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Steinmeier in Afghanistan Das Problem heißt Pakistan

27.07.2008 ·  Das Nachbarland gilt in Afghanistan als eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu Frieden und Sicherheit. Das erfährt Außenminister Steinmeier auf seiner Reise von Politikern, Militärs und Studenten. Auch er spricht von einer Gefahr - aber vorsichtiger.

Von Wulf Schmiese, Kabul/Mazar-i-Sharif
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Nach dem Gewitter erscheint die Situation in Afghanistan bedrohlich wie lange nicht. Noch lachen beide, Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Afghanistans Präsident Hamid Karzai, als sie am Samstag aus dem Präsidentenpalast in Kabul treten. Die Pfützen, die der Platzregen hinterlassen hat, spiegeln die untergehende Sonne. Die Pinien ringsum geben der Abendmilde ihren harzigen Duft, Vögel zwitschern. Die Stimmung ist friedlich. Die Lage des Landes ist es keineswegs.

Steinmeier kennt die neue, gewaltige Bedrohung und wird sie in wenigen Minuten benennen: Pakistan. Mit Karzai hat er soeben lange darüber gesprochen, oben in dessen Arbeitszimmer vor jenem Marmorkamin, an dem sich vor Jahrzehnten der afghanische König wärmte.

Karzai nickt und scheint dankbar

Nun geben sie Auskunft über ihr Gespräch. Karzai preist Deutschland als den „guten Freund“ Afghanistans, zählt es zu den „ersten Unterstützern“ und dankt für die Murmelbahn, die ihm Steinmeier höchstselbst für seinen zweijährigen Sohn Mirwais in den Palast trug. Der Kleine sei da, sagt Karzai, und habe das Geschenk schon begeistert in Besitz genommen.

Steinmeier beginnt mit allgemeinen Freundschaftsformeln und redet, als sei der deutsche Einsatz am Hindukusch wie eine Murmel in der Bahn auf dem Weg zum Ziel. In der florierenden Stadt Herat ganz im Westen habe er am Freitag gesehen, wie es vorangehe, sagt er. Deutschland helfe dort gern beim Wiederaufbau der Kulturlandschaft. Zudem seien sechs Millionen Euro versprochen für Afghanistans Präsidentenwahl im nächsten Jahr - bei der Karzai wiedergewählt werden will. Der Präsident solle auch wissen, sagt Steinmeier, dass der Bundestag im Oktober billigt, die 3500 deutschen Soldaten der Isaf-Schutztruppe in Afghanistan um tausend weitere vom Jahr 2009 an zu verstärken.

Alles scheint gesagt, ein afghanischer Kameramann zieht schon den Kopfhörer vom Ohr, als Steinmeier das Kernthema seiner Reise nennt. Er verschachtelt den entscheidenden Satz, wie er so viele verschachtelt: „Nur bei kooperativem Verhalten aller Nachbarn können wir unsere Möglichkeiten bei der Verbesserung der Sicherheitslage erreichen.“ Was er damit meint, sagt er dann klar: „Auch wir schauen mit Sorge auf das Nachbarland Pakistan.“ Karzai nickt dazu, als sei er dankbar, dass es endlich raus ist.

„Der Vorwurf ist unfair und falsch“

Pakistan gilt in Afghanistan als das größte Hindernis auf dem Weg zu Frieden und Sicherheit. Jeder sagt Steinmeier das. Selbst im friedlichen Herat ereiferten sich die Provinzpolitiker, ihm das mitzuteilen. „Befreundete Nationen schicken ihre Söhne, um uns zu helfen“, lobt ein Mitglied des Provinzrates von Herat den Isaf-Einsatz von nunmehr 52.000 Soldaten. Trotzdem seien Rauschgiftanbau und Terrorismus nicht bekämpft worden. Der bärtige Mann ist in Rage und ruft Steinmeier zu: „Fragen sich diese Völker nicht, warum sich die Lage nicht gebessert hat?“

Das Problem sei doch, dass über die löchrige Grenze zu Pakistan die Gegner des afghanischen Wiederaufbaus ins Land kämen. „Aber es gibt keine Reaktion, dass sich Pakistan einmischt, und die internationalen Freunde sagen wenig, besonders Deutschland sagt nichts“, schimpft der Bärtige. Andere Provinzabgeordnete klatschen Beifall, und einer mit Turban ergänzt: „Für diesen Kampf gegen Al Qaida ist unsere Polizei viel schwächer ausgerüstet als die Gegner.“

Steinmeier wollte in Herat eigentlich den mit deutscher Hilfe fortschreitenden Aufbau einer 2500 Jahre alten Zitadelle feiern. Nun muss er sich wehren gegen die wegen Pakistan so aufgeregten Politiker: „Der Vorwurf ist unfair und falsch.“ Als G-8-Präsident im vergangenen Jahr habe er versucht, im Einvernehmen mit Pakistan die Grenze sicherer zu machen. Wegen der innenpolitischen Krise und dem Regierungswechsel in Islamabad sei jedoch „der Versuch leider zusammengebrochen“. Man müsse jetzt „wieder bei null“ anfangen.

