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Veröffentlicht: 04.12.2010, 12:24 Uhr

Sturm auf die Favelas Zum Abschied zeigt Lula Brasiliens Muskeln

Die Armenviertel von Rio de Janeiro gehorchen den Drogenbanden. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen will Brasiliens Regierung die Favelas militärisch befrieden.

von Joseph Oehrlein, Buenos Aires
© AFP Brasiliens Militär patrouilliert durch die Favela Vila Cruzeiro.

Erst als sicher war, dass die Operation erfolgreich sein würde, hat sich Luiz Inácio Lula da Silva zu Wort gemeldet, der scheidende Präsident Brasiliens. Dabei war er die treibende Kraft hinter der bislang größten Aktion, mit der der Staat die Drogenbanden aus den Armenvierteln in Rio de Janeiro vertreiben sollten. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung hätten Militäreinheiten aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht die Polizei bei der Erstürmung des „Complexo do Alemão“, einer gewaltigen Favela-Ansammlung im Norden Rios, unterstützen dürfen. Lula zeigte sich siegessicher.

„Wir werden diesen Krieg gewinnen“, sagte er und kündigte an, dass er das seit Sonntag von den Sicherheitskräften besetzten Gebiet in absehbarer Zeit besuchen werde. Er verschwieg freilich nicht, dass die Mission keineswegs beendet ist, auch wenn nach einer Woche teils erbitterter Kämpfe zwischen den staatlichen Sicherheitskräften und den Rauschgiftbanden Ruhe eingekehrt ist.

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Inzwischen hat sich Lula noch weiter aus dem Fenster gelehnt und versprochen, Militäreinheiten so lange in den Favelas von Rio zu stationieren, wie es nötig sein werde, um die Armensiedlungen zu befrieden. Seine Nachfolgerin Dilma Rousseff, die am 1. Januar ihr Amt antritt, hat bereits bekundet, dass sie die Militäreinheiten bis zur Fußballweltmeisterschaft 2014 zur Bekämpfung der Drogenbanden in den Favelas bereitstellen wolle. Die Zusammenarbeit der Streitkräfte mit der Polizei soll auf Bitten des Gouverneurs von Rio, Sérgio Cabral, einstweilen bis Oktober 2011 fortgesetzt werden.

Rio Truppentransporter © AFP Vergrößern Ein Mann fotografiert seinen Sohn vor einem Truppentransporter am Eingang einer Favela in Rio de Janeiro.

37 Menschen getötet, mehr als 130 verhaftet

Bis dahin sollen an den kritischen Punkten in den Favelas Einheiten der sogenannten „Befriedungspolizei“ (UPP) fest stationiert sein. Mit einer derartigen Dauerpräsenz von Polizeikräften in den Favelas glauben Regional- und Nationalregierung die richtige Methode gefunden zu haben, um die Sicherheit bei der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien und den Olympischen Spielen 2016 in Rio zu garantieren.

Die jüngste Militär- und Polizeioperation war eine Reaktion auf gewalttätige Ausschreitungen der Drogenbanden, bei denen mehr als hundert Fahrzeuge in Brand gesteckt worden waren. Die Protestaktionen hatten sich ausgerechnet gegen die Stationierung der „Befriedungspolizei“ gerichtet. Bei dem Einsatz der staatlichen Sicherheitskräfte sind 37 Personen getötet worden, vorwiegend Mitglieder der Banden; mehr als 130 wurden verhaftet. Eher aus Zufall ging der Polizei dabei auch einer der Mörder des Journalisten Tim Lopes ins Netz, der 2002 in der Favela „Vila Cruzeiro“ von Drogenhändlern umgebracht wurde.

Nach und nach entdeckten die Einsatzkräfte immer größere Mengen von Rauschgift und Waffen. Die Art der Verstecke erinnert nach Polizeiangaben an die üblichen Methoden kolumbianischer Guerrillagruppen. Bislang sollen mehr als 20 Tonnen Marihuana und 400 Kilogramm Kokain sichergestellt worden sein. Beim Durchkämmen der Favelas wurde auch ein luxuriöses Anwesen entdeckt, das sich einer der Drogenbosse inmitten der Armutsquartiere eingerichtet hatte.

Kann man 700 Favelas kontrollieren?

Die Offensive gegen den organisierten Rauschgifthandel, nach dessen Rhythmus sich das Leben in den Favelas zu richten hat, hatte zunächst in der „Vila Cruzeiro“ begonnen und war dann auf den benachbarten „Complexo do Alemão“ ausgedehnt worden, wohin die Drogendealer geflohen waren. Auch dort lieferten sie sich mit Polizei und Militär ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Mehrzahl der Kriminellen ist offenbar durch die Kanalisation entkommen und in anderen Favelas untergetaucht. Dabei ist offenbar auch viel von dem durch den Rauschgifthandel eingenommenen Geld beiseitegeschafft worden.

Der „Complexo do Alemão“ (Komplex des Deutschen) ist eine Art Mega-Favela aus 25 Siedlungen. Das Gelände hatte einst einem polnischen Einwanderer gehört, der für einen Deutschen gehalten wurde. Kritiker der Besetzung dieser Favela-Ansammlung halten diese für einen eher symbolischen Akt, mit dem keineswegs den Umtrieben der untereinander rivalisierenden Drogenbanden Einhalt geboten werde. Die kriminellen Organisationen wie das in dem Komplex operierende „Comando Vermelho“ (Rotes Kommando) verfügten über zahlreiche Möglichkeiten, sich zu reorganisieren. Überdies arbeiteten sie ausgerechnet mit Teilen der Polizei und privaten Sicherheitsorganisationen etwa bei der Beschaffung von Waffen zusammen. Auch werden Zweifel laut, ob die Dauerpräsenz der „Befriedungspolizei“ in den Favelas auf längere Sicht durchzuhalten und zu finanzieren sei. Allein im „Complexo do Alemão“ müssten mehr als 2000 Polizisten stationiert werden. In Rio gibt es mehr als 700 Favelas.

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