersichtliche Ansammlung von Wellblechhütten mitten in Steppengras, die Erde ist braun und ausgetrocknet. Zwischen den notdürftig zusammengenagelten Häuschen liegt stinkender Müll.

Ob der Streik von Marikana zu einem Wendepunkt in der Geschichte Südafrikas wird oder nur ein weiteres Kapitel in der langen Liste blutiger Arbeitskämpfe, hängt von Männern wie Fani Mzila ab. Er sei vor acht Jahren aus der verarmten Provinz Ostkap gekommen, erzählt er, habe Geld verdienen wollen, um seine zwei Kinder und die Mutter zu unterstützen. „Aber schau dich doch mal um. Wir arbeiten hier, wir setzen täglich unser Leben aufs Spiel, und was bekommen wir? Es reicht noch nicht mal für ein anständiges Haus.“

„Ich kämpfe weiter“

Vor einer Woche stand Mzila in den Reihen der Demonstranten. Jetzt hockt er mit zwei Freunden auf der Ladefläche eines altersschwachen Pritschenwagens vor dem „Hotel“ von Wonderkop. In dem heruntergekommenen Backsteingebäude gibt es schon lange kein Hotel mehr, dafür einen Supermarkt, einen von Chinesen geführten Kleiderladen und einen Geldautomaten. Größter Anziehungspunkt ist eine Bierschwemme, wie es sie überall in Südafrikas Armenvierteln gibt.

Auch die Männer auf dem Pritschenwagen halten Dreiviertel-Liter-Bierflaschen in der Hand. Es sind nicht die ersten an diesem Tag. Ob er zurückkehrt, wenn der Platinförderer hart bleibt und den Arbeitern abermals ein Ultimatum setzt? „Ganz bestimmt nicht“, sagt Mzila nach einem kräftigen Schluck. „Unsere Brüder sind hier gestorben, sie wurden einfach abgeknallt. Wie sollen wir da wieder an die Arbeit zurückkehren? Das wäre Verrat an den Toten. Sollen sie mich doch feuern. Ich kämpfe weiter, bis wir bekommen, was wir wollen.“ Die Arbeiter fordern 12.500 Rand (1250 Euro) im Monat. Sie selbst geben ihr jetziges Gehalt mit 4000 Rand an. Laut Lonmin verdienen sie aber mit Zulagen und Bonuszahlungen etwa 9000 Rand.

Höllenjob mit schlechter Bezahlung

Mit Männern wie Mzila ist nicht zu spaßen. Die Kumpel in den Platinminen gelten als besonders hart. Einst hausten Minenarbeiter in Wohnheimen, acht Männer und mehr in einem Raum. Diese Wohnheime, die Horte von Gewalttaten und Prostitution waren, brachten die ganze Branche in Verruf. Seit einigen Jahren wandeln Konzerne wie Lonmin daher die Wohnheime in Familienunterkünfte um. Das aber hat zur Folge, dass nicht mehr jeder Arbeiter dort einen Platz bekommt. Die von Lonmin gebauten Häuser entstehen nicht schnell genug, und die staatlichen Sozialbauten in der Gegend reichen bei weitem nicht. Hütten-Siedlungen wie Wonderkop wachsen daher schnell.

Die Arbeit unter Tage ist ein Höllenjob. Die „Rockdriller“, die den Streik bei Lonmin begonnen haben, arbeiten kauernd in eineinhalb Meter hohen Stollen, 400 Meter unter der Erde. Ihre Bohrmaschinen wiegen bis zu 45 Kilogramm. Es ist dunkel, heiß, laut und lebensgefährlich. „Wir holen für diese Firmen die Schätze aus der Erde, dabei gehören sie gar nicht ihnen, sie gehören uns. Und dann bezahlen sie uns noch nicht einmal anständig“, wettert Mzila, und seine Freunde nicken kräftig. „Meinst du, es gibt in London irgendjemanden, der in einer Hütte wohnt? Oder nur 4000 Rand im Monat verdient?“

Die Zukunft ist ungewiss

Lonmin ist ein südafrikanisch-britischer Rohstoffkonzern, der von London aus geführt wird. Der Verfall des Platinpreises und die immer höheren Förderkosten setzen den Konzern wie die übrige Branche stark unter Druck. Einige kleinere Förderer in Südafrika mussten bereits Bergwerke schließen. Die führenden Konzerne haben Personalabbau angekündigt. Lonmins Zukunft ist nach den Verlusten durch den Streik ungewiss. Das Unternehmen braucht dringend Kapital, um die Auflagen der Banken zu erfüllen.

