Die Ausbreitung von radioaktiven Partikeln in Fukushima wird von internationalen Fachleuten wie von der japanischen Regierung offensichtlich immer noch als lokales Ereignis eingestuft. Während die japanische Regierung bei weiteren 20.000 Menschen in der 20 Kilometer breiten Evakuierungszone anordnete, dass sie vorsorglich ihre Häuser verlassen sollten, teilte die Weltgesundheitsorganisation mit, dass es „noch immer keine Hinweise auf eine signifikanten Ausbreitung“ von Radionukliden in die Umgebung der teilweise zerstörten Kraftwerksblöcke von Fukushida gegeben habe.
Auch nach Ansicht eines führenden deutschen Strahlenschutzexperten Peter Jacob besteht vorerst keinen Grund, von einer Eskalation zu sprechen. „Das sind außerhalb des Reaktorgeländes noch absolut keine katastrophal hohen Strahlendosen, die gemessen werden“, sagte Jacob, der das Institut für Strahlenschutz am Helmholtz-Zentrum in München leitet. Ein Vergleich zu der Situation in Tschernobyl unmittelbar nach der Havarie sei, was die Strahlenbelastung der Bevölkerung angeht, zur Zeit überhaupt nicht zu ziehen. Auch wenn man nicht wissen könne, was noch passieren werde, deute vieles darauf hin, dass es so bleibe.
Belastung wie bei einer Computertomographie
Aber selbst in dem schlechten Fall, dass weiteres radioaktives Spaltmaterial aus den Reaktorblöcken austrete, sei eine vergleichsweise geringe Strahlenbelastung für die Bevölkerung im mehr als zweihundert Kilometer entfernten Großraum Tokio mit seinen gut 35 Millionen Einwohnern zu erwarten. „So wie es derzeit aussieht, erwarte ich für Tokio im schlimmsten Fall eine Belastung durch das Unglück von maximal zehn Millisievert“, sagt Jacob. Das ist ziemlich genau in der Größenordnung, wie sie durch die Röntgenstrahlenbelastung bei einer Computertomographie verursacht wird. Auch eine Flugzeugcrew, die regelmäßig zwischen Tokio und New York fliegt, musste schon bisher mit einer natürlichen Belastung von knapp unter zehn Millisievert rechnen. Die natürliche Hintergrundstrahlung am Boden beträgt - regional allerdings zum Teil deutlich abweichend - im Schnitt rund zwei Millisievert pro Jahr.
Damit blieben die Menschen in Tokio noch deutlich unter dem Wert, von dem an die Strahlenmediziner mit langfristigen Folgeerkrankungen wie Krebs oder schweren Herz-Kreislauferkrankungen rechnen. Ab einer Gesamtbelastung von 100 Millisievert im Jahr rechnet man in einer Gruppe von 100 Personen mit einem zusätzlichen Fall von Krebs und einer schwerwiegenden Herzkreislauferkrankung. Das war ungefähr die Strahlendosis, die man nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl in den meisten Ortschaften der Umgebung rekonstruiert hat.
Im Raum Tokio wurden am Dienstag und Mittwoch Werte um 0,8 Mikrosievert pro Stunde gemessen - das ist zwar für die Region gut 24 Mal so hoch wie vor der Reaktorkatastrophe, würde sich aber bei gleichbleibenden Strahlenmengen über ein Jahr auf rund sieben Millisievert addieren und bliebe damit ebenfalls deutlich unter den hundert Millisievert.
Todesgefahr für die 50 verbliebenen Arbeiter
In Hiroshima und Nagasaki war nach den Atombombenabwürfen 1945 die Kontamination durch Spaltprodukte weniger das große Problem, die Gefahr ging vor allem durch die direkte Strahlungswirkung der radioaktiven Wolke aus. Das zerstörte Gebiet wurde deshalb auch recht bald wieder aufgebaut und besiedelt. Zu langwierigen Belastungen kommt es vor allem dann, wenn große Mengen von radioaktiven Spaltprodukten wie Cäsium 137 freigesetzt werden, von dem die Hälfte des strahlenden Material erst nach dreißig Jahren zerfällt, oder Strontium 90 oder den noch viel langsamer zerfallenden, aber extrem toxischen Plutonium-Isotopen. Über das Gemisch der Spaltprodukte, die in Fukushima ausgetreten, gab es bisher keine Angaben. Das sei auch einer der Gründe, so Jacob, weshalb man über die langfristige Gefährdung der Bevölkerung und die Gesamtstrahlendosis durch radioaktiven Fallout in Japan derzeit nur spekulieren könne. Denn die ausgestoßenen Spaltprodukte tragen unterschiedlich zur Gesamtbelastung bei.
