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Dementis und Vorwürfe : Steckt Russland hinter dem Anschlag mit dem Gift Nowitschok?

Soldaten tragen Schutzanzüge während der Ermittlungen zur Vergiftung des ehemaligen Doppelagenten Skripal und dessen Tochter. Bild: dpa

Boris Johnson ist sich ziemlich sicher: Hinter dem Anschlag von Salisbury steckt der Kreml. Die EU indes kann sich auf keine klare Schuldzuweisung einigen. Aus gutem Grund.

          Das Bekenntnis war halbherzig. Mit einer Erklärung haben am Montag die EU-Staaten im Fall des Giftgasanschlags auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal Solidarität mit der britischen Regierung demonstriert. Zugleich aber vermieden es die Außenminister der Mitgliedsstaaten, Russland eindeutig als Schuldigen für das Attentat auf Skripal und seine Tochter Julia zu benennen. Die EU nehme die Einschätzung Großbritanniens sehr ernst, hieß es. Man habe keine andere plausible Erklärung. Woher auch.

          Das ist wenig unter Freunden und Partnern, angesichts der Äußerungen aus London. Außenminister Boris Johnson hatte am Sonntag in einer BBC-Sendung gesagt, Großbritannien verfüge über Beweise, dass Russland das beim Anschlag eingesetzte Nervengift Nowitschok in den vergangenen zehn Jahren produziert habe und bevorrate. „Höchstwahrscheinlich“ stecke Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich hinter den Anschlag.

          Dennoch blieb man in Brüssel vorsichtig. Dafür lassen sich gute Gründe anführen. Das liegt nicht an den vielstimmigen und teils widersprüchlichen Dementis des Kremls. Nicht an der diplomatischen Krise zwischen Moskau und London. Und auch nicht an den Vorbehalten Griechenlands. Dem russischen Staatsapparat ist durchaus zuzutrauen, eine solche Tat vorzubereiten und auszuführen. Doch gemessen an der Schwere der Vorwürfe gegen die russische Führung hat die britische Regierung bislang – zumindest öffentlich – nichts Stichfestes vorgelegt. Und auch die Indizienlage bleibt widersprüchlich.

          Widersprüche auf beiden Seiten

          Fest steht, dass der 66 Jahre alte ehemalige Oberst des russischen Geheimdienstes GRU und seine Tochter am 4. März auf einer Parkbank im englischen Salisbury bewusstlos aufgefunden wurden. Ein britisches Referenzlabor hat zudem festgestellt, dass die beiden mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet wurden. Die tödliche Chemikalie wurde in der Sowjetunion entwickelt und nach dem Ende des Kalten Krieges auch in den Vereinigten Staaten hergestellt. Ein Entwickler des Nervengifts brachte das Wissen Mitte der 90er Jahre in den Westen und veröffentlichte die Molekularstruktrur 2008 in einem Buch. Darum lässt sich Nowitschok überhaupt verlässlich identifizieren. 

          Woher das Gift aber in konkreten Fall stammt, ist bislang völlig offen. Sowohl die britische als auch die russische Seite äußern sich mehrstimmig. Großbritanniens Außenminister Boris Johnson sagt, es gebe Beweise dafür, dass Russland in den vergangenen Jahren Nowitschok produziert und gelagert hat. Premierministerin Theresa May hingegen mutmaßt, Russland habe seine Chemiewaffen vielleicht einfach nicht unter Kontrolle.

          Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte nach seiner Wiederwahl am Sonntagabend, sein Land habe nichts mit dem Anschlag zu tun. Schließlich habe man sämtliche chemische Waffen vernichtet. Sein stellvertretender Außenminister Sergej Rjabkow hatte Tage zuvor noch behauptet, dass es weder in Russland noch in der Sowjetunion ein Programm zur Entwicklung von Nowitschok gegeben habe.

          Wie auch immer sich die Politiker äußern: In  der Sowjetunion als auch in Amerika dürfte es Bestände an Nowitschok gegeben haben. Russland hat zwar in der Tat inzwischen sämtliche Chemiewaffen laut Aussage internationaler Beobachter vernichtet. Doch heißt das nicht, dass das Land seine Fähigkeit zur Produktion chemischer Kampfstoffe verloren hat; über diese Fähigkeit verfügt Russland vermutlich weiterhin, zumal in kleinen Mengen. Auch andere Akteure könnten in Besitz des Gifts gelangt sein.

          Giftgasanschläge kein staatliches Monopol

          Was den Tatablauf und die Motive angeht, kursieren jede Menge Vermutungen. Mehr nicht. Ist die Substanz im Gepäck von Julia Skripal von Moskau aus nach Großbritannien gelangt? Wollte Putin einen längst enttarnten Gegner beseitigen? Und wenn ja, warum zu so einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, seiner Wiederwahl? Erwartungsgemäß führt der Kreml selbst ähnliche Beschuldigungen vice versa ins Feld. Die Briten hätten ein Motiv, weil sie von den Problemen beim Brexit ablenken wollten.

          Das bedeutet alles nichts. 1995 starben bei einem Chemiewaffenanschlag in der Tokioter U-Bahn zwölf Menschen. Giftgasexperten hatten bis dahin einmütig angenommen, solch eine Tat sei nur mit staatlicher Unterstützung ausführbar. Doch am Ende steckten ausschließlich Mitglieder der bis dato kaum bekannten Aum-Sekte hinter der Tat, zu denen auch Wissenschaftler zählten.

          Vertreter der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) aus Den Haag sollen nun in internationalen Labors das Nervengift genauer untersuchen. Zwei Wochen oder länger. Ob ihre Erkenntnisse stichfeste Hinweise auf die Herkunft des Stoffs und die möglichen Drahtzieher liefern, ist dabei völlig offen.

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