Jeder weitere Streiktag bedeutet weitere Produktionseinbußen. Dass der Konzern die Lohnforderung von 12.500 Rand erfüllt, gilt daher als höchst unwahrscheinlich. Außerdem verdienen Geringqualifizierte in anderen Branchen in Südafrika noch deutlich weniger als die Bergleute in Marikana schon jetzt. Ein Nachgeben könnte einen Flächenbrand in anderen Branchen auslösen. Die oft gewaltsam ausgetragenen Arbeitskämpfe gelten ohnehin bei ausländischen Investoren als einer der großen Standortnachteile Südafrikas.

Große Kluft zwischen Arm und Reich

In dem Streik geht es aber längst nicht mehr nur um die Löhne und um Lonmin. Mit dem Ende der Rassentrennung 1994 hoffte die schwarze Bevölkerung Südafrikas auf ein besseres Leben. Aber heute ist die Kluft zwischen Arm und Reich noch tiefer als zu Zeiten der Apartheid. „Unsere Politiker, unsere Gewerkschaftsbosse, sie haben alle Anteile an den Minenunternehmen“, sagt Chris Molebatsi, Mitarbeiter der von den Kirchen getragenen Bench-Marks-Stiftung in Wonderkop. Er spielt damit auf die Politik des „Black Economic Empowerment“ an, die Unternehmen vorschreibt, schwarze Anteilseigner an Bord zu nehmen. Den meisten Schwarzen bringt das nichts - in den Aufsichtsräten finden sich immer die gleichen Gesichter. „Diese Leute werden immer reicher, sie haben keine Probleme, für einen einzelnen Büffel 19 Millionen Rand auszugeben. Was sollen wir dazu sagen?“

Der Mann, der für diese Summe einen Büffel kaufen wollte, ist Cyril Ramaphosa, einst Widerstandskämpfer gegen das Apartheid-Regime und heute einer der reichsten Männer des Landes. Ramaphosa hat in den achtziger und neunziger Jahren die Bergarbeitergewerkschaft NUM groß gemacht, die heute das Feindbild der Streikenden in Marikana ist, die einer jungen, radikalen Organisation angehören. Hinzu kommt, dass ein Unternehmen Ramaphosas zu den Großaktionären von Lonmin gehört.

Gefundenes Fressen für die Populisten

Das kommt einem Populisten wie Julius Malema gelegen, der im Frühjahr wegen extremistischer Äußerungen aus der Regierungspartei ANC ausgeschlossen worden ist. „Lonmin hat enge politische Verbindungen“, grölte er in der vergangenen Woche in die Mikrofone, „deswegen wurden unsere Leute getötet. Sie wurden getötet, um die Aktien von Cyril Ramaphosa zu schützen.“ In Wonderkop kommen solche Sprüche gut an.

Vor der Niederlassung der Bench-Marks-Stiftung haben mehrere Dutzend Frauen angefangen zu singen und zu tanzen. Immer wieder ist der alte Revolutionsruf „Amaaaandla“ (Macht) zu hören, dann der Name „Malema“. „Malema hilft uns, wenn die Regierung uns den Rücken zuwendet“, übersetzt Molebatsi den Refrain. Die Frauen seien aus Johannesburg gekommen, um ihren Genossinnen nach dem Massaker Beistand zu leisten. Einige tragen T-Shirts, auf denen auf Englisch steht „Im Andenken an unsere gefallenen Brüder“, andere traditionelle afrikanische Gewänder.

Straßensperren und Kontrollen

„Unsere Brüder und Onkel sind tot oder im Gefängnis. Wir haben nichts mehr, niemanden, der uns hilft“, sagt Tumeka Magwangqana, Freundin eines inhaftierten Arbeiters. Den Ärger, den sie spüre, könne sie gar nicht beschreiben. „Ich habe diese Regierung mit meinem Kreuzchen an die Macht gebracht. Und jetzt? Wo ist sie? Was hat sie gemacht?“, fragt sie. Mit verklärtem Blick sagt sie: „Julius Malema war hier, er hat ein Zelt für uns aufgestellt. Er hilft den Menschen.“ Dass der frühere Chef der Jugendliga des ANC selbst in einer Prunkvilla in Johannesburg lebt und immer wieder Korruptionsvorwürfen ausgesetzt ist, interessiert sie nicht weiter.

Der Friede in der Siedlung ist trügerisch. Nur wenige Kilometer entfernt, vor dem Eingangstor zu der jetzt geschlossenen Marikana-Mine, sind die Sicherheitskräfte in höchster Alarmbereitschaft. Auf einem Fußballfeld stehen mehrere Dutzend Polizeiautos und Kampffahrzeuge. Viele Rollen Stacheldraht liegen herum. Jedes Auto, das sich dem Gelände nähert, wird von der Polizei nach Waffen durchsucht. Ein Lonmin-Mitarbeiter verteilt Flugblätter mit der Aufforderung an die Streikenden, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Der Mann hat sich wohl aus Bedacht an die Straßensperre direkt neben die Polizisten gestellt. Mzila und seine Freunde würden ihn vermutlich kurz und klein schlagen.

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