Die größte Sorge macht sich Jacob derzeit um die etwa 50 Techniker, Ingenieure und Feuerwehrleute, die sich direkt auf dem Reaktorgelände von Fukushima aufhalten und die drohende weitere Kernschmelze unter Kontrolle zu halten versuchen. Bei Strahlendosen von 400 bis 1000 Millisievert pro Stunde, die an einigen Stellen schon gemessen worden sein sollen, was tausendmal so viel ist wie normalerweise die Exposition über ein ganzes Jahr, können sie sich sogar in ihren Strahlenschutzanzügen nur wenige Stunden aufhalten.
„Sie erkranken sehr wahrscheinlich an der akuten Strahlenkrankheit, wenn die einmalige Dosis tausend Millisievert überschreitet“, sagt Peter Jacob. Ab einer Strahlenmenge von 5000 Millisivert sterben die Hälfte der so Exponierten innerhalb weniger Monate und 10 000 Millisivert oder mehr enden für jeden innerhalb weniger Wochen tödlich. Das war in Tschernobyl das Schicksal für 28 von 134 Feuerwehrleuten und Reservisten, die nach der Arbeit am havarierten Reaktor Opfer der akuten Strahlenkrankheit wurden.
Für die 50 „Helden“ ist die akute Strahlenkrankheit eine große Gefahr
In Deutschland dürfen Arbeiter und Techniker in Kernkraftwerken maximal einer Strahlung von 20 Millisievert pro Jahr ausgesetzt werden. Wenn Menschen wie jetzt die Mannschaft in Fukushima nach einem Unglück an Stellen arbeiten, an denen sie extremen Strahlendosen von 400 oder mehr Millisievert pro Stunde ausgesetzt sind, droht bei längerem Aufenthalt die akute Strahlenkrankheit.
Sievert und Millisievert (tausendstel Sievert) sind die Maßeinheit, die man für die von den unterschiedlichen Strahlungstypen - Alpha-, Beta- und Gammastrahlern - ausgehenden radioaktiven Belastungen eingeführt hat. Dabei hat man auch berücksichtigt, dass die verschiedenen von den Radionukliden abgegebenen radioaktiven Strahlungen unterschiedlich auf das lebende Gewebe einwirken.
Alpha- und Betastrahler wirken nur über kurze Entfernungen und durchdringen Haut oder Kleidung nicht, schädigen aber im Körper das Erbgut stark, wenn sie mit der Atemluft oder der Nahrung aufgenommen werden. Gammastrahler dagegen können wie Röntgenstrahlen den Körper durchdringen und schwere Schäden an den inneren Organen verursachen. Nur absolut dichte Strahlenschutzkleidung kann das verhindern. Ab einer Strahlendosis von etwa 500 Millisievert setzt bei Betroffenen ein sogenannter „leichter Strahlenkater“ mit Kopfschmerzen, Schnupfen und erhöhtem Infektionsrisiko ein. Männer können vorübergehend steril werden. Die leichte Strahlenkrankheit beginnt ab einer Dosis von 1000 bis 2000 Millisievert. Wiederkehrende Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und Appetitlosigkeit sind die Folgen. Statistisch stirbt einer von zehn Betroffenen innerhalb eines Monats.
Ab einer Dosis von mehr als vier- bis fünftausend Millisievert beginnt die akute Strahlenkrankheit, die schon eine halbe Stunde nach der Exposition einsetzen kann. Bei den Opfern kommt es zu unkontrollierten Blutungen im Mund, unter der Haut und in den Nieren. Die Hälfte von ihnen stirbt daran.
Höhere Dosen führen dazu, dass Magen und Darm extrem geschädigt werden und das Knochenmark zerstört wird. Es kommt zu schweren Infektionen und inneren Blutungen. In einigen Fällen kann mit einer Knochenmarktransplantation der Tod innerhalb weniger Wochen verhindert werden. Bei Dosen von mehr als zehntausend Millisievert sterben alle Betroffenen innerhalb einer Woche. (jom.)
Hingegen:
ulrich moskopp (ulrichmoskopp)
- 16.03.2011, 18:43 Uhr
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Mohammad Pahlavi (Pahlavi)
- 16.03.2011, 22:48 Uhr
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Hans-Joachim Zierke (ha-jo)
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- 17.03.2011, 09:50 Uhr
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Max Mahlheim (Akkin)
- 17.03.2011, 09:55 Uhr