„Jedem ist klar, dass die Lösung der Grenzfrage dringend geleistet werden muss“, weist Steinmeier den Vorwurf der Ignoranz zurück. Sonst werde „Sicherheit im Süden kaum zu leisten sein“. Damit hat Steinmeier sich schon den Verdacht der Afghanen zueigen gemacht, dass auch Pakistan hinter der Instabilität Afghanistans steckt. Aber am Freitag ist noch keine Kamera dabei, die ihn filmt, und kein Mikrofon, das ihn aufnimmt.

Studenten vermissen deutsche Soldaten im Süden

Auch im Gespräch mit Studenten Herats kann sich Steinmeier noch unbeachtet wähnen. Wieder ist Pakistan das Thema, obgleich der Minister sich nur erkundigen wollte, warum Afghanen Deutsch studieren. Die Studenten dürfen auch ihn befragen, und der Vierte legt gleich los: „Jeden Tag explodiert es irgendwo. In halb Afghanistan ist Krieg. Es gibt einige Länder, die keine Sicherheit wollen. Was sollen wir machen?“

Steinmeier antwortet vage. Wo militärisches Auftreten notwendig sei, müsse es auch geleistet werden. Statt aber nun den gemeinsamen Kampf gegen Pakistan auszurufen, verkündet Steinmeier eine ganz andere Botschaft: „Es gibt kein Interesse von uns, militärisch auf Dauer zu bleiben. Wir wollen, dass Afghanistan wieder auf die Beine kommt.“ Aber Besatzer sei die Isaf nicht, ihr Aufenthalt „nur vorübergehend“.

Diese Botschaft hält Steinmeier für elementar, damit Afghanistan das Isaf-Militär akzeptiert. Doch die Studenten wie die Provinzpolitiker scheinen gar nichts gegen anhaltende deutsche Militärhilfe zu haben. Ein Student fragt gar, wann endlich Bundeswehrsoldaten auch in den Süden kämen. „Es macht keinen Sinn, die einen Soldaten auf die andere Seite zu schicken“, entgegnet der Außenminister auf die Forderung, die ihm daheim schon Schwierigkeiten genug bereitet. Der Norden, wo die deutschen Soldaten dienten, sei „ein riesiges Gebiet“.

In Kabul ist die Ausweitung der deutschen Zuständigkeit kein Thema; Pakistan dafür umso mehr. Karzai schweigt bei seinem Auftritt nach dem Gespräch mit Steinmeier dazu. Am Kamin jedoch nennt er die Bedrohung aus Islamabad „sehr, sehr ernst“. Hunderte überquerten die Grenze. Es gebe auch Beweise dafür, dass der pakistanische Geheimdienst hinter dem blutigen Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul stecke, der jüngst verübt wurde. Warum die Grenze poröser geworden sei, will Steinmeier wissen. Die Kräfte in Pakistan nutzen die amerikanische Schwächeperiode vor dem Regierungswechsel in Washington aus, mutmaßt Karzai.

Appeasement gegenüber den Taliban?

Genauso hat es Steinmeier zuvor auch schon von ranghohen Vertretern der Vereinten Nationen und höchsten Militärs der Isaf erfahren. In Pakistan glaube man, dass bis Jahresende kein Druck aus Amerika zu fürchten sei und bis dahin Zeit bleibe, die Taliban militärisch zu stärken. Seit einem Nichtangriffsabkommen der pakistanischen Regierung mit Talibanführern habe die Zahl der illegalen Grenzgänger nach Afghanistan enorm zugenommen. Es herrsche „Appeasement gegenüber den Taliban“, erfährt Steinmeier. Ein Isaf-Mann bezeichnet Pakistan als „eines der größten Probleme“ in der Region.

Ein Nato-Sprecher in Kabul spricht von „150 Zwischenfällen am Tag“ in Afghanistan. Doch Dreiviertel der Anschläge, meistens sind es Selbstmordattentate, würden im Süden und Osten verübt, also nahe der Nord-West-Grenze Pakistans.

