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Streitgespräch Der Afghanistan-Einsatz - ein unvermeidbarer Fehler?

31.01.2010 ·  Knapp ein Jahrzehnt dauert der Einsatz in Afghanistan schon an, und das Nationbuilding funktioniert immer noch nicht. Ist das ein Argument, es nirgends und nie zu versuchen? Darf man sich nur vornehmen, was man auch schaffen kann? Ein Streitgespräch zwischen Volker Zastrow und Eckart Lohse.

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Volker Zastrow ist verantwortlicher Redakteur für das Politikressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Eckart Lohse leitet das Büro Berlin. Ein Streitgespräch über eine Eiterbeule des Terrorismus, Nationbuilding und die Erwartungen an den internationalen Einsatz in Afghanistan.

Zastrow: Wir beide diskutieren jetzt seit drei Jahren kontrovers über Afghanistan. Ich fand: Der Einsatz war ein Fehler. Die Sache geht schief. Das Ende wird ein Misserfolg sein, vermutlich eine Niederlage, vielleicht ein Verhängnis.

Lohse: Ich habe den Einsatz sehr lange gutgeheißen und verteidigt. Das Fehlen staatlicher Stabilität hatte Afghanistan zu einem Ort gemacht, in dem Terroristen Anschläge wie die vom 11. September vorbereiten konnten. Al Qaida niederzuringen war die kleinere Aufgabe. Es musste aber wenigstens versucht werden, Afghanistan zu einem berechenbaren Staat zu machen. Die SPD-Politikerin Andrea Nahles hat einmal - in anderem Zusammenhang - gesagt: Wir haben einen historisch unvermeidbaren Fehler gemacht.

Zastrow: Spirituell betrachtet eine hübsche Anregung. Aber aus Bodensicht nur Rechthaberei, die Kritikern das Wort abschneidet. Es weist schon auf einen grundsätzlichen Makel unserer Afghanistan-Politik, dass sie angeblich alternativlos sei. Das heißt doch nur, dass man Gegenvorstellungen und Gefahren ausblendet. Natürlich gab es Alternativen. Darüber wurde ja auch diskutiert. George Bush wollte damals nicht, wie zuvor Bill Clinton, Lenkraketen in leere Zelte jagen - er sagte: sie nicht irgendwelchen Kamelen in den Hintern schießen. Er wollte keine punktuelle Intervention, keine Strafexpedition.

Lohse: Also, was ist Ihr Vorschlag? Was hätte die Nato, der wir angehören und die uns seit der Gründung der Bundesrepublik schützt, tun sollen? Die Regierungsgebäude in Kabul mit ein paar Drohnen aus der Luft schleifen und Plakate abwerfen mit der Aufschrift „Macht das nie wieder“?

Zastrow: Sie ironisieren, aber im Prinzip: Ja. So läuft es auch normalerweise. Nehmen wir etwa den Umgang mit Gaddafi. Auch da gab es militärische Interventionen, Akte begrenzter Gewalt, Anwendung von Druck, Subversion - Politik auf allen möglichen Ebenen. Kein „nation building“ in der Wüste.

Lohse: Dass das Nationbuilding in Afghanistan nach einem knappen Jahrzehnt nicht funktioniert hat, ist noch kein Argument, es nirgends und nie zu versuchen.

Zastrow: Man darf sich nur vornehmen, was man auch schaffen kann. Eigentlich war Obamas „Yes, we can!“ doch das Motto der Außenpolitik Bushs: Man muss etwas nur wollen, dann geht es auch. Ein New Deal der Neokonservativen in der amerikanischen Außenpolitik: Man löst die Probleme, indem man sie abschafft. Einfacher geht's nicht. Wir sind von diesem Denken infiziert worden. Das Standardargument in der Afghanistan-Diskussion hat Peter Struck auf die Formel gebracht: Unsere Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt. Das ist Unfug. Und Gott sei Dank! Wenn wir sie wirklich dort verteidigen müssten, sähe es finster aus.

Lohse: Sie glauben also nicht, dass sich der 11. September wiederholen kann? Vielleicht in Frankfurt oder Berlin?

Zastrow: Glauben Sie, dass der Afghanistan-Einsatz das verhindert hat? Und dort sterben unsere Soldaten. Sie sterben dort, und sie töten dort.

Lohse: Unbestritten. Aber sie tun das, weil die funktionierende Demokratie (der übrigens auch per „nation building“ auf die Füße geholfen wurde) dieses mehrheitlich beschlossen hat. Abgesehen von der Linkspartei haben alle Parteien die dafür erforderlichen Beschlüsse mitgetragen. Sie alle waren und sind zum Teil noch der Überzeugung, dass selbst eine teilweise Stabilisierung Afghanistans ein kleiner Schritt zur Verringerung der Terrorgefahr sein kann.

