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Neue Studie : Arabische Jugend, das unbekannte Wesen

Ein Jugendlicher in Jemen bei Massenprotesten gegen die Regierung im Jahr 2011 Bild: AFP

Das Interesse an den Einstellungen arabischer Jugendlicher ist groß. Eine neue Studie zeigt eine Generation zwischen Ungewissheit und Zukunftszuversicht.

          Das Interesse an den Einstellungen arabischer Jugendlicher ist seit Jahren unverändert groß. Das liegt zum einen an den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen in der Region, an Arabellion, Islamismus und Dschihadismus – Phänomene, die sich tiefgreifend auf das Leben der Menschen auswirken und deren Folgen auch in Europa spürbar sind. Und zum anderen daran, dass die arabischen Gesellschaften ausnehmend jung sind – und stetig wachsen: Vor einem Jahrzehnt lebten in den arabischen Ländern etwas mehr als 300 Millionen Menschen, 2050 könnten es nach Prognosen der Vereinten Nationen fast doppelt so viele sein, 600 Millionen. Je ärmer ein Land ist, desto jünger ist dabei meist die Bevölkerung; im kriegsgeschüttelten Jemen beispielsweise sind 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 Jahre. Im reichen Bahrein sind es dagegen nur 33 Prozent.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Die Brisanz liegt in der Kombination beider Phänomene: Viele junge Menschen in widrigen politischen und wirtschaftlichen Umständen, das begründet nicht zuletzt einen großen Anreiz, auszuwandern. Zugleich aber auch, so jedenfalls die Befürchtung vieler, eine Anfälligkeit gegenüber radikalen Ideologien. Schon vor mehr als zehn Jahren wurde die Jugend in der arabischen Welt als „Zeitbombe“ bezeichnet, die eines Tages inmitten der repressiven Regime im Nahen und Mittleren Osten hochgehen würde. Nach dem Zwischenspiel der Arabellion ist das Bild heute wieder ähnlich. Den militärischen Niederlagen des „Islamischen Staats“ (IS) zum Trotz scheint im gewaltbereiten Islamismus eine stete Anziehungskraft auf junge Araber zu liegen. Ist dieses Bild aber berechtigt?

          Das ist gar nicht leicht zu sagen, denn dem großen Interesse zum Trotz lagen lange Zeit kaum belastbare Daten zum Thema vor. Die Herrschenden in der arabischen Welt zeigten traditionell wenig Interesse daran, die Ansichten, Wünsche und Hoffnungen der jungen Menschen in ihren Ländern allzu genau in Erfahrung zu bringen. Insbesondere dann, wenn es um die großen Tabuthemen ging: Sexualität, Religion und Politik. Es kam vor, dass Befragungen erschwert oder verboten wurden. Hinzu kam und kommt die Schwierigkeit, vergleichbare qualitative Daten zu erheben in einer Region, die von gewaltsamen Konflikten geprägt ist. Demzufolge gibt es nicht viele fundierte Studien, die sich den Sichtweisen arabischer Jugendlicher widmen.

          Seit 2009 veröffentlicht die in Dubai ansässige PR-Agentur ASDA’A Burson-Marsteller fast jährlich den „Arab Youth Survey“, der auf Befragungen von 3500 Jugendlichen in 16 Ländern der Region basiert. Er gibt Einblicke in die Einstellungen der Menschen zwischen 18 und 24 Jahren zu aktuellen Entwicklungen: So lautete ein Resümee im Jahr 2014, dass traditionelle Werte, etwa der Einfluss von Religion und Familie, unter arabischen Jugendlichen an Bedeutung verlieren. Zugleich äußerten mehr Heranwachsende als im Jahr davor Enttäuschung über die stagnierende politische Entwicklung nach der Arabellion. 2016 kam die Studie zu dem Schluss, dass die Terrormiliz IS unter jungen Erwachsenen der Region auf verbreitete Ablehnung stößt.

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