Schon auf dem jüngsten G-8-Gipfel in Japan wurde über Pakistan gesprochen - und zwar anders als früher: Amerika und Großbritannien verteidigten ihren Verbündeten nicht mehr. Die Außenminister mühten sich keineswegs, wegzudiskutieren, dass sich das Verhalten Pakistans verändert habe. Von „Erkenntnissen der Isaf“ wurde gesprochen, dass Tatschiken, Tschetschenen und Araber in Scharen von Pakistan nach Afghanistan gingen. Klar wurde schon da, dass der Westen einen schärferen Ton anschlagen würde gegen Pakistan. Der deutsche Außenminister hat damit nun in Kabul begonnen.

Wer ist genau gemeint?

Die Frage ist nur, und Steinmeier stellt sie auch Karzai: Wer genau ist gemeint, wenn von Pakistan gesprochen wird? Der Geheimdienst? Die Armee? Die Regierung? Der Präsident? Wer hat dort zum Ziel, Afghanistan zu schwächen? Karzai weiß darauf nur ungefähr zu antworten, dass sich der Geheimdienst wie die Armee hinter einer schwachen Regierung verstecken würden. Afghanistan mache es sich aber zu einfach, warnt Steinmeier den stets charmanten und oft wolkig plaudernden Präsidenten, nun die ganze Schuld für die eigene Misere Pakistan zu geben.

Der Abend in Kabul bleibt mild und warm. Afghanistans Außenminister Spanta gibt ein Essen für seinen Freund Frank-Walter im gepflegten und streng abgeschotteten Park hinter dem Ministerium. Fünf weitere Minister Karzais sind gekommen zum Nachtmahl unter einer hölzernen Pagode, die meisten sprechen deutsch. Zum Nachtisch werden blaue Trauben aus Kandahar serviert, einer Hochburg der Taliban.

Eigentlich geht's um die Atommächte

Steinmeier und Spanta können von ihren Plätzen auf einen Rohbau direkt neben dem Außenministerium schauen. Es ist ein Anbau für das Außenamt, den Indien weitgehend finanziert. Ausgerechnet der Erzfeind Pakistans engagiert sich zunehmend für den Wiederaufbau Afghanistans.

Was wie ein gutes Zeichen wirkt, könnte böse enden. Denn als Grund für Pakistans Versuch, Afghanistan schwach zu halten, gilt die Gegenmacht Indien. Sollte sie Pakistan angreifen, setze es auf Afghanistan als Rückzugs- und auch Vorratsraum für seine Kämpfer. Das hört Steinmeier immer wieder als Begründung in Kabul für Pakistans Umgang mit Afghanistan. Es gehe gar nicht um das geschundene Land am Hindukusch, es gehe eigentlich um die verfeindeten Atommächte Indien und Pakistan.

Die Schächtung findet dann doch nicht statt

Am Sonntag soll ein Schaf geschächtet werden neben Steinmeier. Dazu fliegt eine Transall C160, die seit vierzig Jahren im Dienst der Bundeswehr Truppen transportiert, den Außenminister und sein Dutzend Leibgarde in Splitterschutzwesten nach Mazar-i-Sharif, die Provinzhauptstadt von Balkh hoch im Norden Afghanistan. Ganz in der Nähe betreibt die Bundeswehr ihr größtes Feldlager außerhalb Deutschlands: Camp Marmal heißt es, eine öde Containerstadt in Brandhitze. Dort sitzt das Oberkommando der Deutschen in Afghanistan.

Vor dem Camp liegt ein schwarzes Schaf bereit für die Schlachtzeremonie in der sengenden Mittagssonne, die Hufe verbunden. Denn Steinmeier und der Gouverneur von Balkh sollen den Grundstein für ein neues Trainingszentrum zur Schulung afghanischer Polizisten legen. Die Schächtung gehöre bei solchen Ereignissen traditionell dazu wie in Deutschland der Champagner zur Schiffstaufe, entschuldigen die Deutschen die ihnen unangenehme Situation. Es sollten aber möglichst keine Fotos vom dem blutspritzenden Schaf mit Steinmeier gemacht werden. Gouverneur Atta hält eine Rede, „im Namen des Allmächtigen“ lobt er die gute Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Der stolz wirkende Mann endet mit dem Satz an die Deutschen: „Ich bitte Sie, dass Sie uns nicht alleine lassen.“ Die Schächtung findet dann doch nicht statt. Das afghanische Schaf darf wieder frei herumlaufen - zumindest solange die Deutschen da sind.

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