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Sudan Afrika im kleinen

25.05.2004 ·  Sudans Ausdehnung und Vielfalt formten bisher auch sein Schicksal. Seit Jahren kommt dieser Staat nicht zur Ruhe, ist er durch Nationalismus, Bürgerkrieg und auch religiöses Eiferertum zerrissen und in Teilen zerstört worden.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Daß zusammenwächst, was zusammengehört, ist schon mühsam genug; um wieviel mühsamer jedoch ist es, wenn etwas zusammenwachsen soll, das zunächst gar nicht zusammengehört. Dafür liefert das afrikanische Land Sudan ein vielsagendes Beispiel. Seit Jahren kommt dieser Staat nicht zur Ruhe, ist er durch Nationalismus, Bürgerkrieg und auch religiöses Eiferertum zerrissen und in Teilen zerstört worden.

Immer wieder haben sich Hoffnungen zerschlagen, es werde gelingen, wenigstens die tiefsten Risse zu schließen und eine Befriedung herbeizuführen, die einen neuen politischen Anfang möglich macht. Zuletzt stand man im Dezember kurz vor einer Einigung in dem Bürgerkrieg, der seit mehr als zwanzig Jahren zwischen dem Norden und dem Süden des Landes geführt wird.

Ein Flüchtlingsdrama

Gegenwärtig ziehen die Ereignisse in der Westprovinz Darfur, im Gebiet der Provinzhauptstadt El Fascher, sowie in den östlichen Regionen des Nachbarlandes Tschad den Blick der Weltöffentlichkeit - wenn auch zuwenig - auf sich. Der dort seit einem Jahr tobende Aufstand mit Kämpfen zwischen örtlichen Gruppen und regierungstreuen Milizen, die von der Zentralregierung in Khartum unterstützt werden, ist zu einem Flüchtlingsdrama geworden, von dem etwa eine Million Menschen betroffen sind.

Rund 100.000 Flüchtlinge allein halten sich bei Stammesbrüdern auf tschadischem Gebiet auf, wo sie versorgt werden müssen. Beide Länder gehören zu den ärmsten der Welt. Bald beginnt die Regenzeit und wird den Flüchtlingen zusätzlich zusetzen. Wenigstens will Khartum den Hilfsorganisationen den Zugang zu den Flüchtlingslagern verschaffen.

Der Nil als Lebensader

Sudan ist in gewisser Hinsicht Afrika im kleinen. Mit zweieinhalb Millionen Quadratkilometern Fläche ist es überdies das größte Land des Kontinents. Auch seine landschaftliche, klimatische und religiöse Aufteilung entspricht im großen und ganzen der Gliederung Afrikas. Dem wüstenhaften Norden, der noch der Sahara zugehört, steht der bewachsene, unter anderem von den Sümpfen des Sudd in der Provinz Bahr al Ghazal und Buschwald in der Äquatorialprovinz (Hatt al Istiwa) geprägte Süden gegenüber.

Wie für Ägypten, so ist auch für Sudan der Nil die Lebensader, zusammen mit dem Atbara, der aus dem äthiopischen Hochland kommt. Dem arabisierten Norden, der - einschließlich der wichtigsten Städte Khartum und Omdurman - vom Islam geprägt ist, steht der Süden gegenüber, in dem Naturreligionen (oft als "Animismus" bezeichnet) und auch das auf die Tätigkeit europäischer Missionare zurückgehende Christentum vorherrschen. Hinzu kommt die ethnische Vielfalt der Völker, die ebenso Afrika im kleinen widerspiegelt: arabisierte und islamisierte Nubier, Schilluk, Dinka und andere.

Aufbruch in die Moderne
Das Streben, Sudan bis zum Äquator zu islamisieren, ist viele Jahrhunderte alt. Einen Höhepunkt erreichte es im 19. Jahrhundert, als zunächst das im Aufbruch zur Moderne begriffene Ägypten unter Mehmet Ali von Kairo aus militärisch nach Süden ausgriff. Schon damals ging es auch um die „Schätze“ Sudans, zu denen gerüchteweise Gold gehören sollte.

