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Staatsbesuch in Algerien Hollande bezeichnet Kolonialzeit als „ungerecht und brutal“

Bei seinem Staatsbesuch in Algier erkennt Frankreichs Präsident François Hollande vor dem Parlament „die Leiden an, die die Kolonialisierung dem algerischen Volk zugefügt hat.“ Den Blick auf heutige Missstände vermeidet er.

© dpa Vergrößern Frankreichs Staatspräsident François Hollande umging in Algier eine explizite Entschuldigung, brachte aber seine Scham über die französische Kolonialvergangenheit zum Ausdruck

Es war das schönste Gastgeschenk, das François Hollande dem algerischen Präsidenten überbringen konnte. In einigen kurzen Sätzen hat der Sozialist mit über einem Jahrhundert französischer Geschichte abgerechnet. „Algerien war 132 Jahre lang einem zutiefst ungerechten und brutalen System unterworfen“, sagte der französische Präsident und erkannte „die dem algerischen Volk durch die Kolonisierung zugefügten Leiden“ an. Frankreich habe seine „universellen Werte“ nicht respektiert, als am 8. Mai 1945 in Setif und zwei anderen Städten Demonstrationen blutig niedergeschlagen wurden, fügte Hollande hinzu.

Seiner Rede vor den beiden Kammern des algerischen Parlaments hatte Hollande die Beteuerung vorweg geschickt, er werde sich nicht entschuldigen. Doch im Urteil, das er am Donnerstag über die französische Kolonialvergangenheit fällte, schwang so etwas wie Scham über die Rolle Frankreichs mit. Hollande sprach von „Gewalt, Ungerechtigkeit, Massakern und Folter“, nicht aber vom Alltag in den beiden dem Mutterland einverleibten algerischen Departements.

Hollande und Bouteflika © AFP Vergrößern Einigkeit in der Staatsresidenz: François Hollande kommt der Geschichtssicht des 75 Jahre alten algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika sehr nahe

Damit kam er der Geschichtssicht des 75 Jahre alten Abdelaziz Bouteflika sehr nahe. Der algerische Präsident ist ein Mann der alten Garde, der im Freiheitskampf politisch groß wurde und seit 1999 einem verkrusteten Regime vorsteht. Ganz im Sinne Bouteflikas blendete Hollande in seiner Rede das Schicksal der „harkis“, der für Frankreich kämpfenden algerischen Hilfssoldaten aus. Schätzungsweise 150.000 von ihnen wurden in den Wirren nach der Unabhängigkeit als „Verräter“ massakriert.

Dabei behauptete der französische Präsident, „die Wahrheit, nichts als die Wahrheit“ über die gemeinsame Geschichte vorzutragen. Ein „Frieden der Erinnerung“ könne nur auf einer genauen Kenntnis der historischen Ereignisse gründen. Hollande unterließ es, auch die algerische Staatsführung zu einem schonungslosen Umgang mit der eigenen Geschichte aufzufordern.

„Ein neues Zeitalter“

Die Rede stand ganz im Zeichen des erklärten Ziels, „ein neues Zeitalter“ der freundschaftlichen Kooperation mit Algerien einzuleiten. Hollande sprach von „einer strategischen Partnerschaft unter Gleichen“. Hollande suchte den Vergleich zum deutsch-französischen Aussöhnungsprozess nach dem Krieg. Algerien und Frankreich müssten wie vor einem halben Jahrhundert Deutschland und Frankreich für Europa zum „Motor“ der mediterranen Zusammenarbeit werden, sagte Hollande. Das klang ganz wie Jacques Chirac vor fast zehn Jahren.

Der hatte bei seinem triumphalen Besuch im März 2003 in Algier versucht, einen algerisch-französischen Freundschaftsvertrag nach dem Modell des deutsch-französischen Elysée-Vertrages auszuarbeiten. Doch scheiterte der Wunsch schon bald am von Klientelismus und Korruption geprägten algerischen Regime - und an der Weigerung Chiracs, die Kolonialvergangenheit pauschal negativ zu beurteilen. Dass die Demokratie eine Voraussetzung für den fruchtbaren deutsch-französischen Annäherungsprozess war, will Hollande offensichtlich bis heute nicht einsehen. So vermied er in seiner Rede jede kritische Bemerkung zum politischen System in Algerien.

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Die Umwälzungen in der arabischen Welt haben in Algerien bislang kaum Spuren hinterlassen. Die junge Generation hat ihren Glauben an die Politik verloren. Das ist auch eine Spätfolge des Bürgerkrieges, der in den Neunziger Jahren zwischen dem islamistischen Untergrund und dem staatlichen Repressionsapparat tobte und schätzungsweise 150.000 Tote forderte. Am Anfang dieser mörderischen Zeit stand der Versuch einer demokratischen Öffnung.

Hollande aber vermied den Blick auf algerische Missstände, sondern lobte das Land als „jung, dynamisch und mutig“ und ließ keinerlei Ungeduld erkennen, dass sich Algerien vom Prozess der politischen Öffnung im „arabischen Frühling“ abgeschottet hat. Wiederholt betonte er „gemeinsame Werte“ und „gemeinsame Prinzipien“ und nannte das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ als Beispiel. Er lobte, Algerien und Frankreich hätten zusammen in den Vereinten Nationen für einen aufgewerteten Beobachterstatus für die palästinensische Autonomieverwaltung gestimmt. Auch in der Sahelkrise sollten Algerien und Frankreich „gemeinsam“ vorgehen, sagte er.

Die algerische Staatsführung sträubt sich weiterhin gegen eine militärische Intervention im politisch instabilen Mali. Sie fürchtet, dass Frankreich die Folgen eines Einsatzes nicht ermessen und die afrikanischen Truppenstellerstaaten überfordert. Den jungen Algeriern aber sprach Hollande aus dem Herzen, als er Visaerleichterungen in Aussicht stellte.

French President Francois Hollande in Algier © REUTERS Vergrößern Werben für die französisch-algerische Freundschaft: In den Straßen von Algier sucht Hollande die Nähe zur Bevölkerung

Der Präsident warb für einen verstärkten Studentenaustausch nach dem Vorbild des europäischen Erasmusprogramms. Die Studentenwohnheimsiedlung in Paris soll um ein „Algerien-Haus“ erweitert werden, versprach Hollande. Er wünsche sich mehr algerische Studenten an französischen Universitäten. Deshalb stand auch ein Besuch in der Universität Tlemcen auf dem Programm.

Kern der algerisch-französischen Freundschaftserklärung aber bildet der Handelsaustausch, auch wenn Hollande betonte, er sei nicht als „Handelsreisender“ nach Algerien gekommen, eine Anspielung auf seinen Vorgänger Sarkozy. Bouteflika schenkte bei dem französischen Präsidenten zum Abschied zwei Berberpferde samt handbesticktem Sattel. Dabei ist Hollande, im Gegensatz zu Sarkozy, noch nie als geübter Reiter in Erscheinung getreten.

Quelle: F.A.Z.

 
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