Zastrow: Die afghanischen Verhältnisse gleichen einer Eiterbeule des Terrorismus, man muss sie aufstechen und austrocknen. So die Idee. Doch erstens ist es gar nicht so. Das Problem ist mindestens so sehr in Pakistan zu Hause, wenn nicht noch mehr, und es hat seine Wurzel ganz woanders, nämlich im Nahen Osten. Der zweite Irrtum: dass man das selbstgesteckte Ziel erreichen könne.

Lohse: Für Pakistan gilt dasselbe wie für Libyen. Das ist zwar keine Demokratie, wie sie uns gefällt, aber ein funktionierender Staat. Dessen (sogar gewählte) Führung geht zudem von sich aus gegen die Terrorlager im eigenen Lande vor. Das ist, trotz der unbestrittenen Gefahr, die von Pakistan ausgehen könnte, wenn seine Atomwaffen in falsche Hände gerieten, eine ganz andere Lage als in Afghanistan.

Zastrow: Wir haben unsere Möglichkeiten bereits in Afghanistan weit überdehnt. Aber eigentlich ist das außenpolitische Denken dahinter verhunzt. Nur, weil es besser ist, über den Morast zu fliegen, statt hindurchzuwaten, wachsen einem keine Flügel. Ein wünschenswertes Ziel zu imaginieren hat mit Politik noch nichts zu tun. Das ist vorpolitisch. Politik beginnt mit dem Nachdenken darüber, ob und wie man Ziele erreichen kann. Das nannte man früher hochachtungsvoll die Kunst des Möglichen.

Lohse: Und die erlaubt den Versuch nicht?

Zastrow: Die Ziele in Afghanistan waren von vornherein abwegig. Ein aussichtsloser Versuch schadet mehr als keiner. Natürlich wäre wünschenswert, dort Menschenrechte, Wohlstand und Demokratie zu verwirklichen. Oder auch nur eine unseren Anforderungen genügende Stabilität, darauf sind wir ja längst herabgesunken. Aber wir erreichen selbst das nicht.

Lohse: Selbst das? Das wäre doch schon mehr, als je jemand erwarten durfte. Mädchenschulen waren doch immer nur Mittel zum Zweck der langfristigen gesellschaftlichen Stabilität - und ein erfreulicher Kollateralnutzen. Zuerst ging es nur um die Herstellung hinlänglicher Berechenbarkeit und Stabilität.

Zastrow: Wir haben eine Verantwortung an uns gerissen, die wir nicht tragen können. Wir sind zu Paten einer korrupten Regierung geworden. Die Taliban sind nicht weg. Und wenn die westlichen Truppen das Land verlassen, werden ihre bisherigen Partner und Protegés vermutlich deren Rache anheimfallen. Es wird uns nicht kümmern. Da werden wir dann wieder realistisch.

Lohse: Sollen wir nun die afghanische Bevölkerung vor den Taliban schützen oder nicht? Von Präsident Karzai bis hinab zu vielen kleinen Führungsfiguren in Städten und Dörfern Afghanistans ist oft die Bitte an die Staatengemeinschaft zu vernehmen, das Land nicht zu verlassen. Trotz der Erkenntnis, dass wir unsere Ziele nicht in vollem Umfang erreicht haben, sollten wir die Stimmen der Menschen im Land doch nicht ganz überhören. Selbst nach den Bombardierungen in Kundus vom 4. September, bei dem mutmaßlich auch Unschuldige starben, gab es keine antiwestlichen Demonstrationen, sondern Beifall.

Zastrow: Die Überdehnung unserer Ambitionen zeigt sich auch in der aktuellen Entscheidung. Obwohl Westerwelle in London nur in der vierten Reihe saß, hat er den gedeckten Abzug aus Afghanistan vollmundig zur Aufgabe der ganzen Welt erklärt. Sicher: Westerwelle, der mit fast fünfzig zum ersten Mal ein Amt bekleidet, ist davon sichtlich durchwuchtet. Aber das Denken dahinter ist dasselbe. Die Welt wird in weltfremder Zuneigung an die Brust gezogen, wir machen sie uns zurecht.

Lohse: Zugegeben, die Konferenz in London bietet viel Fläche zur Kritik. Aber die Grundbotschaft, dass nur eine von sehr vielen mitgetragene Verantwortung die Lage in Zentralasien und dem Nahen Osten ändern kann, ist doch nicht verkehrt. Wenn Länder wie Iran oder Syrien sich zu einer anderen Rolle entschlössen, hätten die Terroristen dieser Erde es schwerer.

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