Mit Hilfe militärischer Eroberungen und Verwaltungsbeamter, die oft Europäer (und gleichzeitig Entdecker) waren, wie Rudolf Slatin oder Eduard Schnitzer (Emin Pascha), sollte die „Einheit des Niltales“ aus ägyptischer Sicht hergestellt und gewahrt werden. Gegen diesen muslimischen, später europäischen Imperialismus setzten sich die sudanischen Muslime unter Muhammad Ahmed, dem legendenumwobenen „Mahdi des Sudan“, zur Wehr; und dies um so mehr, als die Ägypter (und damit indirekt die Türken) bald von den Briten als beherrschende Macht im Niltal abgelöst wurden.

Im Januar 1885 fiel das von dem Briten Charles Gordon gehaltene Khartum in die Hände der Mahdisten; deren Staat hielt sich unter dem Kalifen Abdullahi, dem Nachfolger des bald nach seinem Triumph über Gordon verstorbenen "Mahdi", dreizehn Jahre lang. Es war schließlich der "Sirdar" Lord Kitchener, der durch seinen Sieg in der von Winston Churchill beschriebenen Schlacht von Omdurman 1898 und danach die Mahdisten vernichtend schlug und Großbritannien endgültig auch in Sudan ins Spiel brachte, zumal da London sich in der Faschoda-Krise gegen den kolonialistischen Rivalen Frankreich durchsetzte.

Lose Kolonialherrschaft

Es begann die mehr als ein halbes Jahrhundert dauernde Geschichte des anglo-ägyptischen Sudans, die bis zur formalen Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1956 währte. Es war eine relativ lose Kolonialherrschaft, die aus heutigem Blickwinkel gewiß fragwürdig, in der Sache jedoch nicht ganz erfolglos war, jedenfalls wenn man sie mit den heutigen Verhältnissen vergleicht. Die Briten wahrten ihren Einfluß zwischen Khartum und Addis Abeba.

Als Sudan im Zuge der Entkolonisierung seine Unabhängigkeit erhielt, gab es erste Befürchtungen hinsichtlich seiner Stabilität. Wie sollte man dieses riesige und zersplitterte Land zusammenhalten? Die Versuchung, den Süden allmählich weiterhin dem Islam zu unterwerfen, war von Beginn an groß, zumal im unabhängigen Sudan Geschichte wie Idee des Mahdismus eine Wiederauferstehung erlebten.

Der Staat des Mahdi, den die Briten zerstört hatten, mochte seine (großen) Fehler gehabt haben, er war aber aus der Sicht der Muslime der bisher gelungenste Versuch einer eigenständigen Selbstbehauptung gegen fremde, auch europäische Einflüsse gewesen. Was lag für eine in Khartum sitzende Regierung näher, als daran anzuknüpfen? Es war dies eine Zeit, da auch das Gespenst des Islamismus noch nicht durch den Nahen Osten geisterte.

Vom Widerstand zum Bürgerkrieg

Doch schon Präsident Dschaafar al Numeiri, ursprünglich ein arabischer Nationalist, mußte ihm in den achtziger Jahren seinen Tribut zollen. Unter ihm, der schließlich ein Opfer entschiedenerer Muslime wurde und nach Ägypten ins Exil gehen mußte, begann die schleichende Verschärfung der Islamisierung, hauptsächlich mit Hilfe einer Intensivierung des Scharia-Rechts und dessen versuchter Ausdehnung auch auf den Süden.

In Sudan wuchsen die sporadischen Widerstände gegen den Druck sich zu einem handfesten bewaffneten Widerstand durch die Kämpfer John Garangs, schließlich zum offenen Bürgerkrieg aus, erst recht, nachdem die Islamisten das Ruder ergriffen und das Land zu einer dezidiert "islamischen Ordnung" umgebaut hatten. Er dauert jetzt, knapp gerechnet, 21 Jahre an. Auch ein Kampf um Erdöl ist aus ihm geworden, wie auch eine Auseinandersetzung um Wasser. In der Provinz Darfur sind es sogar Muslime, die jetzt gegen Muslime stehen, die Ethnien der Fur und der Zaghawa, die auch in Tschad siedeln. Sie klagen über eine jahrelange Vernachlässigung durch die Zentralregierung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2004, Nr. 121 / Seite 12
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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