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Steinmeier in Afghanistan : „Die Gefahr ist größer geworden“

  • -Aktualisiert am

Steinmeier besucht eine Fahrschule der deutschen Helfer in Kabul Bild: AP

In jedem Gespräch, das Außenminister Steinmeier bei seiner Reise durch Afghanistan führt, ist die schlechte Sicherheitslage ein Thema. Erfolge gibt es dafür im Kleinen zu besichtigen: Bei der Ausbildung von Soldaten und Polizisten, die oft nicht einmal lesen, schreiben oder Auto fahren können.

          Afghanistan ist gefährlicher geworden als noch vor einem Jahr. Dieser Eindruck wird Außenminister Frank-Walter Steinmeier überall mitgeteilt auf seiner dritten und längsten Reise durch das Land. Nicht gleich im ersten Satz, auch nicht im zweiten platzen die deutschen Soldaten und afghanischen Politiker damit heraus. Aber in jedem Gespräch ist die schlechter gewordene Sicherheitslage ein Thema, auch an diesem Samstag, an dem ihn Präsident Karzai empfängt. Dabei hatte Steinmeier sich aufgemacht zu einem Überraschungsbesuch, um zu zeigen, dass der Einsatz Deutschlands und der Welt am Hindukusch lohnt.

          In Herat war noch nie ein deutscher Minister. Steinmeier hat sich am Freitag dorthin gewagt. Ein Wagnis war das nicht wegen der Gefahr eines Attentats. Herat, die drittgrößte Stadt Afghanistans, gilt als sicherer Ort. Durch die nahe Grenze zu Iran floss der Handel immer gut und sind Wohlstand wie Bildung vergleichsweise hoch. Steinmeier bewies Mut, weil sein Besuch, wenige Wochen vor der Mandatsverlängerung für den deutschen Afghanistan-Einsatz, daheim missgedeutet werden könnte: Denn im Westen Afghanistans, wo Herat liegt, ist kein deutscher Soldat stationiert; hier führen Italiener das Kommando. Deutschland beschränkt sich auf den Norden - und das solle auch so bleiben, sagt Steinmeier.

          Anleitung zur Selbsthilfe

          In Herat nahm er eine Trinkwasseranlage in Betrieb, die von Deutschland finanziert wurde und die 600.000 Einwohner zählende Stadt mit Wasser versorgt. Es ist die Ausnahme in Afghanistan, dass, wie in Herat, über 80 Prozent der Bevölkerung sauberes Trinkwasser bekommt. „Das Trinkwasserprojekt Herat zeigt exemplarisch, welch bemerkenswerte Fortschritte bei der Wiederaufbauarbeit in Afghanistan gemacht worden sind“, sagt Steinmeier. Die Bundesregierung zeige damit, dass Deutschland sich als Partner von ganz Afghanistan verstehe, auch wenn der Schwerpunkt des militärischen Einsatzes auf dem Norden liege.

          „Hier ist der Kühler, hier sind die Bremsschläuche”
          „Hier ist der Kühler, hier sind die Bremsschläuche” : Bild: AFP

          Es war ebenso ein Anliegen des Außenministers, auch auf den kulturellen Wiederaufbau hinzuweisen, den Deutschland am Hindukusch seit Jahren leistet. Er besichtigte die Zitadelle von Herat, ein monumentales Bauwerk, dessen Ursprung im Jahr 500 vor Christi Geburt vermutet wird. Die Trutzburg war weitgehend zerstört. Sie wird seit 2002 von Deutschland gemeinsam mit der Aga-Khan-Stiftung rekonstruiert und restauriert.

          Frieden und Sicherheit soll mit deutscher Hilfe in Kabul geschaffen werden, und zwar im Sinne des Wortes. Wie Deutschland Afghanistans Sicherheitskräfte ausbildet, oder vielmehr die afghanischen Lehrer dazu anleitet, das selbst zu tun, wird Steinmeier am Samstagmorgen in Kabul gezeigt.

          Die Logistikschule der „German Armed Forces“ ist eine große Lehrwerkstatt. Etwa 130 afghanische Unteroffiziere sollen hier in Schnellkursen das Fahren und Warten von Autos lernen. Mit einem halben Besenstil zeigt der afghanische Offizier im Motor eines amerikanischen Pickups herum: „Hier ist der Kühler, hier sind die Bremsschläuche.“ Zwei Dutzend Lehrlinge, auch sie alle in Uniform, stehen mit wachem Blick um die geöffnete Motorhaube herum. Der Offizier ist dermaßen auf Einsatz getrimmt am Tag des Ministerbesuchs, dass sein afghanischer Redefluss unterbrochen werden muss, damit Steinmeier zu dem Kreis treten kann.

          „Im Winter lassen sie einfach das Kühlwasser ab“

          Ausbildung wird an diesem Tag nur simuliert, doch sie läuft offenbar tatsächlich so ab unter deutscher Anleitung, und das seit vier Jahren. „Unser oberstes Gebot ist: Afghanen bilden Afghanen aus“, sagt der deutsche Oberstleutnant Ott-Engelmehr. Er ist einer der Zuständigen für die Beratung und Anleitung der afghanischen Lehrer, die alle Offiziere der afghanischen Armee sind. 120 Unteroffiziere werden derzeit unter deutscher Aufsicht im Logistikzentrum ausgebildet. Innerhalb von zwei Monaten sollen die Männer den Führerschein machen. Das ist sehr ehrgeizig, denn es mangelt am Mindesten. „Etwa 70 Prozent der afghanischen Unteroffiziere sind Analphabeten. Sie können keine Straßenverkehrsordnung lesen“, sagt Oberstleutnant Michael Kühne, auch er einer der Anleiter.

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