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Srebrenica : Das große Schweigen

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Auf dem Friedhof von Potocari werden immer noch bosnische Muslime beigesetzt: Ein Begräbnis im Juli 2017 Bild: EPA

Vor der Urteilsverkündung gegen den als Kriegsverbrecher angeklagten ehemaligen General Ratko Mladic haben sich bosnische Serben und Muslime in Srebrenica wenig zu sagen. Die Erinnerungen an das Massaker von 1995 sind allgegenwärtig.

          Am Dienstagmorgen setzen sich in Srebrenica zwei kleine Reisegruppen in Bewegung. Während die eine mit dem Bus zum Flughafen der bosnischen Hauptstadt Sarajevo aufbricht, fährt die andere in die entgegengesetzte Richtung, zum Flughafen Belgrad in Serbien. Reiseziel beider Gruppen: Den Haag in den Niederlanden, Schauplatz des letzten großen Prozesses des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien.

          So unterschiedlich die Reiserouten sind, so unterschiedlich sind die Anliegen. Während die über Belgrad anreisende Gruppe bosnischer Serben am Mittwoch, dem Tag der Urteilsverkündung, vor Ort Solidarität mit ihrem ehemaligen General Ratko Mladic bekunden will, möchten die über Sarajevo nach Den Haag fliegenden Bosniaken ein letztes Mal in die Augen des Mannes blicken, den sie für den Tod ihrer Liebsten verantwortlich machen. Sie nennen Mladic ein „Monster“ und fordern dessen höchstmögliche Bestrafung.

          Auch Nura Mustafic reist nach Holland. Die 70 Jahre alte Frau ist schwer erkältet, aber das sei kein Grund für sie, die Reise abzusagen. „Mladic hat mir alles genommen“, sagt sie mit gebrochener Stimme. „Wegen ihm habe ich heute niemanden mehr, dem ich etwas erzählen kann, keine Enkelkinder, mit denen ich spielen kann.“ Im Juli 1995, als serbische Einheiten Srebrenica, damals eine sogenannte „Schutzzone“ der Vereinten Nationen, einnahmen und mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen töteten, starben auch Nuras Ehemann und ihre drei Söhne.

          Dass der deutsche Reporter einen Serben als Übersetzer zum Gespräch mitgebracht hat, irritiert die ältere Dame spürbar. „Mir ist egal, ob jemand Moslem, Serbe oder Kroate ist“, erklärt sie zwar nach kurzem Innehalten, aber man merkt, dass das Misstrauen groß ist. „Ich will, dass Mladic lebenslänglich hinter Gitter kommt und die Welt erfährt, wer verantwortlich für diesen Genozid ist“, sagt Mustafic.

          Wer heute nach Srebrenica fährt, passiert einige Kilometer vor der Osteinfahrt den Gedenkfriedhof von Potocari. Lange Reihen Tausender weißer Grabsteine erinnern an die Opfer des Massakers vor 22 Jahren. Noch immer kommen täglich Angehörige hier vorbei, um zu trauern. Ansonsten liegt eine bedrückende Ruhe über den Gräbern.

          Im Zentrum von Srebrenica leben Muslime und Serben inzwischen zumindest auf den ersten Blick friedlich nebeneinander. Es gibt zwei Moscheen und eine große serbisch-orthodoxe Kirche. Lebten nach dem Krieg fast nur Serben in der Stadt, machen Bosniaken inzwischen etwa wieder etwa die Hälfte der etwa 10.000 Einwohner aus. Auch die Tatsache, dass Srebrenica zur Republika Srpska, also zum von bosnischen Serben regierten Landesteil Bosnien und Herzegowinas, gehört, hielt viele Familien nicht davon ab, zurückzukehren. Anders als in anderen Gegenden des Landes, wo religiös beziehungsweise ethnisch motivierte Hassverbrechen zuletzt wieder zunahmen, bleibt es in Srebrenica meistens ruhig.

          Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption – die Probleme sind die gleichen

          Erst auf den zweiten Blick offenbart sich, wie angespannt das Verhältnis zwischen den Ethnien weiterhin ist. Als ein junger Serbe und ein Bosniake etwa zuletzt gemeinsam Konzerte in Srebrenica organisierten, wurden sie von Angehörigen beider Volksgruppen als „Verräter“ angefeindet. Auch die Tatsache, dass zahlreiche Serben, wenn auch meistens hinter vorgehaltener Hand, Sympathien für Mladic bekunden, sorgt für Unruhe. Srebrenicas serbischer Bürgermeister Mladen Grujicic weigerte sich zuletzt zudem einmal mehr, die Verbrechen von 1995 einen „Genozid“ zu nennen.

          Gleichzeitig ignorieren viele Bosniaken, dass auch serbischen Familien in Srebrenica im Krieg viel Leid widerfuhr. „Meine Mutter wurde vor meinen Augen getötet, als ich sechs Jahre alt war“, sagt der Gelegenheitsarbeiter Marko Sekulic wütend. Warum habe sie kein Denkmal bekommen? Während alle nur über Mladic und Karadzic redeten, sei Naser Oric, der berüchtigte frühere Kommandeur der bosnischen Armee, in Den Haag einfach so freigesprochen worden.

          Fest steht: Armut und Arbeitslosigkeit treffen beide Volksgruppen in Srebrenica gleichermaßen hart. Korruption, Vetternwirtschaft und Unfähigkeit der politischen Akteure, die nur allzu gerne mit nationalistischen Ansagen Öl ins Feuer gießen, auch. Viele der Häuser im Ortskern stehen leer, gerade musste die letzte Bäckerei Srebrecinas schließen.

          Ratko Mladic, bosnisch-serbischer General während des Bosnien-Krieges und mutmaßlich für das Massaker von Srebrenica verantwortlich, ist in Serbien immer noch angesehen. Ein Graffito von ihm wurde auf eine Wand in einem Vorort von Belgrad gemalt. Öffnen

          „Viele meiner Freunde haben unserer Heimat den Rücken gekehrt“, sagt Mladen Stojanovic, ein junger Englischlehrer, der in der örtlichen Bücherei jobbt und nicht nur auf die Politiker, sondern auch auf die vielen Hilfsorganisationen schimpft, die „mit ihren seltsamen Projektideen hier niemandem helfen“. Gerade sei übrigens mit finanzieller Hilfe aus den Niederlanden eine Craftbeer-Brauerei in Srebrenica eröffnet worden.

          Besonders hässlich werden die Gespräche am Abend, wenn sich in einer der wenigen Kneipen der Alltagsfrust mit Alkohol mischt. „Niemals wurden hier 8000 Muslime ermordet, höchstens 1000“, sagt ein Gast und bekommt jede Menge Zuspruch der Runde. „Den Rest der Gräber haben sie mit Hundeknochen aufgefüllt.“

          Auffällig ist, dass in Srebrenica viele Menschen über den Krieg und das Massaker von 1995 reden, aber fast immer nur Serben mit Serben und Bosniaken mit Bosniaken.

          „Was den Kontakt zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen betrifft, herrscht das große Schweigen“, sagt ein Unternehmer, der seinen Namen lieber nicht nennen will. Niemals würde er mit seinem muslimischen Nachbarn über das sprechen, was in Srebrenica passiert ist, erklärt der Serbe traurig. „Wir verstehen uns eigentlich ganz gut, die Kinder spielen zusammen, aber wenn es um den Krieg und die Vergangenheit geht, dann reicht ein Funke und es könnte schon morgen wieder losgehen“.

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